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Reformprozess der Katholiken : Wohin geht ihr?

Eröffnungsgottesdienst der ersten Synodalversammlung im Frankfurter Dom Bild: Wonge Bergmann

Deutsche Bischöfe und Laien debattieren auf dem „Synodalen Weg“ über Reformen. Die Weltkirche staunt und zweifelt. Dürfen die Deutschen das ihnen anvertraute Glaubensgut verändern?

          7 Min.

          Die katholische Kirche in Deutschland hat sich auf ein Experiment eingelassen. Vergangene Woche begann in Frankfurt der Synodale Weg, bei dem Bischöfe, Laien und Interessengruppen auf Augenhöhe über die Zukunft der Kirche diskutieren und Beschlüsse fassen sollen. Ein Reformprozess, sagen die Befürworter, und das sind die meisten. Ein fataler Sonderweg der Deutschen, warnen die Skeptiker. Sie sind nicht so viele, haben aber mächtige Männer in ihren Reihen.

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.
          Thomas Jansen
          Redakteur in der Politik.
          Tobias Schrörs
          Politikredakteur.

          Einer von ihnen ist Kardinal Rainer Maria Woelki. Im Herbst berichtete der Kölner Erzbischof in seiner Kirchenzeitung von einer Reise in die Vereinigten Staaten. Dort sei die Sorge zu spüren gewesen, „dass uns der ,Synodale Weg‘ auf einen deutschen Sonderweg führt, dass wir schlimmstenfalls sogar die Gemeinschaft mit der Universalkirche aufs Spiel setzen und zu einer deutschen Nationalkirche werden“. Viele seiner amerikanischen Gesprächspartner hätten den Kopf darüber geschüttelt, dass „wir in Deutschland bereit scheinen, das uns anvertraute Glaubensgut mutwillig zu verändern, weil es lautstark von uns gefordert wird“. Das klang so, als holte Woelki sich transatlantische Schützenhilfe. Bedeutet es, dass die Mehrheit der amerikanischen Katholiken den Kopf über die deutschen schüttelt – oder wusste der Kardinal einfach, wen er fragen muss?

          Ganz so eindeutig ist die Stimmung in Amerika jedenfalls nicht. Der prominente amerikanische Jesuit James Martin schätzt, dass immerhin ein Drittel der dortigen Bischöfe eine Reform-Diskussion wie in Deutschland befürworten würde. Ein weiteres Drittel sei skeptisch, „und ein Drittel wäre vehement dagegen“. Auch viele Laien in den Vereinigten Staaten wünschten sich Reformen. In jedem Fall werde das Interesse an dem deutschen Experiment dort groß sein.

          Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki
          Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki : Bild: dpa

          Das Rumoren vom Sonderweg kam in Frankfurt noch vor der Eröffnungsmesse zur Sprache. Thomas Sternberg, der Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, sagte, niemand wolle eine Nationalkirche. Es sei „völliger Unfug, was da gelegentlich kursiert“. Insgesamt viermal sollen sich die 230 Teilnehmer in den nächsten zwei Jahren treffen. Es geht um Macht und Gewaltenteilung in der Kirche, Partnerschaft und Sexualität, den Zölibat und die Rolle der Frau. Das internationale Interesse an den Geschehnissen in Deutschland sei groß, berichtete Sternberg.

          Auch deshalb verbreitet die Katholische Nachrichtenagentur KNA seit Jahresbeginn erstmals Inhalte in englischer Sprache. Chefredakteur Ludwig Ring-Eifel will damit eine Lücke füllen. Bisher sei in englischsprachigen Medien und auf Internetplattformen eher „polemisch und nur selten objektiv“ berichtet worden. Da geht es dann auf ultrakonservativen Internetseiten um die angeblich „falschen Lehren“ des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, zu Abtreibung, Ehebruch und homosexuellen Handlungen. Diese angeblichen Lehren hätten eine ganze Generation junger Katholiken „pervertiert“.

          Post aus Rom

          Bevor der Synodale Weg begann, schaltete sich Papst Franziskus ein. Im Sommer schrieb er einen Brief an das „pilgernde Volk Gottes in Deutschland“. Die blumige Sprache ließ viel Raum für Interpretation. Das Schreiben konnte als Ermutigung verstanden werden, aber auch als Warnung vor einem deutschen Sonderweg. Das klang so: „Die Weltkirche lebt in und aus den Teilkirchen, so wie die Teilkirchen in und aus der Weltkirche leben und erblühen; falls sie von der Weltkirche getrennt wären, würden sie sich schwächen, verderben und sterben.“

          Später gab es noch mal Post aus Rom. Die war deutlicher. Der Präfekt der Kongregation für die Bischöfe, Kardinal Marc Ouellet, versuchte mit einem geharnischten Brief, die deutschen Bischöfe von gemeinsamen Beratungen mit Laien über Reformen in der Kirche abzubringen. Der Synodale Weg schien fast schon vor dem Aus, bevor er überhaupt angefangen hatte. Doch offenbar konnte Marx die Wogen glätten. Er führte Gespräche in Rom und ließ auf der Herbstvollversammlung der Bischöfe in Fulda wissen: „Es gibt keine Stoppschilder aus Rom für den Synodalen Weg, und wir werden daher weitergehen.“ Zudem stellte er klar, es werde „keinen deutschen Sonderweg ohne Rom bei weltkirchlich relevanten Fragen geben“. Man sei aber bereit, „Diskussionsbeiträge“ für die Weltkirche zu liefern.

