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Gleichberechtigung : Teilzeit darf nicht mehr nach Frauenfalle klingen

Wenn Manuela Schwesigs Vorschläge zum Elterngeld Gesetz werden, dann könnte sich unser Blick auf Teilzeitkräfte verändern. Teilzeit könnte in den Augen mancher Chefs besonders hohe Motivation bedeuten.

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          Wer Elterngeld bekommt, darf bis zu dreißig Stunden in der Woche arbeiten. Aber das lohnt sich derzeit nicht. Denn das Teilzeit-Gehalt wird auf das Elterngeld angerechnet. Konkret heißt das: Wer während der zwölf Monate Elternzeit nicht arbeitet, bekommt die volle staatliche Leistung – zwei Drittel des Nettogehalts, das er oder sie vor der Geburt verdient hat. Wer aber während der Elternzeit schon wieder arbeitet, erhält als Elterngeld lediglich zwei Drittel der Lohndifferenz zwischen dem vorherigen Vollzeit-Einkommen und dem aktuellen Teilzeit-Einkommen. Die junge Mutter oder der junge Vater verzichtet also auf einen erheblichen Teil der staatlichen Leistung – und muss dafür noch schuften gehen. Das rechnet sich nicht.

          Und dann gibt es noch eine zweite Sache, die sich beim Elterngeld oft nicht rechnet: dass sich Paare die Elternzeit gleichmäßig untereinander aufteilen. Wenn beide eine Weile zu Hause bleiben, stehen ihnen vierzehn Monate Elterngeld zu. Die meisten entscheiden sich für zwölf zu zwei: das klassische Vätermonate-Modell. Es geht auch anders, aber wenn jeder sieben Monate nähme, hätten viele Familien höhere Einbußen. Stellt sich später die Frage, wer wann mit wie vielen Stunden in den Beruf zurückkehrt, setzt sich das Muster oft fort.

          Gleiche Arbeitszeit für beide

          Manuela Schwesig will an diesen beiden Punkten etwas verbessern: bei der Teilzeitarbeit in der Elternzeit und bei der Frage, wie sich Mütter und Väter Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung untereinander aufteilen. Das Bundesfamilienministerin hat jetzt einen Referentenentwurf für das „Elterngeld Plus“ an andere Ministerien gegeben. Wer künftig schon nach einigen Monaten Elternzeit wieder in Teilzeit arbeitet, kann demnach insgesamt länger Elterngeld beziehen, so dass die Ansprüche nicht mehr verfallen.

          Außerdem will die Ministerin einen Bonus einführen für Familien, in denen beide Eltern die Arbeitszeit auf 25 bis 30 Stunden reduzieren – und sich somit etwa gleich viel um ihre Kinder kümmern. Wer sich so organisiert, soll vier Monate lang zusätzlich Elterngeld bekommen. Eine Nachfrage dafür gibt es offenbar: 60 Prozent aller Paare mit Kleinkindern finden es ideal, wenn Mutter und Vater etwa gleich viele Stunden im Job arbeiten und auch gleich viel zu Hause machen. Aber nur vierzehn Prozent leben so.

          Wenn Schwesigs Vorschläge Gesetz werden (wofür einiges spricht), dann könnte das dazu beitragen, dass sich unser Blick auf Teilzeitkräfte weiter verändert. Teilzeit könnte in den Köpfen mancher Chefs nicht mehr mangelnde, sondern vielleicht sogar besondere Motivation bedeuten: weil jemand eben besonders früh wieder eingestiegen ist.

          Eine Lebensphasenentscheidung

          Und wenn sich mehr Väter entscheiden würden, einen Tag weniger in der Woche zu arbeiten, um mehr Zeit mit ihrem Kind zu verbringen, dann könnte das dazu führen, dass Teilzeit immer weniger nach Frauenfalle und Halbtagskraft klingt. Und immer mehr nach Chance und bewusster Entscheidung – einer Entscheidung, die oft keineswegs eine Lebensentscheidung ist, sondern allenfalls eine Lebensphasenentscheidung.

          Die Kanzlerin hat diese Woche vor Forschern in Heidelberg für die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Wissenschaft geworben. Merkel sagte, es sei ihr „Traumziel, dass ein Arbeitgeber nicht mehr weiß, egal, ob er die Frau oder den Mann einstellt: Wie entscheidet sich das Paar dann in der Aufteilung der Erziehungspflichten?“

          Natürlich wird ein neues Elterngeld-Gesetz nicht gleich unsere ganze Gesellschaft in diesem Sinne umkrempeln. Und natürlich ist es ein geschickter Schachzug Schwesigs, dass sie ihre Pläne nicht mit dem widerspenstigen Reform-Begriff etikettiert, sondern mit dem gefälligen Beiwort „Plus“. Aber was die Ministerin vorhat, geht in die richtige Richtung: Es verspricht tatsächlich einen Mehrwert. Für Mütter wie für Väter, vielleicht für uns alle.

          Florentine Fritzen
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

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