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Terrorverdächtiger Tolga D. : „Rieche den Duft des Paradieses“

Von der Polizei geschlossen: das Neu-Ulmer „Multi-Kultur-Haus” Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Spuren des am Frankfurter Flughafen verhafteten terrorverdächtigen Deutschen Tolga D. führen nach Ulm. Die Stadt gilt seit längerem als Hochburg der Islamistenszene. Im Umfeld eines Informationszentrums werben sie um neue „Märtyrer“.

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          Die Zeitblomstraße in Ulm liegt in einem ruhigen Wohnviertel. Auf dem Karlsplatz, der an die Zeitblomstraße grenzt, schieben deutsche und türkische Mütter ihre Kinderwagen hin und her. Ein kleines Weingeschäft, ein Fahrradladen, spielende Kinder. Treffpunkte der islamistischen Szene müssen nicht auffällig sein.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Auch das „Islamische Informationszentrum“ (IIZ) sieht aus wie eine Zweigstelle der Kreisvolkshochschule. „Islam ist Frieden“ steht auf einem Aufkleber an der Tür, die in der Farbe des Islams grün umrandet ist. „Selbsterziehung in Wissen, Geist und Moral“ und „Erlaubtes tun und Verwehrtes vermeiden“, ist auf einem Zettel zu lesen, der Neugierigen Auskunft über die Tätigkeit des Zentrums geben soll. Ein alter VW-Bus mit zwei bärtigen Männern fährt vor. „Wir wollen nur kurz vorbeischauen“, sagt einer der beiden als er sich beobachtet fühlt, steigt wieder in das Auto und fährt schnell weiter.

          Vorwurf der Volksverhetzung

          Der Inhaber des benachbarten Fahrradgeschäftes beobachtet das IIZ seit längerem. Er weiß natürlich, dass der Verfassungsschutz und die Polizei das Zentrum als Anlaufstelle für terroristische Islamisten in Verdacht haben. „Die Wände sind nicht so dünn, da wird gebetet. Das Publikum ist jünger geworden, es sind sehr viele deutsche Konvertiten, die in das Zentrum kommen“, sagt er.

          Polizisten durchsuchen das Neu-Ulmer Zentrum nach dem Verbot

          Die baden-württembergische Stadt Ulm und die bayerische Nachbarstadt Neu-Ulm gelten seit Mitte der neunziger Jahre als Zentren des islamischem Extremismus in Süddeutschland. Schon vor dem 11. September 2001 hatten die Sicherheitsbehörden „einige auffällige Kernpersonen“ in Ulm beobachtet. Auch die Spuren des am Dienstag am Frankfurter Flughafen verhafteten terrorverdächtigen Deutschen Tolga D. führen nach Ulm. Tolga D. soll einen Deutschen für den Dschihad angeworben haben. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt gegen ihn wegen Volksverhetzung und wirft ihm vor, einen deutschen Staatsbürger für einen fremden Wehrdienst angeworben zu haben.

          El Masri verkehrte im „Multi-Kultur-Haus“

          Auch zum IIZ hatte Tolga D. Kontakte, er war Vereinsmitglied. Personen, aus dem Umfeld des IIZ, waren an der Ausspähung einer amerikanischen Kaserne im hessischen Hanau beteiligt. „Das Beängstigende an diesem Zentrum ist, dass dort vor allem deutsche Konvertiten mit einer radikal-islamistischen Weltsicht konfrontiert werden, manche besuchen Schulungen in Saudi-Arabien oder Ägypten und kommen noch radikalisierter zurück“, sagen deutsche Staatsschützer.

          Das IIZ ist möglicherweise nur ein Überbleibsel einer straff organisierten islamistischen Szene, die sich bis Ende 2005 im „Multi-Kultur-Haus“ in Neu-Ulm traf. Zahlreiche radikale Islamisten hatten Kontakt zum im Dezember 2005 vom bayerischen Innenminister Beckstein (CSU) verbotenen Multikulturhaus: Der unter Terrorismusverdacht vom amerikanischen Geheimdienst verschleppte Khaled el Masri soll sich dort aufgehalten haben.

          Die „jungen Wilden“

          Der zum Islam konvertierte Thomas Fischer aus Blaubeuren, der im Namen des Dschihad nach Tschetschenien gegangen und dort getötet worden war, kannte die Prediger in Neu-Ulm. Mahmoud Salim, ein mutmaßlicher Geldbeschaffer Usama bin Ladins wurde von Freunden aus Ulm am Stuttgarter Flughafen abgeholt, als er 1998 dort landete. Auch Omar Yousif, der sich in einem Ausbildungslager für Terroristen in Pakistan aufgehalten haben soll, hatte Verbindungen in die Neu-Ulmer Szene.

          Zeitweise sprachen die Verfassungsschützer von den „jungen Wilden“. Warum sich diese Verdächtigen im bayerisch-württembergischen Grenzgebiet sammeln, hängt größtenteils von Zufällen ab. Gefährliche Islamisten beobachten die Verfassungsschützer auch in Mannheim oder Stuttgart.

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