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Anschlag in Straßburg : Hausgemachter Terror

Trauerbeflaggung vor dem EU-Parlament in Straßburg Bild: dpa

Die Attacke auf den Weihnachtsmarkt erinnert schmerzlich daran, dass Frankreichs Integrationsmodell gescheitert ist. Abschiebungen ausländischer Gefährder können das Problem nicht lösen.

          Frankreich kommt nicht zur Ruhe. Der Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt von Straßburg trifft ein gespaltenes Land, dessen Bruchlinien die Protestbewegung der „Gelbwesten“ in den zurückliegenden Wochen offengelegt hat. Als er noch Wirtschaftsminister war, hat Emmanuel Macron der französischen Gesellschaft eine Mitverantwortung für den islamistischen Terrorismus zugesprochen. Die Republik habe ihr Versprechen der Gleichheit „ruiniert“, beklagte er nach den Anschlägen von Paris im November 2015. Die Attacke auf den Weihnachtsmarkt erinnert den Präsidenten schmerzlich daran, dass die Folgen der fehlgeschlagenen Integration muslimischer Zuwanderer noch lange nicht behoben sind.

          Der Werdegang des 29 Jahre alten Hauptverdächtigen Chérif C. erzeugt in Frankreich einen Déjà-vu-Effekt. Die Lebensläufe der französischen Terroristen ähneln sich. Ob sie nun Mohamed Merah heißen und in Toulouse vor einer jüdischen Schule Kinder ermordeten oder wie die Kouachi-Brüder im Gebäude von „Charlie Hebdo“ Redaktionsmitglieder erschossen: Sie haben alle die Schulen der Republik besucht. Sie besitzen einen französischen Pass. Die französische Wohlstandsgesellschaft bietet ihnen eine Grundversorgung und Möglichkeiten, die ihnen in den Ursprungsländern ihrer Eltern oder Großeltern verwehrt geblieben wären. Dennoch sind sie in die Kriminalität abgeglitten und haben sich für einen „Heiligen Krieg“ gewinnen lassen. Der Terror ist in Frankreich nichts Fremdes, er kommt nicht von außen. Er ist hausgemacht.

          Deshalb führt Marine Le Pens Forderung in die Irre, dass der Terrorismus mit der Abschiebung ausländischer Gefährder besiegt werden kann. Die Herausforderung wird dadurch nicht kleiner. Denn Frankreich wird noch lange unter einem gescheiterten Integrationsmodell leiden, zu dessen Merkmalen geringe Chancengleichheit im Schulsystem, hohe Schulabbruchquoten und hohe Jugendarbeitslosigkeit zählen. Diese Versäumnisse zu beheben wird viel schwieriger, kostspieliger und langwieriger sein, als Abschiebungen von Gefährdern ins Ausland zu organisieren. Macrons Neuerung, in den ersten beiden Grundschuljahren über besonders kleine Förderklassen sicherzustellen, dass niemand den Anschluss verliert, ist ein erster Schritt hin zu mehr Chancengleichheit.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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