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Terror und Amokläufe : Der Wahnsinn der Mörder ist ansteckend

  • -Aktualisiert am

Passanten gedenken vor dem Olympia-Einkaufszentrum in München den Opfern des Amoklaufs. Bild: dpa

Die freie Gesellschaft darf sich vom Wahnsinn der Mörder nicht anstecken lassen. Der wichtigste Erfolg für Terroristen ist jedoch, dass dies zum Teil schon geschehen ist.

          Wer es im Leben zu nichts bringt, kann im Tod zum Vorbild werden. Zum Beispiel kann sich noch der letzte Idiot vor den Zug werfen, und andere werden barmen: Der arme Mensch hat seinem Leben ein Ende gesetzt, er hat es – das Leben, die Depression, das Unverstandensein, den Liebeskummer – nicht mehr ausgehalten und den einzigen Ausweg gewählt, den er noch sah! Mit Betonung auf: gewählt.

          Wählen bedeutet kontrollieren, und die Aussicht darauf wirkt bezwingend auf Menschen, die sich ohnmächtig wähnen. Ihnen kann die Tat des Selbstmörders inspirierend erscheinen, so wie anderen Menschen ein Gericht, dass sie in einer Kochshow sehen: will man nachmachen. Deswegen berichten Zeitungen normalerweise bewusst nicht über Leute, die sich vor Züge werfen. Es soll halt keiner nachmachen.

          Natürlich weiß man in den Redaktionen, dass Menschen wissen, dass man vor Züge springen kann. Aber seit Werther und seinen Jüngern weiß man auch, dass Todeslust ansteckend ist. Da geht es aber nicht um Romantik-Ultras, deren Herzen in Reihe verbunden und dann Opfer einer Überspannungsabschaltung sind. Es geht um den Wunsch, so zu sterben, dass andere mitleiden. Unbemerkt leiden nur die, die sich das Leid nicht ausgesucht haben.

          Dabei sind die Grenzen fließend zwischen Selbstmord, erweitertem Selbstmord, Amoklauf und terroristischem Attentat. Gemeinsam ist allen, dass die Akteure ihr eigenes Leben und Sterben über das von anderen stellen. Wer vor den Zug springt, weiß, dass ein Lokführer damit fertig werden muss; er weiß nicht, ob der Lokführer eine Vollbremsung versucht, die in einem hinteren Waggon eine Schwangere unglücklich stürzen lässt. Es ist ihm auch egal.

          Wichtigster Erfolg islamistischer Terroristen

          Bringt ein Pilot ein vollbesetztes Flugzeug zum Absturz, weiß er, dass viele Menschen mit ihm sterben. Und dass die Zeitungen berichten werden: seine bisher egale Existenz ausleuchten wie ein Filmstudio, in dem sich die Tragödie abspielte, seine Fotos abdrucken wie die von Hollywood-Stars, bloß weiter vorne in der Zeitung, die Stars kommen ja erst irgendwo hinten.

          Noch mehr Aufmerksamkeit erzielt, wer seine Tat in einen Zusammenhang stellt mit Politik. Denn dann bleibt der Eindruck, dass der Wahnsinn Methode hat. Wer nicht nur für sich tötet, sondern für eine größere Sache, legt den Gedanken nahe, dass diese Sache wirklich groß sein muss. Und dass es andere geben wird, die sich auch für die Sache opfern werden.

          Diese Angst zu verbreiten ist der wichtigste Erfolg islamistischer Terroristen in den vergangenen Jahren. Wie die Menschen nach dem 11. September zusammenzuckten, wenn ein Flugzeug nur ein bisschen tiefer flog als normal; wie sie auf Reisen nicht mehr neben Männern mit schwarzen Bärten sitzen wollten und erst recht nicht, wenn die auf einmal anfingen, auf Arabisch zu beten; und wie sich dann herausstellte, es war bloß das Abendgebet zum Ramadan und Abendbrotzeit, endlich.

          Infiziert von der Angst

          Da bot dann so ein Mann den Umsitzenden von seinem Falafel an, und die Angst wurde abgelöst von Scham, aber die Terroristen wären, hätten sie das gesehen, wohl trotzdem zufrieden gewesen: Die Menschen waren infiziert von der Angst, die sie im Fernsehen gesehen hatten in den staubverklebten Gesichtern der New Yorker. Es ist eben beides ansteckend: die Angst und die Lust daran, sie zu erzeugen. Das bedingt einander.

          Das macht sich seit einigen Jahren der „Islamische Staat“ zunutze. Er bezieht seinen Schrecken nicht nur daraus, den Tod zu bringen, sondern auch daraus, eine schreckliche Geschichte zu erzählen, die immer weitererzählt wird.

          Sie ähnelt der mythologischen Geschichte von der Hydra, einem vielköpfigen Ungeheuer, das in Sümpfen lebte und herauskam, um Vieh zu reißen, wann immer ihm danach war. Wenn man ihm einen Kopf abschlug, wuchsen ihm zwei Köpfe nach. So soll der Tod jedes Mannes, der sich als Soldat des „IS“ ausgibt, neue Männer zu den Terroristen führen. Sie können sicher sein, dass ihre schreckliche Geschichte erzählt wird, im Fernsehen und in den Zeitungen; die neuen Kommunikationskanäle verstärken die Wirkung nur noch.

          Selbst Fachleute kommen durcheinander

          Zurzeit werden eine Menge Geschichten gleichzeitig erzählt, die Angst machen; sie überlagern einander. Eine weitere ist die von der Gewalt zwischen Schwarzen und Weißen in den Vereinigten Staaten. Weiße Polizisten erschießen einen Schwarzen; ein schwarzer Heckenschütze erschießt schwarze und weiße Polizisten und wird anschließend selbst erschossen.

          Polizisten erschießen einen weiteren Schwarzen; Straßenschlachten Schwarze gegen Polizisten, Festnahmen, am nächsten Tag Schüsse auf Polizisten woanders im Land, man weiß schon gar nicht mehr, welche Hautfarbe die hatten oder ob das für den Täter überhaupt eine Rolle spielte.

          Ein paar Wochen zuvor schießt und sticht ein Mann die britische Abgeordnete Jo Cox zu Tode, ein paar Monate zuvor sticht ein Mann der Kölner Oberbürgermeister-Kandidatin in den Hals, sie überlebt knapp. Im Fernsehen kommen selbst Fachleute durcheinander, wenn sie über Männer sprechen, die sich in Brüssel und Paris in die Luft sprengten – wer noch mal wann wo? –, und in Nizza ist die Waffe ein Lastwagen, bei Würzburg eine Axt. Wer ein Gehirn hat, muss das alles irgendwie verarbeiten; die Frage ist eben, wie.

          Schweigen, bis man etwas weiß

          Die große Mehrheit der Menschen versucht, trotz allem ein normales Leben zu führen und nicht jedem zu misstrauen, der an öffentlichen Orten einen Rucksack trägt. Eine kleine Minderheit von Menschen aber wird durch die schrecklichen Nachrichten inspiriert.

          Der „IS“ tut, was er kann, um den Effekt zu verstärken: Das Deutungsmuster ist seine Waffe. Er triumphiert, wenn bei einem Mord zuerst geschrieen wird, dass das doch wieder der „IS“ war. Schweigen kann und darf man nicht. Aber vielleicht schon so lange, bis man etwas weiß.

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