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Prozess in Berlin : Der andere Anschlag

Der Terrorverdächtige Magomed-Ali Ch. wird im August 2018 nach einem Haftprüfungstermin beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe abgeführt. Bild: dpa

Heute beginnt in Berlin der Prozess gegen Magomed-Ali Ch. Er soll in der Hauptstadt mit zwei anderen Islamisten einen Anschlag vorbereitet haben. Einer davon war Anis Amri, der spätere Attentäter vom Breitscheidplatz.

          Ab heute 10 Uhr steht der 31 Jahre alte russische Staatsangehörige Magomed-Ali Ch. in Berlin vor Gericht. Er soll einen islamistischen Anschlag in der Hauptstadt geplant und dafür eine große Menge Sprengstoff in seiner Wohnung am Rande der Hauptstadt gelagert haben. Mögliches Ziel soll das Einkaufszentrum Gesundbrunnen-Center im Bezirk Mitte mit mehr als hundert Geschäften und mehr als 33.000 täglichen Besuchern gewesen sein.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Das Verfahren, das auf 39 Verhandlungstage angesetzt ist und unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen stattfindet, ist brisant. Denn Ch., der aus der russischen Teilrepublik Dagestan an der Grenze zu Tschetschenien stammt, soll nicht allein gehandelt haben. Der Generalbundesanwalt geht davon aus, dass er zwei Mitverschwörer hatte: Einer ist Clément B., ein französischer Islamist, der in Frankreich im Gefängnis sitzt. Der andere ist Anis Amri, der Attentäter vom Breitscheidplatz. Die Verhandlung vor dem 6. Strafsenat des Berliner Kammergerichts kann also eventuell auch Aufklärung darüber geben, ob der Tunesier Amri, der lange als Einzeltäter dargestellt wurde, Teil eines terroristischen Netzwerks war, das bis zu den jenen Islamisten reichte, die Ende 2015 in Paris die verheerenden Anschläge begingen.

          Der Angeklagte soll schon in seiner Heimat als Islamist bekannt gewesen sein. Als er Ende 2011 nach Deutschland kam und einen Asylantrag stellte, wurde dieser abgewiesen, Ch. hätte abgeschoben werden müssen. Doch tauchte er unter, soll in Belgien in der Stadt Verviers in der islamistischen Szene verkehrt sein und dort den Franzosen Clément B. kennengelernt haben. Als Ch. 2013 zurück nach Deutschland kam, erhielt er zunächst eine Duldung, später eine Aufenthaltsgestattung. Eine Abschiebung nach Russland wurde zwei Jahre später untersagt, weil ihm Gefahr für Leib, Leben und Freiheit drohe. In Berlin verkehrte Ch. in der Fussilet-Moschee in Moabit, wo sich radikale Islamisten, darunter viele Tschetschenen, trafen. Dort soll er auch Amri kennengelernt haben.

          Da die Behörden erfuhren, dass Ch. angeblich nach Syrien zum IS reisen wollte, erteilten sie ein Ausreiseverbot. Daraufhin soll Ch. seinen Freund Clément B. nach Berlin eingeladen haben. Der Franzose soll im Juli 2015 unter dem Namen Ismael Dschabrailow eingereist sein und sich gegenüber den Behörden als Tschetschene ausgegeben haben. Da er durch den Kontakt mit tschetschenischen Islamisten auch Russisch gelernt habe, sei seine falsche Identität nicht aufgefallen. Ch. und B. sollen ab dem Sommer 2015 einen Anschlag geplant und vorbereitet haben und bis zum Oktober des folgenden Jahres eine große Menge des Sprengstoffs TATP hergestellt oder beschafft haben. Amri soll nach Auffassung des Generalbundesanwalts ab Oktober 2016 den Anschlag mit vorbereitet haben.

          Dass es nicht zu dem Anschlag kam, soll mit einem Polizeibesuch bei Ch. in dessen Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Berlin-Buch zu tun haben. Im Oktober 2016 suchten Beamte Ch. für eine sogenannte Gefährderansprache auf. Das ist ein übliches Vorgehen bei der Gefahrenabwehr, um einen Verdächtigen von möglichen Straftaten abzubringen. Die Beamten, die keinen Durchsuchungsbefehl hatten, wussten allerdings nicht, dass in der Wohnung Sprengstoff gelagert und Clément B. sich dort aufgehalten haben soll. Der soll, aufgeschreckt durch den Polizeibesuch, zurück nach Frankreich gereist sein. Dort soll er einen anderen Anschlagsplan verfolgt haben und wurde im April 2017 festgenommen. In der Haft soll er seinem Vater in Gesprächen von dem fehlgeschlagenen Anschlagsplan in Berlin berichtet haben. Man habe den Sprengstoff schon in der Wohnung gehabt, es hätte „knallen sollen“. Doch dann seien „die Bullen“ gekommen. „Sonst hätte ich mich sicher mit Anis und seinen Kumpeln in die Luft gesprengt“ , soll B. gesagt haben. Bekannt ist das, weil die Gespräche abgehört wurden.

          So kamen die französischen Ermittler und dann auch ihre deutschen Kollegen auf den Anschlagsplan des Trios vom Herbst 2016 in Berlin. Am 22. August 2018 wurde Ch. von einem Sondereinsatzkommando in seiner Wohnung in Berlin-Buch festgenommen. Der Sprengstoff wurde allerdings bis heute nicht gefunden, was die Beweisführung für die Bundesanwaltschaft schwierig machen dürfte.

          Anis Amri aber machte nach dem Scheitern des Sprengstoffanschlags seine eigenen Plan. Und führte ihn am 19. Dezember 2016 auf dem Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz auf brutale Weise aus.

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