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Mutmaßlicher Todesschütze : Bankkaufmann, Verschwörungstheoretiker, Rassist

Der mutmaßliche Attentäter Tobias R. in seinem Video Bild: Youtube/Screenshot F.A.Z.

Der mutmaßliche Todesschütze von Hanau bezeichnet sich laut seiner Homepage als Bankkaufmann und Betriebswirt. In einem Video breitet er Verschwörungstheorien aus.

          3 Min.

          Die Website des Mannes, der in der Nacht auf Donnerstag in Hanau mutmaßlich zehn Personen und sich selbst erschossen hat, ist nicht mehr erreichbar. Doch man kann sich noch Zugang zu drei Dokumenten verschaffen, in denen Tobias R., nach Angaben des hessischen Innenministers ein 43 Jahre alter Deutscher mit Wohnsitz in Hanau, offenbar seine Paranoia und seine Vernichtungsphantasien gegenüber vielen Völkern der Erde ausmalt.

          Constantin van Lijnden

          Redakteur für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          In einem der Dokumente spricht R. davon, dass zur „Lösung des Rätesls“ mehrere Milliarden Menschen „eliminiert“ werden müssten; er propagiert zunächst eine „Grob-Säuberung“ und dann eine „Fein-Säuberung“. Der Verfasser hebt hervor, dass auch nicht „jeder, der einen deutschen Pass besitzt, reinrassig und wertvoll ist“. R. hatte vor allem Personen mit Migrationshintergrund getötet. Während seiner Ausbildung zum Bankkaufmann habe er „einen Banküberfall am eigenen Leib“ miterlebt. Es ist unklar, wie alt der Schrieb ist; der Autor spricht aber davon, dass er 42 Jahre alt sei. Ferner nimmt der Verfasser häufig auf den 11. September 2001 Bezug, den er als Wendepunkt in seinem leben beschreibt. Er legt außerdem dar, dass er sich schon wenige Tage nach seiner Geburt bewusst geworden sei, dass er überwacht werde.

          Am 14. Februar lud R. auf Youtube ein Video hoch, das seinen vollen Namen trägt und in dem er sich an Amerikaner wendet. Das Video hat eine Spielzeit von 102 Sekunden und trägt als Titel seinen vollen Namen. Es zeigt einen schätzungsweise 40 Jahre alten Mann mit weißem Hemd und schwarzem Sakko in einem Zimmer sitzend, hinter sich ein Bett, ein Sessel und ein Regal, in dem etwa zwei Dutzend Aktenordner ordentlich aufgereiht stehen. Der Raum wirkt aufgeräumt, der Mann sieht wie ein gewöhnlicher Büroarbeiter aus.

          „This is my personal message to all Americans“

          „This is my personal message to all Americans“, spricht er zu Anfang der Aufnahme mit leichtem deutschen Akzent in die Kamera, dies sei seine persönliche Botschaft an alle Amerikaner. Dann folgt in Stakkato diese Botschaft: Amerika stünde unter der Kontrolle von unsichtbaren Geheimgesellschaften, die die Gedanken anderer steuern könnten und ein System moderner Sklaverei aufrechterhielten. In Amerika gebe es geheime, unterirdische Militärbasen, in denen kleine Kinder gefoltert und getötet und teils der Teufel selbst verehrt werde.

          Die „Mainstream-Medien“ hätten davon keine Ahnung, und auch der Betrachter seines Videos müsste es vielleicht noch ein zweites oder drittes Mal aus anderen Quellen hören, bevor er es glauben wolle, doch nun wisse er es immerhin. Es sei die Pflicht aller Amerikaner, diese Basen zu finden und zu stürmen und diesem Albtraum ein Ende zu machen.  Sein abschließender Appell an die Zuschauer: „Fight now“ – „Kämpft jetzt“.

          Seeadler vor braunem Hintergrund

          Unter dem Video findet sich ein Link auf eine Homepage, deren Adresse ebenfalls den vollen Namen des mutmaßlichen Täters trägt und unter einer deutschen Domain registriert ist. Wer die Seite – die mittlerweile offline ist – geöffnet hat, hat als Erstes einen Weißkopfseeadler mit stechenden Augen und weit ausgebreiteten Flügeln und scharfen Krallen vor dunkelbraunem Hintergrund gesehen – ein Symbol der Vereinigten Staaten. Unter „Zur Person“ gibt der Mann an, er sei 1977 in Hanau geboren, dort aufgewachsen und zur Schule gegangen.

