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Journalistische Quellen : „Der Taxifahrer sagt...“

  • -Aktualisiert am

Der Taxifahrer: Fremdenführer, Informant und Stimme des Volkes. Bild: Sebastian Matthäus

Früher waren Taxifahrer als Stimme des Volkes eine mächtige Gruppe: Ihre Meinung zur Weltpolitik stand ständig in der Zeitung. Wie konnte das passieren? Und warum ist es jetzt damit vorbei?

          7 Min.

          Keine Berufsgruppe hat in Deutschland in den vergangenen Jahren derartig an Macht verloren wie die Taxifahrer. Und Macht bedeutet hier: Einfluss auf die öffentliche Meinung, auf die Stimmungslage im Land, ja, auf das Land selbst. Die Macht der Taxifahrer fußte auf ihrem Einfluss auf Journalisten. Taxifahrer kamen überdurchschnittlich oft und prominent in Zeitungsartikeln zu Wort - und zwar zu Fragen der Weltpolitik.

          Kaum jemals las man, was Friseure oder Busfahrer über Adenauer oder Rassenunruhen dachten. Aber sehr wohl, was Taxifahrer darüber dachten. Die Gedanken der Taxifahrer wuchsen in den Artikeln zu grundsätzlichen Erwägungen. Ein einziger unzufriedener Taxifahrer konnte die Integrität eines Präsidenten in Frage stellen. In der Zeitung erschien der Fahrer als One-man-Shit-storm.

          Taxifahrer waren für Journalisten die Netzgemeinde in einer Zeit, als es noch keine Netzgemeinde gab. Sie repräsentierten in Zeitungsartikeln normale Menschen (auch wenn sie das natürlich nicht waren, sie waren eben Taxifahrer). Dabei war ihr größter Vorteil, stets verfügbar zu sein und Meinungen zu schlichtweg allem zu äußern, so wie heute die Leute auf Twitter und Facebook. Nichts war so einfach, wie mit Taxifahrern zu reden.

          Von den fünfziger Jahren bis kurz nach der Jahrtausendwende hatte das Wort von Taxifahrern ein ungeheures Gewicht in deutschen Zeitungen, und das lag nicht nur oder sogar kaum am Inhalt der Worte, sondern daran, dass sie so leicht zu haben waren, vor allem dort, wo die Journalisten sich nicht auskannten, also fast überall auf der Welt.

          Zeitungsarchive zeugen von der Macht der Taxifahrer

          Das ist in den vergangenen zehn Jahren weniger geworden, weil alles im Internet steht. Außerdem fahren Journalisten, um Geld zu sparen, seltener Taxi. Nur noch die Zeitungsarchive zeugen von der großen Zeit der Taxifahrer als Meinungsmacht. Ein Blick dort hinein offenbart, wie Taxifahrer geradezu pausenlos das Weltgeschehen analysierten. Ihre Kommentare wurden, abgedruckt in großen Zeitungen, selbst zum Weltgeschehen.

          Taxifahrer bekamen in Artikeln Hauptrollen, von denen manche Politiker ihr Leben lang träumten. Es ging dann meist nicht um Fahrpreiserhöhungen und die Parksituation am Bahnhof. Sondern um Krieg, Gaddafi oder die peruanische Militärjunta. Taxifahrer-Protagonisten sprachen, den Grenzen des Arbeitslebens entrissen, für eine ganze Bevölkerungsgruppe, für eine Stadt oder gar eine Nation. Das kam zufällig.

          Der Taxifahrer war derjenige, der den Journalisten an einem fremden Flughafen oder Bahnhof erwartete. Er hatte Zeit, er war allein und daher redselig. Im Ausland konnte er häufiger als andere Sätze in einer Sprache sprechen, die der Journalist auch schon mal gehört hatte. Im Taxi ließ sich außerdem bequem sitzen und mitschreiben. Die Anordnung - zu zweit, kein Blickkontakt, fast wie im Beichtstuhl oder spätnachts im Bett - verlieh dem Gespräch eine den Journalisten elektrisierende Intimität. Wozu eine Geschichte suchen? Hier war sie ja schon!

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