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Tag der Deutschen Einheit : Merkels Kulturschock

Feier zur Einheit: Kiels Oberbürgermeister Ulf Kaempfer mit Ehefrau Anke Erdmann, Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther mit Ehefrau Anke. Bild: EPA

Bei der Feier zum Tag der Deutschen Einheit in Kiel erinnert die Bundeskanzlerin daran, dass die Wiedervereinigung für viele Ostdeutsche mit großer Wucht gekommen sei – auch für sie selbst.

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          Beim offiziellen Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in Kiel hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu Offenheit und zur Wahrnehmung von persönlicher Verantwortung aufgerufen und sich gegen Intoleranz, Ausgrenzung und Hass ausgesprochen. Sie erinnerte in ihrer Festrede an die Opfer der SED-Diktatur und würdigte Bürger, welche die SED-Strukturen vor Ort entmachtet und in den Dialog gezwungen hätten. „Freiheit ist immer Freiheit und Verantwortung“, sagte Merkel bei der Feier in der Kieler Sparkassen-Arena. Die „Wucht der Einigung“ sei für viele Menschen in Ostdeutschland auch ein Verlust von Lebenssicherheit gewesen. Das gelte es anzuerkennen.

          Auch für sie habe die deutsche Einheit mit einem „Kulturschock“ begonnen. Doch auch wenn die Enttäuschung noch so groß sei, dürfe es niemals akzeptiert werden, dass andere „wegen ihrer Hautfarbe, wegen ihrer Religion, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung“ ausgegrenzt, bedroht oder angegriffen würden, so Merkel. Über große Herausforderungen müsse offen, lebendig und kontrovers diskutiert werden. Man dürfe sich dafür aber nicht in „Blasen oder Echokammern“ bewegen. Auch dürften die Ursachen von Schwierigkeiten nicht bei den Eliten gesucht werden. „Setzte sich ein solches Denken durch, führte dies ins Elend“, sagte Merkel.

          Merkel wies darauf hin, dass sich Ost und West schon in vielen Bereichen angenähert hätten. Insgesamt seien die Menschen so zufrieden wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Gleichzeitig müssten Politik und Gesellschaft aber verstehen, „dass und warum die deutsche Einheit für viele Menschen in den ostdeutschen Ländern nicht nur eine positive Erfahrung gewesen ist“. Die Mehrheit der Ostdeutschen verstünden sich als „Bürger zweiter Klasse“. Allein durch die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage gehe noch keine Identifikation mit der Demokratie einher.

          Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) forderte die Menschen dazu auf, „deutlich mehr Zeit für gemeinsame Lösungen“ aufzuwenden und bei anderen nicht nur Fehler zu suchen. Die Deutschen könnten sich wirklich glücklich schätzen. „Andere beneiden uns um unser verlässliches Gemeinwesen“, sagte Günther. Es gebe „objektiv keinen Grund, verzweifelt zu sein“. Die Menschen in der DDR seien extrem mutig gewesen, sagte Günther. Es sei eine Verhöhnung dieser Menschen, „wenn Parteien heute diesen Mut für ihre parteipolitischen Zwecke missbrauchen und von der Wende 2.0 reden.“ Der Begriff der Wende bleibe singulär und untrennbar mit dem Ende der DDR verbunden, sagte Günther.

          Am Donnerstagmorgen waren Angela Merkel sowie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und Bundesverfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle am Kieler Schifffahrtsmuseum von Ministerpräsident Günther und dem Kieler Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) empfangen worden und besuchten danach einen ökumenischen Gottesdienst in der Kieler Nikolaikirche. Neben dem zentralen Festakt in der Kieler Sparkassen-Arena wurde der Tag der Deutschen Einheit in Kiel auch mit einem Bürgerfest begangen, das bereits am Mittwoch eröffnet worden war. Neben den 16 Bundesländern stellten sich dort Institutionen, Vereine und Verbände den Besuchern vor. 

          Die Feier fand in der Landeshauptstadt Kiel statt, da Schleswig-Holstein den Vorsitz im Bundesrat inne hat. Am Donnerstagnachmittag übergab Daniel Günther dann den symbolischen Staffelstab an Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). Zum 1. November wird Brandenburg den Vorsitz im Bundesrat von Schleswig-Holstein übernehmen – und dann die zentrale Feier zum Tag der Deutschen Einheit im kommenden Jahr ausrichten.

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