          Papst Franziskus bei der Eröffnungsmesse der Amazonas-Synode
          Papst Franziskus bei der Eröffnungsmesse der Amazonas-Synode : Bild: dpa

          Unklar ist allerdings, wie erwünscht die bei den 1,3 Milliarden Katholiken auf der Welt sind. Alfonso Miranda Guardiola ist Generalsekretär der mexikanischen Bischofskonferenz. Er sagt, es sei wichtig, dass die Deutschen „nachdenken, studieren und schwierige Themen behandeln“. Bei denen gehe Deutschland immer voran. „Das ist gut.“ Schlecht sei hingegen die Gefahr, der Einheit zu schaden. „Die Themen des Synodalen Wegs sind wichtig, aber andere Länder wie Mexiko sind konservativer als Deutschland.“ Er wünsche sich, dass die Kirche in Deutschland sich nicht trenne von der universellen Kirche.

          In Lateinamerika wurden zuletzt durchaus heiße Eisen angefasst, wenn auch unter anderen Vorzeichen als in Deutschland. Im Herbst berieten Bischöfe in Rom auf einer Synode über die Kirche in Amazonien. Wegen des Priestermangels dort sprach die Synode sich für die Priesterweihe von verheirateten Männern aus, wenn auch nur in Ausnahmefällen. Jetzt ist es am Papst, eine Entscheidung zu treffen.

          In anderen Ländern Lateinamerikas spielt die Frage, ob Priester heiraten dürfen, dagegen keine große Rolle in der kirchlichen Debatte. Der argentinische Publizist Nestor Borri sagt, in seinem Land drehe sich kirchenpolitisch alles eher um die Frage, ob die Kirche sich in die Politik einmischen sollte. Abgesehen von einer kleinen „reaktionären Minderheit“, seien die argentinische Gesellschaft und die Katholiken offen für Reformen. Sie wüssten, dass ein Wandel auch in der Weltkirche notwendig sei. Eine Kirchenspaltung sieht der Argentinier angesichts des deutschen Synodalen Wegs nicht nahen. „Ich glaube, davon sind wir weit entfernt.“

          Skepsis in Teilen Europas

          Weniger entspannt ist da die Stimmung in Teilen Europas. Italien ist das Land mit den meisten Katholiken in Europa. Ein Bischofsvikar aus Triest warnte die deutschen Bischöfe in der Zeitung „La Stampa“ kaum verhohlen davor, sich auf Augenhöhe mit Laien zu begeben: Die „Unterscheidung der Geister und die Bestätigung der Brüder“ liege bei „den Hirten mit und unter Petrus“. Nur so sei sichergestellt, dass der „Glaubenssinn der Kirche“ im „gesamten Volk Gottes“ verankert bleibe. Beim Synodalen Weg haben Laien formal das gleiche Stimmrecht wie die Bischöfe. Das geht nur, weil er keine formale Synode ist, bei der nur Bischöfe entscheiden dürfen. Allerdings erfordern Beschlüsse eine Zweidrittelmehrheit der anwesenden Mitglieder, die wiederum eine Zweidrittelmehrheit der Bischöfe enthalten muss.

          Die deutschen Katholiken beschäftigen sich schon seit der Würzburger Synode, die vor fast einem halben Jahrhundert begann, mit ihren Reformthemen. In Italien dagegen sind sie kaum von Bedeutung. Die Forderung nach einer stärkeren Rolle von Frauen in der Kirche gibt es zwar auch in Italien. Aber nicht einmal feministische Katholikinnen verlangen dort, Frauen zum Priesteramt zuzulassen. Auch der Zölibat wird nicht grundsätzlich in Frage gestellt, ebenso wenig die Machtverteilung zwischen Priestern und Laien.

