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Reformprozess der Katholiken : Wohin geht ihr?

Ein Grund dafür ist, dass das Thema sexueller Missbrauch die Kirche in Italien nicht annähernd so stark erschüttert hat wie in Deutschland. Das war ja der Anlass für den deutschen Reformprozess. Im Statut des Synodalen Wegs ist von einem Weg der Umkehr und der Erneuerung die Rede. „Wir stellen uns der schweren Krise, die unsere Kirche, insbesondere durch den Missbrauchsskandal, tief erschüttert.“

Beispiel für andere Länder

Der Eindruck der Kritiker, die deutsche Kirche gehe zu sehr eigene Wege, hat vermutlich auch mit den Eigenheiten des Reformprozesses zu tun. So etwas wie das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, das den Synodalen Weg gemeinsam mit den Bischöfen verantwortet, gibt es beispielsweise in Frankreich nicht. Daran erinnerte der französische Bischof Didier Berthet in einem Interview. Er sagte der KNA, in Frankreich gebe es eher spirituelle Bewegungen und Gemeinschaften. Vom ZdK kämen „ganz konkrete kirchenpolitische Forderungen, das gibt es bei uns so nicht“.

Berthet war in Frankfurt als Beobachter dabei. Auch Vertreter anderer Nachbarländer waren geladen. Mit Blick auf den Reformprozess sagte der Franzose, für ihn seien die Resultate weniger wichtig, entscheidend sei der Weg. Auch in Frankreich fragten die Katholiken gerade seit dem Missbrauchsskandal nach einer weniger klerikalen und weniger autoritären Kirche. „Und da können wir vielleicht einige Anregungen aus Deutschland erhalten, selbst wenn es bei uns nicht in Richtung einer nationalen Synodenversammlung geht.“

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Reinhard Kardinal Marx und Thomas Sternberg, Vorsitzender des Zentralkomitees der deutschen Katholiken
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Reinhard Kardinal Marx und Thomas Sternberg, Vorsitzender des Zentralkomitees der deutschen Katholiken : Bild: EPA

In Polen dagegen scheint kaum jemand auf derlei Anregungen für Reformen zu warten. Das Land mit seinen knapp 90 Prozent Katholiken und einer immer noch großen Zahl von Kirchgängern ist weit entfernt von der deutschen Krisenstimmung – mit Ausnahme des Problems der Pädophilie unter Priestern, die von mehreren Filmemachern mit großem Echo thematisiert wurde. Das deutsche Vorhaben nimmt man trotzdem sehr ernst. In einem Jahresrückblick nannten Polens Bischöfe den Beginn des deutschen Reformprozesses – neben den Reformen im Amazonas-Gebiet – eines der acht wichtigsten Ereignisse in der Weltkirche 2019.

Das regierungsnahe Magazin „Do Rzeczy“ berichtete jüngst ausführlich und sehr kritisch über den Synodalen Weg. Nach dem Willen der deutschen „Progressisten“ solle vieles so werden wie bei den Protestanten. „Die sexuellen Missbrauchsfälle sind nur ein bequemer Vorwand, um die von den Progressisten lange geforderten Veränderungen einzuführen.“ Weiter heißt es: „Die Deutschen töten jetzt ihren Glauben. Wir aber dürfen uns nicht für etwas Besseres halten, wenn wir untätig zusehen, wie er von selbst abstirbt.“ Wenn die deutsche Reformdebatte „auch in unserem Land Einzug hält, müssen wir bereit sein, die katholische Doktrin zu verteidigen“.

Eine innerdeutsche Spaltung?

Ein Katholik aus Österreich sieht das anders. Wolfgang Rank, der Präsident des Katholischen Laienrats Österreichs, war als Beobachter in Frankfurt. Er glaubt, dass „der Synodale Weg für Österreich einen Anschub bedeutet“. Es sei wichtig, Gespräche zu Reformthemen auch auf eine offizielle Ebene zu heben. In seinem Heimatland gibt es medial sehr präsente Reformbewegungen, aber auch starke konservative Kräfte. Bei der Umsetzung ist er skeptisch: „Die Frage ist, ob es bei bestimmten Fragen wie etwa der Segnung homosexueller Paare Einigkeit geben kann oder ob am Ende das passiert, was sowieso schon Praxis ist: Die einen machen es und die anderen nicht.“

Damit spricht er einen Aspekt an, der in dieser Debatte oft vergessen wird. Möglicherweise ist eine innerdeutsche Kirchenspaltung die größere Gefahr. Die Synodalversammlung kann nämlich drei Arten von Beschlüssen fassen. Das eine sind die Diskussionsbeiträge oder Voten, die an Rom adressiert sind und über die entweder der Papst oder sogar ein Konzil zu entscheiden hat. Das andere sind Beschlüsse, die von Bistümern selbst in Kraft gesetzt werden. Was wird also passieren, wenn die Segnung homosexueller Paare beschlossene Sache ist und in einem Bistum praktiziert wird und im anderen nicht? Die Bischöfe sind nicht an die Entschlüsse gebunden.

Der Kölner Erzbischof Woelki hat gegenüber der „Herder-Korrespondenz“ schon deutlich gemacht, wie er mit Beschlüssen des Synodalen Wegs umzugehen gedenkt: „Ich fühle mich hier vollkommen frei, nur meinem Gewissen und dem Glauben der ganzen Kirche verpflichtet.“

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