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Corona-Tests in Hildburghausen : Die Masse macht’s

  • -Aktualisiert am

Eine Mitarbeiterin des Deutschen Roten Kreuzes nimmt am Dienstag einen Abstrich beim Bürgermeister von Hildburghausen, Tilo Kummer (Die Linke), vor. Bild: dpa

Im gesamten Landkreis werden Kinder, Erzieher und Lehrer freiwillig auf eine Corona-Infektion getestet, eine in Deutschland bisher einmalige Maßnahme. Auch der Hildburghäuser Bürgermeister lässt sich testen – um Skeptiker zu überzeugen.

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          Die Kita „Werraspatzen“ in der Hildburghäuser Innenstadt ist am Dienstag die Zentrale eines Massenschnelltests, wie er bisher noch nie in Deutschland erprobt wurde. Bis Ende der Woche sollen im gesamten Landkreis rund 9000 Kindergartenkinder und Schüler sowie Erzieher und Lehrer auf eine Corona-Infektion getestet werden. Insgesamt hat der Landkreis dafür 11.000 Schnelltests erworben. Unter den Ersten, die sich testen lassen, ist auch Bürgermeister Tilo Kummer.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Er wolle mit gutem Beispiel vorangehen und die Ängste, die es im Zusammenhang mit dem Test gebe, abbauen, sagt der Linken-Politiker. Die Tests sind freiwillig. Doch Kinder, die ein negatives Ergebnis haben, dürfen bereits von diesem Mittwoch an wieder in die Kita gehen und müssen nicht bis zum vorläufigen Ende des strikten Lockdowns Mitte Dezember warten. In der vergangenen Woche hatte der Landkreis Hildburghausen im südlichen Thüringen mit einer Inzidenz von 630 Infizierten je 100.000 Einwohner in sieben Tagen deutschlandweit den Spitzenplatz eingenommen.

          Eine Großhochzeit gilt als Ausgangspunkt

          Auch wenn am Dienstag wieder die Region Passau „vorne“ lag, macht sich Tilo Kummer keine Illusionen. „Die Zahlen werden auch durch den Massentest steigen“, sagt er. Aber es helfe nichts, man brauche einen Überblick über das Infektionsgeschehen. Das war irgendwann im Oktober außer Kontrolle geraten, mit schlimmen Folgen im November. Inzwischen sind in der Region alle Intensivbetten belegt.

          Dabei hatten sie hier im Frühjahr kaum Corona-Fälle, womöglich sei dadurch eine gewisse Leichtfertigkeit oder Sorglosigkeit unter den Leuten entstanden, sagt Kummer. Inzwischen ist das Infektionsgeschehen so diffus, dass es kaum noch rückverfolgbar ist. Eine Großhochzeit im Umfeld eines Fußballvereins im Oktober gilt als ein Ausgangspunkt; ein Gast aus Bayern, der nichts von seiner Corona-Infektion wusste, soll dort rund 30 der mehr als 80 Gäste angesteckt haben.

          Ein Polizeifahrzeug steht am Montagabend auf dem Marktplatz in Hildburghausen.
          Ein Polizeifahrzeug steht am Montagabend auf dem Marktplatz in Hildburghausen. : Bild: dpa

          In der Folge verbreitete sich das Virus im gesamten Landkreis, auch in Altenheimen und Pflegeeinrichtungen sowie unter Mitarbeitern der Kommunen, von Rettungsdiensten und Feuerwehren. In einem Pflegeheim wurden von 172 Mitarbeitern und Patienten mehr als 90 positiv getestet.

          Anfang November musste Kummer die Hälfte der Kitas schließen, weil Angestellte in Quarantäne waren, ein Rettungswagen konnte mangels Personal nicht mehr ausrücken, die Feuerwehr ihre gesetzlichen Ankunftszeiten nicht mehr einhalten. „Corona hätte beinahe unsere gesamte kritische Infrastruktur lahmgelegt“, sagt Kummer.

          Auch deshalb blickt er verärgert auf diejenigen, die die Existenz der Pandemie leugnen oder – wie am vergangenen Mittwoch – auch öffentlich und ohne jede Schutzmaßnahme gegen Einschränkungen protestieren. „Ich habe Verständnis für jeden, der jetzt sein Leben umstellen muss, auch ich ärgere mich über manche kurzfristige Ankündigung“, sagt Kummer.

          Landrat wegen Morddrohung unter Polizeischutz

          Er verspricht, auch seine Kommunikation zu verbessern, aber er bittet inständig, die Regeln zu beachten. Die meisten der Einwohner Hildburghausens und auch des Landkreises tun das auch. Allerdings gibt es Bürgermeister kleinerer Orte, die sich weigern, an den Schnelltests teilzunehmen, und dafür im Wesentlichen zwei Begründungen anführen: die vermeintliche Angst der Kinder vor dem in weiße Schutzanzüge gekleideten Testpersonal sowie die Sorge, bei positiven Tests die gesetzlich vorgeschriebene Notbetreuung nicht mehr aufrechterhalten zu können.

          Dass sie damit aufgrund möglicher unentdeckter Fälle, die sich so unerkannt verbreiten könnten, die Sache nur noch schlimmer machen, zählt ebenso zu den Ärgernissen wie die zunehmende Bedrohung, der sich auch Kummer ausgesetzt sieht. „Der Ton im Internet hat sich noch mal massiv verschärft“, sagt er. Der Landrat, der vergangene Woche zur Vernunft aufgerufen hatte, steht wegen einer Morddrohung unter Polizeischutz. Ein erstes Ergebnis des Massentests soll Ende der Woche feststehen.

           

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