          Ein Grund dafür ist, dass das Thema sexueller Missbrauch die Kirche in Italien nicht annähernd so stark erschüttert hat wie in Deutschland. Das war ja der Anlass für den deutschen Reformprozess. Im Statut des Synodalen Wegs ist von einem Weg der Umkehr und der Erneuerung die Rede. „Wir stellen uns der schweren Krise, die unsere Kirche, insbesondere durch den Missbrauchsskandal, tief erschüttert.“

          Beispiel für andere Länder

          Der Eindruck der Kritiker, die deutsche Kirche gehe zu sehr eigene Wege, hat vermutlich auch mit den Eigenheiten des Reformprozesses zu tun. So etwas wie das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, das den Synodalen Weg gemeinsam mit den Bischöfen verantwortet, gibt es beispielsweise in Frankreich nicht. Daran erinnerte der französische Bischof Didier Berthet in einem Interview. Er sagte der KNA, in Frankreich gebe es eher spirituelle Bewegungen und Gemeinschaften. Vom ZdK kämen „ganz konkrete kirchenpolitische Forderungen, das gibt es bei uns so nicht“.

          Berthet war in Frankfurt als Beobachter dabei. Auch Vertreter anderer Nachbarländer waren geladen. Mit Blick auf den Reformprozess sagte der Franzose, für ihn seien die Resultate weniger wichtig, entscheidend sei der Weg. Auch in Frankreich fragten die Katholiken gerade seit dem Missbrauchsskandal nach einer weniger klerikalen und weniger autoritären Kirche. „Und da können wir vielleicht einige Anregungen aus Deutschland erhalten, selbst wenn es bei uns nicht in Richtung einer nationalen Synodenversammlung geht.“

          Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Reinhard Kardinal Marx und Thomas Sternberg, Vorsitzender des Zentralkomitees der deutschen Katholiken
          Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Reinhard Kardinal Marx und Thomas Sternberg, Vorsitzender des Zentralkomitees der deutschen Katholiken : Bild: EPA

          In Polen dagegen scheint kaum jemand auf derlei Anregungen für Reformen zu warten. Das Land mit seinen knapp 90 Prozent Katholiken und einer immer noch großen Zahl von Kirchgängern ist weit entfernt von der deutschen Krisenstimmung – mit Ausnahme des Problems der Pädophilie unter Priestern, die von mehreren Filmemachern mit großem Echo thematisiert wurde. Das deutsche Vorhaben nimmt man trotzdem sehr ernst. In einem Jahresrückblick nannten Polens Bischöfe den Beginn des deutschen Reformprozesses – neben den Reformen im Amazonas-Gebiet – eines der acht wichtigsten Ereignisse in der Weltkirche 2019.

          Das regierungsnahe Magazin „Do Rzeczy“ berichtete jüngst ausführlich und sehr kritisch über den Synodalen Weg. Nach dem Willen der deutschen „Progressisten“ solle vieles so werden wie bei den Protestanten. „Die sexuellen Missbrauchsfälle sind nur ein bequemer Vorwand, um die von den Progressisten lange geforderten Veränderungen einzuführen.“ Weiter heißt es: „Die Deutschen töten jetzt ihren Glauben. Wir aber dürfen uns nicht für etwas Besseres halten, wenn wir untätig zusehen, wie er von selbst abstirbt.“ Wenn die deutsche Reformdebatte „auch in unserem Land Einzug hält, müssen wir bereit sein, die katholische Doktrin zu verteidigen“.

          Eine innerdeutsche Spaltung?

          Ein Katholik aus Österreich sieht das anders. Wolfgang Rank, der Präsident des Katholischen Laienrats Österreichs, war als Beobachter in Frankfurt. Er glaubt, dass „der Synodale Weg für Österreich einen Anschub bedeutet“. Es sei wichtig, Gespräche zu Reformthemen auch auf eine offizielle Ebene zu heben. In seinem Heimatland gibt es medial sehr präsente Reformbewegungen, aber auch starke konservative Kräfte. Bei der Umsetzung ist er skeptisch: „Die Frage ist, ob es bei bestimmten Fragen wie etwa der Segnung homosexueller Paare Einigkeit geben kann oder ob am Ende das passiert, was sowieso schon Praxis ist: Die einen machen es und die anderen nicht.“

          Damit spricht er einen Aspekt an, der in dieser Debatte oft vergessen wird. Möglicherweise ist eine innerdeutsche Kirchenspaltung die größere Gefahr. Die Synodalversammlung kann nämlich drei Arten von Beschlüssen fassen. Das eine sind die Diskussionsbeiträge oder Voten, die an Rom adressiert sind und über die entweder der Papst oder sogar ein Konzil zu entscheiden hat. Das andere sind Beschlüsse, die von Bistümern selbst in Kraft gesetzt werden. Was wird also passieren, wenn die Segnung homosexueller Paare beschlossene Sache ist und in einem Bistum praktiziert wird und im anderen nicht? Die Bischöfe sind nicht an die Entschlüsse gebunden.

          Der Kölner Erzbischof Woelki hat gegenüber der „Herder-Korrespondenz“ schon deutlich gemacht, wie er mit Beschlüssen des Synodalen Wegs umzugehen gedenkt: „Ich fühle mich hier vollkommen frei, nur meinem Gewissen und dem Glauben der ganzen Kirche verpflichtet.“

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