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Tanzverbot oder nicht? : „Dieser Staat ist nicht getauft“

  • -Aktualisiert am

Das Tanzverbot ist in Deutschland seit Jahren ein Streitthema. Bild: dpa

Ist das Tanzverbot am Karfreitag noch zeitgemäß oder nicht? Diese Frage sorgt für heftige Debatten – auch in der Politik. FAZ.NET hat bei den Fraktionen im Bundestag nachgefragt.

          Jedes Jahr entbrennt die Debatte aufs Neue: Tanzverbot am Karfreitag – ja oder nein? Die einen finden, das solle jeder für sich selbst entscheiden und argumentieren mit der bestehenden säkularen Trennung von Staat und Kirche in Deutschland. Andere hingegen bestehen auf die Einhaltung dieser Regelung an dem christlichen Feiertag. Im Zusammenhang mit Ostern ist der Karfreitag für das Christentum einer der bedeutendsten Feiertage.

          Am Donnerstag fachte der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert die Debatte neu an und forderte, das Tanzverbot an Karfreitagen abzuschaffen. Die Entscheidung, an Karfreitag feiern zu gehen, müsse jedem selbst überlassen werden, sagte Kühnert dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Er selbst würde keine Party in einer Kirche anmelden, doch „wer an dem Tag in die Disko gehen will, sollte das auch tun können“. 

          Wie stehen die Parteien im Bundestag dazu? FAZ.NET hat bei den Fraktionen nachgefragt.

          CDU/CSU

          Von der Unionsfraktion war am Donnerstag für FAZ.NET kein Politiker für eine Stellungnahme erreichbar. Der Essener CDU-Bundestagsabgeordnete Matthias Hauer sprach sich auf Twitter aber gegen eine Aufhebung des Tanzverbots aus. „Wenn [der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert] Disco am #Karfreitag fordert, dann würde das heißen: vorher auch arbeiten gehen. Nur weil #Christen dann dem Tag dem Sterben Jesu Christi gedenken, ist er nämlich überhaupt erst ein #Feiertag. #Tanzverbot“, schrieb Hauer.

          Auch der Frankfurter Bürgermeister und Kirchendezernent Uwe Becker (CDU) warb für die Einhaltung der Karfreitagsruhe. „An einigen wenigen Tagen im Jahr auf lautes Feiern zu verzichten, stellt keine besondere Einschränkung dar. Es ist vielmehr eine wichtige Geste, die von Respekt gegenüber den Mitmenschen zeugt und das friedliche Zusammenleben in unserer Stadt fördert“, sagte Becker am Mittwoch. Der Karfreitag sei als christlicher Feiertag dem Gedenken an das Leiden und die Kreuzigung Jesu Christi gewidmet. „Dies verträgt sich nicht mit lautem und ausgelassenem Feiern“, erklärte Becker.

          SPD

          Nezahat Baradari von der SPD findet, dass das Tanz- und Feierverbot am Karfreitag beibehalten werden solle. „Karfreitag ist für Christen das Symbol für den Kreuztod Jesu Christi und einer der wichtigsten, wenn nicht der höchste Feier-, bzw. Gedenktag. Aus Respekt vor den religiösen Gefühlen von Millionen Menschen sollte an den anderen verbleibenden 364 Tagen gefeiert und Party gemacht werden, aber nicht an Karfreitag. Es muss noch etwas Heiliges bleiben.“

          Bündnis 90/ Die Grünen

          Der außenpolitische Sprecher der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen Omid Nouripour meint dazu: „Die Grünen haben dazu Beschlüsse, wir sind auch für eine Aufhebung des Tanzverbots. Ich glaube aber, dass man bei religiösen Fragen sehr behutsam sein muss und die Gefühle der Gläubigen nicht verletzten darf. Man muss ja nicht unbedingt direkt vor der Kirche tanzen, aber wenn das jemand auf der Straße, fern von sakralen Orten, macht, müsste das doch möglich sein.“

          FDP

          Der entwicklungspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion Christoph Hoffmann vertritt eine ähnliche Auffassung: „Dieser Staat ist nicht getauft. Wir sind ein säkularer Staat, und deshalb bin ich auch für die Aufhebung. Derjenige, der seine religiösen Gefühle ausleben will, muss ja an dem Tag nicht tanzen gehen und ist dadurch auch nicht gestört.“ Dem schließt sich auch die Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen Ria Schröder an. Sie sagt, dass das Tanzverbot aus Sicht der jungen Liberalen ein Relikt aus vergangenen Zeiten sei. „Wir haben eine Trennung zwischen Staat und Kirche, und da muss es auch in Ordnung sein, wenn jeder seinen Tagesablauf unabhängig von solchen kirchlichen Dogmatismen gestaltet. Man kann niemandem aufzwingen, entsprechend zu trauern oder zu feiern, deshalb finde ich das Tanzverbot bevormundend. Es gehört abgeschafft.“ 

          Die Linke

          Die Linken-Abgeordnete Ulla Jelpke meint: „Das Tanzverbot am Karfreitag entstammt der Tradition eines klerikalen Obrigkeitsstaates. Es ist gänzlich unverständlich, dass eine solche vormoderne Regelung in unserer Gesellschaft, die aus einer Vielzahl von Konfessionen und Konfessionslosen besteht, noch Gültigkeit hat. Das Tanzverbot gehört schleunigst auf den Müllhaufen der Geschichte getanzt, ebenso wie alle anderen religiösen Privilegien, die in einer säkularen Gesellschaft nichts verloren haben.“ 

          AfD

          Joana Cotar, digitalpolitische Sprecherin der AfD-Fraktion, lehnt die Forderung nach einer Abschaffung des Tanzverbots ab. „Auch wenn ich selbst nicht religiös bin, respektiere ich die christlichen Werte als Grundlage unserer Kultur. Der Karfreitag ist einer der höchsten kirchlichen Feiertage überhaupt und wir sollten uns – sehr bewusst – zu unseren Traditionen und Werten bekennen. Und einen Tag mal innezuhalten, nachzudenken oder auch nur den Wunsch vieler Christen nach Stille zu respektieren, schadet nun wirklich niemandem – im Gegenteil.“

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