          Nach dem Abitur habe er Zivildienst abgeleistet, wobei er „Zivildienst“ in Anführungszeichen gesetzt hat. Anschließend habe er eine Lehre zum Bankkaufmann in Frankfurt gemacht. „Im Wintersemester des Jahres 2000 habe ich ein BWL-Studium in Bayreuth begonnen, welches ich im Frühjahr 2007 erfolgreich abschließen konnte.“

          Weiteren Angaben zufolge ist er Sportschütze gewesen und besaß deshalb legal Waffen. Nach Angaben des Deutschen Schützenbundes gehörte er dem Frankfurter Schützenverein Diana Bergen-Enkheim an. Laut dem Verein selbst war Tobias R. ein „eher ruhiger Typ“, der in keiner Weise auffällig geworden sei. Wie die Kreisverwaltung des Main-Kinzig-Kreises wissen ließ, besaß R. seit 2013 eine „waffenrechtliche Besitzerlaubnis“. Einen Jagdschein habe er dagegen nicht besessen.

          Zwei weitere Dokumente, die R. auf seiner Website zum Download anbot, behandeln den Irak und Afghanistan sowie eine „Strategie“ für den Deutschen Fußball-Bund (DFB). Das siebenseitige Schreiben zu Kampfeinsätzen in Afghanistan und Irak spiegelt nach seinen Angaben seine „Gedankengänge aus dem Jahr 1999“ wider. Sie beinhalteten seine „Vorstellungen über die erfolgreiche Umsetzung der Kampfeinsätze“ einschließlich einer „Medienstrategie“. Afghanistan bezeichnet er als „sogenanntes ,Drogenanbau- bzw. -exportland´“. Zu der von ihm ersonnenen Rolle der Bundeswehr meint er: Die Truppenstärke am Hindukusch hätte behutsam aufgebaut werden sollen. Und: „Erst stationieren wir ein Kontingent von 1000 Mann, einige Jahre später nochmal weitere 1000 Mann, dann 3 Tornados, usw.“

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          Als Jugendlicher für die Eintracht gespielt

          Wie R. in seiner „Strategie für den DFB“ ausführt, hat er vom 10. bis zum 15. Lebensjahr für die Frankfurter Eintracht gespielt. „Damit möchte ich ausdrücken, dass ich von mir selbst glaube, Ahnung von Fußball zu haben und tatsächlich auf einem hohen Niveau Fußball gespielt habe.“ Auch diese „Gedankengänge“ müssen Jahre zurück liegen, denn im Verlauf schreibt R. von der Einrichtung eines festen „Hauptquartiers“ mit dem Ziel, wieder Weltmeister zu werden. In militärischem Jargon fährt er fort, Spieler müssten darauf eingeschworen werden.

          Er fordert „psychisches Abhärtungstraining“. Ein Vorschlag dazu: „Nach Norwegen fahren und tauchen, um einen Blauwal unter Wasser einmal in die Augen zu schauen.“

          Was eine Nachbarin über Tobias R. sagt

          Eine Nachbarin der Familie R. beschrieb den Sohn und mutmaßlichen Täter im Gespräch mit der F.A.Z. als zurückhaltend und unauffällig. Er habe seine Mutter, die unter Parkinson und Demenz gelitten habe, wohl sehr gut gepflegt. Beide seien in der Vergangenheit oft in der Weststadt spazieren gegangen. Die Mutter habe dazu einen Rollator benutzt. In jüngster Zeit sei die Frau aber zunehmend pflegebedürftig geworden und habe das Haus kaum mehr verlassen können. Die Nachbarin nimmt ihren Worten zufolge an, dass Tobias R. seine Mutter vor dem eigenen Suizid erschoss, um sie nicht alleine zu lassen. Den Vater beschrieb die Nachbarin als eine schwierige Persönlichkeit, mit der es häufiger Ärger gegeben habe. Er habe den Nachbarn beispielsweise vorschreiben wollen, dass sie ihre Mülltonnen an Plätzen abstellen sollten, an denen sie nicht hätten stehen sollen. Außerdem habe er Gemeinschaftsparkplätze für die Bewohner mit alten Schrottautos zugestellt, die der Mann wohl „gesammelt“ habe. Mit dem Vater sei nicht zu reden gewesen, während der Sohn vernünftiger und zugänglicher gewesen sei. Es habe aus ihrer Sicht keine Anzeichen gegeben, dass von ihm eine solch fürchterliche Tat zu erwarten gewesen sei. (lu.)

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