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Deutsche Fußgängerzonen : Flanieren ohne Schutz

  • -Aktualisiert am

Auch auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt wird weiterhin auf den Schutz durch Beamte anstatt durch Poller gesetzt Bild: Maximilian von Lachner

Die vier größten deutschen Städte beschränken die Zufahrt zu Fußgängerzonen nicht mit Hindernissen. Dabei wäre ein Schutz mit Pollern weder teuer noch unpraktisch.

          Die vier größten Städte Deutschlands beschränken die Zufahrt zu ihren Fußgängerzonen nicht mit Barrieren. Weder in Berlin noch in München, Hamburg oder Köln hindern Schranken, Pfosten oder Poller Kraftfahrzeuge ohne Zufahrtsgenehmigung am Eindringen in die autofreien Zonen. Dort stehen nur Hinweisschilder. Wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Anfang Dezember berichtete, existierten vor drei Wochen auch keine Pläne, diesen Zustand zu verändern. Ob sich dies nach dem vermutlichen Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt mit bislang zwölf Toten ändert, ist bislang noch unklar.

          Seit dem Anschlag mit einem Lastwagen in Nizza vergangenen Juli mit 86 Toten war die Gefahr eines Terrorangriffs mit einem Fahrzeug ein bekanntes Risiko. Europol hatte Anfang Dezember abermals auch vor Angriffen mit Fahrzeugen in Europa gewarnt. Anders als bei Bombenanschlägen oder Angriffen mit Waffen ist die Beschaffung eines Wagens ein geringer Aufwand. Deswegen wurden seit Nizza auch in Deutschland Sicherheitsvorkehrungen bei Großveranstaltungen verschärft.

          Polizeipräsenz statt Zufahrtsbeschränkung

          Für die meisten größeren Straßenfeste gilt ein Sicherheitskonzept, das potentielle Angriffe mit Fahrzeugen berücksichtigt. Betonklötze – wie sie zwar in Nizza standen, aber umfahren wurden – sind dabei häufig im Einsatz. Das Oktoberfestareal wurde schon 2012 mit Pollern umringt. Auch Weihnachtsmärkte werden mittlerweile teilweise mit Betonquadern geschützt. Aber nicht überall. Die Fußgängerzonen bleiben das Jahr über ohne weiteres befahrbar.

          Die Zuständigkeit für Zufahrtsgenehmigungen liegt bei den lokalen Behörden. Aber dort ist die Verantwortlichkeit nicht immer eindeutig. Verkehrsdezernat, Ordnungsamt, Tiefbauamt und Polizei sind in verschiedenen Städten für Verschiedenes zuständig. Anfang Dezember hieß es aus dem Kreisverwaltungsreferat in München, die Zufahrt zu Fußgängerzonen würde durch „Polizei und kommunale Verkehrsüberwachung im Zuge der regulären Kontrolltätigkeit“ überwacht. Aktuell seien keine neuen Sicherheitsvorkehrungen erforderlich.

          Die Stadt Hamburg erklärte, Sicherheitsmaßnahmen seien unterschiedlichen Verhältnissen angepasst. „Es gibt kein einheitliches Konzept der Zufahrtsbeschränkung für Sicherheitszonen.“ In Berlin liegen die größten Einkaufsmeilen an Straßen. Die Wilmersdorfer Straße ist eine der wenigen reinen Fußgängerzonen. Aber auch sie kann man durchfahren, wenn man will. In Köln liegt eine der Zufahrten zur größten Fußgängerzone um die Ecke des Bahnhofs. Laut Stadtverwaltung bestehe dort seit vergangenem Silvester zwar „eine enorm verstärkte Polizeipräsenz“. Die Kontrolle von Fahrzeugen sei dabei jedoch zweitrangig.

          Schutz mit Pollern wäre kein großes Problem

          Dabei wäre es nicht besonders teuer, schwierig oder unpraktisch, die Zonen zu schützen. Der Lieferverkehr muss dafür nicht eingestellt werden. In anderen europäischen Ländern ist das längst üblich.

          Besonders häufig regeln das dort versenkbare Poller. In Amsterdam sollen Fußgänger bald von Autos ungestört vom Hauptbahnhof bis zum Rembrandtplein laufen können. Von Pollern abgesichert. London macht seit Jahren bestimmte Straßen nur noch für Busse oder Taxis zugänglich. Automatisierte Säulen regeln das. Auch in Berlin, beispielsweise am Brandenburger Tor, oder in Hamburg auf der Mönckebergstraße, dürfen nur bestimmte Fahrzeuge fahren. Kontrolliert wird aber fast nur mit dem Imperativ des Verbotsschilds.

          Auf dem Oktoberfest werden Poller seit 2011 eingesetzt.

          Dabei sind Lösungen mit Pollern verhältnismäßig günstig. Für vier versenkbare Exemplare, die eine Zufahrt üblicher Größe absperren, berechnen Firmen inklusive der Erdarbeiten circa 25 000 Euro. Innerhalb einer Woche sind sie eingebaut. Fahrzeuge mit Zugangsberechtigung erhalten dann zum Beispiel einen Transponder. Nähern sie sich der Absperrung, senken sich die Säulen. Natürlich kann, wer zu allem entschlossen ist, auch dieses System überwinden. Aber nur weil jemand über den Gartenzaun klettern könnte, heißt das ja nicht, dass der Besitzer ihn abschafft.

          Deutschland liegt bei der Poller-Sicherheit zurück – vermutlich aus Mentalitätsgründen. In Südeuropa gibt es die Systeme schon länger als die islamistische Terrorgefahr. Da Verkehrsschilder dort häufig ignoriert werden, konnten Städte nur mit Sperren unbefugte Zufahrt verhindern. In Deutschland genügte anscheinend ein Schild. Auch Beamten in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung in Berlin war die Verwundbarkeit der Flaniermeilen schon länger bewusst. Anfang des Monats sagte einer: „Ohne echtenDruck gibt es keine Investition in Poller. Vorschläge ohne direkten Nutzen werden zerredet.“ Was genügend Druck aufbauen könnte, müsse er ja nicht sagen.

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