https://www.faz.net/-gpf-9zafp

Täter von Waldkraiburg : Aus Hass auf die Türkei

Der attackierte Döner-Laden in Waldkraiburg im Mai Bild: dpa

Er sei Anhänger des „Islamischen Staats“, sagt der Verdächtige für mehrere Anschläge in Waldkraiburg. Bei seiner Festnahme hatte er mehrere Sprengsätze dabei. Zum Verhängnis wurde ihm ein fehlender Fahrschein.

          3 Min.

          Als in den frühen Morgenstunden des 27. April die Fensterscheiben eines Lebensmittelgeschäfts in Waldkraiburg zerbersten und der Laden in Flammen aufgeht, glauben viele Menschen in der bayrischen Stadt nicht mehr an einen Zufall. Das Feuer entwickelt sich schnell, über den Haupteingang des Gebäudes können die Anwohner nicht mehr fliehen, sechs Anwohner werden verletzt. Nur die Warnungen eines Anwohners und das schnelle Eingreifen der Feuerwehr verhindern Schlimmeres. Von dem Geschäft bleibt nur noch eine Ruine, es entsteht ein Schaden in Millionenhöhe.

          Der Brandanschlag, dem wie sich später herausstellt eine Explosion vorausging, ist Teil einer Angriffsserie: Innerhalb von zehn Tagen kam es in Waldkraiburg neben dem Angriff auf das Obst- und Gemüsegeschäft zu Steinwurfattacken gegen einen Friseursalon, eine Pizzeria und zuletzt einen Döner-Laden. Alle Geschädigten sind türkischstämmig. Die örtliche Kriminalpolizei gründete die fünfzigköpfige Sonderkommission „Prager“, die Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus der Generalstaatsanwaltschaft München übernahm die Sachleitung.

          Zerwürfnis mit der Familie

          Inzwischen wurde ein 25 Jahre alter Mann festgenommen, der alle vier Taten gestand und gegen den Haftbefehl erlassen wurde. Er bezeichnete sich nach Angaben der Ermittler vom Sonntagmittag als Anhänger des „Islamischen Staates“ und habe aus Hass gegen Türken gehandelt. Kein anderes Land hat so viele Anschläge und Tote durch den sogenannten „Islamischen Staat“ zu beklagen. Die Türkei geht daher scharf gegen die islamistische Terrormiliz vor. Gerade in den vergangenen Monaten gab es in der Türkei Razzien gegen den IS, Geld wurde beschlagnahmt und mögliche Konten der Islamisten gesperrt. Der IS drohte in seinen Publikationen wiederholt mit der Eroberung der türkischen Metropole Istanbul. Der türkische Staat ist ein Feindbild der Islamisten.

          Der Tatverdächtige ist ein in der Nähe von Waldkraiburg geborener deutscher Staatsbürger, dessen Eltern aus der Türkei stammen. Ein Vorgehen aufgrund des kurdisch-türkischen Konflikts habe er ausdrücklich verneint, so die Ermittler. Er sei seit mehreren Monaten arbeitslos gewesen. Von den Ermittlern vernommene Zeugen berichteten von einer islamisch-religiösen Radikalisierung des Mannes in den vergangenen Jahren, was zu Zerwürfnissen mit seiner Familie geführt habe. Abgesehen von Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz sei er zuvor nicht straffällig geworden.

          Der Mann war am Bahnhof in Mühldorf am Inn aufgefallen, da er keine gültige Fahrkarte hatte. Mit sich führte er einen Trolley und eine Sporttasche, in denen sich zehn zündfähige Rohrbomben sowie 20 Kilogramm chemische Materialien zur Herstellung von Sprengstoff befanden. Der Bahnhof wurde daher sicherheitshalber geräumt und weiträumig gesperrt.

          Die Online-Flatrate: F+
          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln. Bleiben Sie umfassend informiert, für nur 2,95 € pro Woche.

          Jetzt 30 Tage kostenfrei testen

          Nach der Festnahme des Mannes durchsuchten Ermittler des Landeskriminalamtes die Wohnung des Täters in Waldkraiburg sowie ein Fahrzeug in einer Tiefgarage in Garching an der Alz. In dem Fahrzeug befanden sich nach Angaben der Ermittler 13 weitere funktionsfähige Bomben sowie zehn Kilogramm als Sprengstoff geeignete Materialien. In der Wohnung des Täters seien zudem eine Waffe mit Munition, Schwarzpulver und andere explosive Stoffe gefunden worden. Der Mann habe die Bomben selbst hergestellt und habe angegeben, weitere Anschläge geplant zu haben. Konkrete Ziele habe er keine gehabt, seine Pläne hätten sich jedoch gegen türkische Einrichtungen gerichtet. Ob es Mittäter oder Mitwisser gibt und woher er seine Waffen und Materialien bezog, wird von den Ermittlern derzeit geprüft.

          Nach dem Brand im Lebensmittelgeschäft seiner Familie hätten viele Bewohner Waldkraiburgs Solidarität gezeigt und seine Familie unterstützt, erzählt Ahmed Kalpaslan, dessen Verwandtem Hüseyin Alus das Geschäft gehört. Die türkischstämmigen Bewohner Waldkraiburgs hätten zudem zusätzlich zur verstärkten Polizeipräsenz gemeinsame Kontrollgänge durch die Stadt initiiert, um weitere Angriffe zu verhindern und dem Täter auf die Schliche zu kommen. „Wir lassen uns nicht einschüchtern“, sagt Kalpaslan. „Genau das wollen solche Täter ja nur.“

          F.A.Z.-Newsletter für Deutschland

          Jeden Morgen ordnen unsere Redakteure die wichtigsten Themen des Tages ein. Relevant, aktuell und unterhaltsam.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          Der Besitzer des Obst- und Gemüsegeschäfts Hüseyin Alus sei sehr beliebt in der Stadt. In seinem Laden sei es herzlicher und persönlicher als in den örtlichen Supermarktfilialen zugegangen; auch nicht-türkischstämmige Kunden seien gern in das Geschäft gekommen. „Der Laden war über zehn Jahre ein Treffpunkt für die Menschen in Waldkraiburg“, sagt Ahmed Kalpaslan. Entgegen diverser Spekulationen in den sozialen Medien sei vor dem Brand keine „Ausländer raus“-Schmiererei an die Hausfassade des Lebensmittelgeschäfts gesprüht worden, Hass gegen Waldkraiburger mit Migrationsgeschichte gebe es nur selten.

          Ahmed Kalpaslan berichtet, dass vor einigen Wochen wiederholt  Hassbotschaften in Obstkisten und Regalen vor dem Geschäft auftauchten. Die Besitzer vermuteten zunächst einen rechtsradikalen Absender. Auf den Zetteln seien mit bösen Kommentaren versehene Zeitungsartikel zu dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und Bundeskanzlerin Angela Merkel abgedruckt gewesen. 

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Angeklagte im Landgericht in Ellwangen

          In Rot am See : 15 Jahre Haft für Angeklagten nach Sechsfachmord

          Eine Familie kommt in einem Haus in Rot am See zur Trauerfeier zusammen. Dann knallt es plötzlich im Obergeschoss, immer wieder fallen Schüsse. Am Ende sind sechs Menschen tot. Auf den 27 Jahre alten Schützen wartet nun eine lange Haftstrafe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.