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Tagebau Garzweiler : Das wandernde Loch in der Landschaft

Bild: Edgar R. Schoepal

Braunkohle ist noch immer ein wichtiger Energieträger. Doch im rheinischen Revier müssen ihr viele Dörfer weichen. Ein Bürger klagt auf sein Recht auf Heimat. Am Dienstag will Karlsruhe sein Garzweiler-Urteil verkünden.

          Mitten in Nordrhein-Westfalen durchpflügt Nathan Müsch mit einem Geländewagen eine weitläufige Dünenlandschaft. Vor Millionen Jahren war die Gegend im Städtedreieck Köln, Aachen und Mönchengladbach von sumpfigem Wald bewachsen. Dann senkte sich die Niederrheinische Bucht und geriet immer wieder in den großen Mahlstrom der Urflüsse. Auch die Ur-Nordsee stieß in mehreren Wellen vor. Mit dem Wasser kamen Kies und vor allem Sand, die den Torf in mehreren Schichten zu mächtigen Flözen zusammenpressten. Weiter und weiter. Das rheinische Revier ist die größte europäische Braunkohlelagerstätte. In den drei Tagebauen Inden, Hambach und Garzweiler gewinnt der Energiekonzern RWE „braunes Gold“, aus dem jede vierte Kilowattstunde Strom in Deutschland hergestellt wird.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Müsch hat seinen Arbeitsplatz erreicht. Er sitzt in einer sachte schaukelnden Glasgondel und hat eines der Braunkohleflöze im Tagebau Garzweiler fest im Blick. Müsch dreht ein ganz großes Rad. Mit zwei kleinen schwarzen Hebeln navigiert er „Bagger 288“. Der Riese wird von den Bergleuten auch Lothar genannt. Lothar ist groß wie ein Hochhaus, lang wie ein Containerschiff und schwer wie 9.000 Mittelklasseautos. Mit Lothars Schaufelrad, das am Ende eines 70 Meter langen Fachwerkauslegers gelagert ist, baggern und baggern Müsch und seine Kollegen rund um die Uhr im Schichtbetrieb. Lothar ist ein raumgreifender Koloss. So viel Kohle baggert die Maschine ab, dass damit täglich eine Lkw-Schlange beladen werden könnte, die vom rheinischen Braunkohlerevier bis ins 250 Kilometer entfernte Minden reichen würde. Es ist der fossile Mahlstrom der Gegenwart, der mit dazu beiträgt, dass das Licht nicht ausgeht in Deutschland.

          Müsch war zunächst Betriebselektriker bei RWE und hat dann mehrere Jahre lang eine Ausbildung zum Großgeräteführer gemacht. „Es ist mein Traumberuf und sicher obendrein“, sagt der 33 Jahre alte Müsch. Sein Plan ist, bis zur Rente durchzubaggern. Bisher gab es kaum Zweifel, dass der Plan aufgehen würde. RWE hat die Genehmigung, bis 2045 Braunkohle im Tagebau Garzweiler abzubauen. Doch dann nahm das Bundesverfassungsgericht die Klage von Stephan Pütz aus dem kleinen Ort Immerath an. Immerath liegt aus Müschs Perspektive auf einem Hochplateau nur noch ein paar hundert Meter westwärts, in wenigen Jahren soll der kleine Ort abgebaggert werden. Garzweiler, nach dem die Tagebaue Garzweiler I und II benannt sind, und 13 andere Orte sind schon von der Landkarte verschwunden. Geht alles wie geplant weiter, werden bis in 30 Jahren 7.600 Menschen in der Region umgesiedelt worden sein.

          Mit der grünen Umweltministerin auf Bagger Lothar

          Erstmals befasst sich das höchste deutsche Gericht mit dem Tagebau-Ausbau. Es geht darum, „ob und inwieweit die mit dem Tagebau angestrebte Gewinnung von Braunkohle ein Enteignungen tragendes Gemeinwohlziel ist“, wie Ferdinand Kirchhof, der Vorsitzende des Ersten Senats, in einer mündlichen Verhandlung Anfang Juni formulierte. Pütz pocht auf sein Recht auf Heimat. Am Dienstag will das Gericht sein Urteil sprechen.

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