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Terrorbomben : Pakete mit Sprengkraft

Stärkere Kontrollen: Luftfracht nach Europa soll genauer überprüft werden Bild: dapd

Thomas de Maizière wollte kein Anti-Terror-Minister sein. Doch die wachsende Anschlagsgefahr zwingt ihn zur Kurskorrektur: Paketinformationen könnten elektronisch gespeichert werden, ein Großprogramm soll einen Anschlag verhindern.

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          Thomas de Maizière wird morgen nach Brüssel reisen. Auf dem Treffen der Innenminister der Europäischen Union will er sich stark dafür machen, dass die Luftfracht nach Europa genauer kontrolliert wird. Alles, was mit der Sicherheit des Luftverkehrs in der EU zu tun hat, soll nach dem Willen des Ministers unter ein gemeinsames europäisches Dach kommen. De Maizière will auch dafür werben, dass die Angaben von Sendern und Empfängern von Paketen, die von den Transportfirmen elektronisch gespeichert werden, „gescreent“ werden. Ein Päckchen aus dem Jemen, das an eine jüdische Einrichtung in Chicago adressiert ist, würde dann genauer angeschaut.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Thomas de Maizière weiß, wie ehrgeizig sein Vorhaben ist und dass er nichts davon schnell und vieles wohl gar nicht durchsetzen wird. Aber er möchte Entschiedenheit und Tatkraft demonstrieren. Denn die vergangene Woche ist für ihn schlecht gelaufen.

          Nebulöse Informationspolitik

          Es ging los am Samstag vor einer Woche, als bekannt wurde, dass zwei Sprengsätze aus dem Jemen auf Flughäfen im britischen Nottingham und in Dubai gefunden worden waren. Vermutlicher Absender: Al Qaida. Entdeckt wurden die Sprengsätze durch einen Hinweis des saudischen Geheimdienstes. De Maizière ließ an diesem Samstag eine übliche beschwichtigende Erklärung verfassen. Da stand etwa, dass es nicht klar sei, ob es sich um „wirkfähige Sprengvorrichtungen“ handele. Und dass die Sicherheitsmaßnahmen in Deutschland auf einem „lageangepassten Niveau“ lägen. Und natürlich: „Es liegen keine konkreten Hinweise auf Anschlagsplanungen gegen Deutschland vor.“ Das alles entsprach der bisherigen Linie des Innenministers, sich von seinem Vorgänger Wolfgang Schäuble abzusetzen und die Öffentlichkeit möglichst nicht mit Terrorwarnungen zu verschrecken.

          Schlechte Woche: Thomas de Mazière möchte Tatkraft demonstrieren

          Doch nur wenige Stunden nach der Beschwichtigung wurde bekannt, dass der in Großbritannien gefundene Sprengsatz sich zwei Tage zuvor drei Stunden lang, zwischen 23 und 2 Uhr nachts, auf dem Flughafen Köln/Bonn befunden hatte, als er umgeladen wurde. Die Briten hätten das ausgeplaudert, die Deutschen hätten aus ermittlungstaktischen Gründen lieber geschwiegen, beschwerten sich später die hiesigen Sicherheitsbehörden.

          Doch die wahren Gründe für die nebulöse Informationspolitik liegen tiefer. In der Nacht vom Donnerstag zum Freitag war in Köln zunächst nicht erkannt worden, dass sich da hochexplosive Fracht auf den Weg nach England macht. Erst kurz nach dem Start des Flugzeugs von Köln erfuhren die Deutschen aus saudi-arabischen Geheimdienstquellen davon. Diese Informationen wurden aber nicht weitergereicht. So war der Bundesinnenminister noch am Samstag nicht richtig im Bilde. Vor allem aber erfuhr die Bundeskanzlerin nichts. Dadurch geriet Angela Merkel in eine höchst peinliche Lage. Als sie zusammen mit ihrem Mann Joachim Sauer am Samstagabend beim britischen Premierminister David Cameron auf dessen Landsitz Chequers zu Gast war, sprach Cameron sie auf den Vorfall an. Merkel war nicht richtig im Bild. Das Gespräch, in dem sie ihren Innenminister zur Rede stellte, dürfte nicht angenehm ausgefallen sein.

          Die Absender hatten mehr als ein Dutzend Sprengpäckchen verschickt

          So erstaunt es nicht, dass die Briten sich stur stellen, als die deutschen Ermittler sich den Sprengsatz in Nottingham genauer anschauen wollen. Mittlerweile gilt als sicher, dass die Zünder der Sprengsätze funktionsfähig waren. Sogar einen Testlauf hatten die Paketversender von Al Qaida aus dem Jemen im September unternommen, berichteten amerikanische Ermittler. Sie verschickten CDs, Bücher und andere Waren des täglichen Gebrauchs an die gewünschten Adressen in Amerika, um zu sehen, wann die Pakete geladen und wann sie transportiert wurden.

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