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Ausgabe nur mit Ausweis : Essener Tafel verteidigt Aufnahmestopp für Migranten

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Jörg Sator, Vorsitzender der Essener Tafel, beantwortet in der Ausgabestelle Fragen der Journalisten. Bild: dpa

Die Tafel in Essen nimmt seit Januar nur noch Neukunden mit deutschem Pass an. Die Entscheidung löste Empörung aus. Jetzt schaltet sich sogar die Bundesregierung ein.

          Nach dem umstrittenen Aufnahmestopp für Ausländer bei der Essener Tafel hat die Bundesregierung Mitmenschlichkeit angemahnt. Die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer wollte am Freitag zwar nicht auf den konkreten Fall eingehen. Allgemein erinnerte sie aber daran, „dass Deutschland ein Land der Mitmenschlichkeit ist und in diesem Land jedem, der bedürftig ist, geholfen werden sollte“.

          Ein Sprecher des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales machte deutlich, dass die Bekämpfung von Armut und die Sicherung des Existenzminimums grundsätzlich die Aufgabe des Staates sei. „Die Tafeln stellen lediglich ein ergänzendes Angebot dar“, sagte er.

          Am Donnerstag war bekannt geworden, dass die Tafel in Essen seit Mitte Januar nur noch Bedürftige mit deutschem Pass neu in ihre Kundenkartei aufnimmt. Der Vorsitzende der Essener Tafel, Jörg Sartor, verteidigte den umstrittenen Schritt. „Ich stehe dazu“, sagte er am Freitag in Essen. Es sei im Tafel-Vorstand lange diskutiert worden über den Entschluss, abgesehen von den bisherigen Kunden vorerst keine weiteren Migranten mehr aufzunehmen.

          Aufgrund des Flüchtlingszuzugs sei der „Anteil ausländischer Mitbürger bei unseren Kunden auf 75 Prozent angestiegen“, begründete die Tafel ihre bereits im Dezember getroffene Entscheidung. In den vergangenen zwei Jahren hätten sich gerade ältere Tafel-Nutzerinnen sowie alleinerziehende Mütter von fremdsprachigen jungen Männern in der Warteschlange abgeschreckt gefühlt, hieß es. Der Aufnahmestopp sei nur eine vorübergehende Maßnahme, „wahrscheinlich nicht über den Sommer hinaus“. „Wir wollten erreichen, dass der Weg in die Tafel für alle wieder offen ist“, sagte Sartor.

          Kritik und Unverständnis

          Die Entscheidung der Essener Tafel stieß bundesweit auf Kritik und Unverständnis. Nach den Grundsätzen des Dachverbandes „Tafel Deutschland e.V.“ sei die Hilfe der gemeinnützigen Essensausgaben für alle gedacht, die dieser Unterstützung bedürften, sagte die Vorsitzende der Berliner Tafel, Sabine Werth, der Nachrichtenagentur dpa. „Für die Berliner Tafel gibt es keine Bedürftigen erster oder zweiter Klasse.“ Und: „Wir orientieren unser Handeln an der Mitmenschlichkeit und spielen die Bedürftigkeit der vielen Menschen in Berlin nicht gegeneinander aus.“

          Ähnlich kritisch wie die Berliner Tafel äußerten sich auch andere Landesverbände, etwa in Niedersachsen, Bremen und Hessen. „Wir sind für alle Bedürftigen da, egal welche Hautfarbe oder Nationalität sie haben“, sagte auch der Thüringer Landesvorsitzende Nico Schäfer der dpa am Freitag.

          Der Paritätische Wohlfahrtsverband in NRW kritisierte die Entscheidung ebenfalls. „Natürlich kann ich nachvollziehen, dass Tafeln unter großem Druck stehen und ihre Ressourcen im Blick haben müssen“, sagte Landesgeschäftsführer Christian Woltering am Freitag. „Aber Maßnahmen wie ein Aufnahmestopp sind Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten“.

          Kritik kam auch vom grünen Bundestagsabgeordnete Kai Gehring. Es widerspreche den Grundsätzen der Tafeln in Deutschland, die Essensvergabe an die Staatsangehörigkeit zu koppeln, teilte er mit.

          Die Tafeln bewahren Lebensmittel vor der Vernichtung und verteilen sie an Bedürftige. Deutschlandweit gibt es rund 930 Einrichtungen. Sie verteilen Lebensmittel, die beispielsweise Supermärkte gespendet haben. Wer Kunde bei einer Tafel werden will, muss seine Bedürftigkeit nachweisen. Die Empfänger müssen beispielsweise Hartz IV, Grundsicherung oder Wohngeld beziehen.

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