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Ende im Eklat : Die sedierende Mischung beim Treffen des „Synodalen Weges“

Reformprozess: Teilnehmer der Zweiten Synodalversammlung der katholischen Kirche haben sich im Forum der Messe zusammengefunden. Bild: dpa

Sind die Bischöfe in Deutschland dazu bereit, freiwillig auf Macht zu verzichten? Beobachtungen von der zweiten Vollversammlung des katholischen Reformprojekts, die im Eklat endete.

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          Am Anfang stand eine Klarstellung: „Heiliger Vater, wir bearbeiten nicht Texte, sondern Träume, die wachsen sollen“, sagte Bischof Georg Bätzing zum Auftakt der zweiten Vollversammlung des „Synodalen Weges“ in Frankfurt. Gemünzt waren die Worte des Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz auf eine Formulierung von Papst Franziskus, mit der er jüngst die Katholiken in der ganzen Welt zu einem „Synodalen Weg“ aufgerufen hatte: Sie sollten keine Texte produzieren, sondern Träume. Interessierte Kreise hatten diese Worte wie das Schreiben des Papstes aus dem Jahr 2019 an die deutschen Katholiken über das Reformprojekt als einen neuerlichen Seitenhieb ausgelegt: 16 Texte mit insgesamt rund 190 Seiten sollten von den gut 210 Mitgliedern des „Synodalen Weges“ von Donnerstagabend bis Samstagnachmittag in erster Lesung beraten werden.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
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          Redakteur in der Politik.

          Doch schon am Freitagvormittag zeigte sich, dass es zuerst einmal nicht um Träume gehen sollte, sondern um konkrete Reformen in der katholischen Kirche in Deutschland, für die man den Papst nicht einmal um Erlaubnis fragen muss. „Selbstverpflichtung“ hieß das Zauberwort. Bischöfe und Pfarrer sollen sich freiwillig und verbindlich dazu bereiterklären, auf einen Teil ihrer bisherigen Kompetenzen zu verzichten und den Gläubigen in ihren Bistümern und Gemeinden umfassende Mitspracherechte zugestehen. So lautete eine der zentralen Forderungen der beiden Texte, die das Synodalforum „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“ vorlegte. Dieser Vorschlag, der in ähnlicher Form schon seit längerem im Raum steht, ist aus der Not geboren: Niemand kann die Bischöfe dazu verpflichten, ihre oft unumschränkte Macht in der Kirche abzugeben, außer sie tun es selbst. Wie eine Brandmauer schirmt das Kirchenrecht die Sphäre der Entscheidungsfindung von der Entscheidung als solcher ab. Eben darauf aber – auf die Vereinbarkeit mit dem geltenden Kirchenrecht – legte das Synodalforum bei seinen ersten konkreten Vorschlägen großen Wert.

          Ein Änderungsantrag, der darauf abzielte, die Bischöfe zu einer Abgabe von Kompetenzen an Laiengremien zu verpflichten, wurde von einer Mehrheit abgelehnt. Es entspann sich eine Grundsatzdebatte darüber, wie demokratisch die Kirche sein darf und kann. „Macht und Gewaltenteilung kann man fordern, ohne dass spezifisch Kirchliche zu vergessen“, sagte die Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken Claudia Lücking-Michel. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann äußert sich skeptisch: Man dürfe nicht so tun, als seien demokratische Gesellschaften das „zweite Evangelium“ sagte er.

          Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck forderte, die Kirche müsse „Mehrdeutigkeit“ aushalten. Man dürfe Pluralität nicht mit Beliebigkeit verwechseln. Der Aachener Bischof Helmut Dieser warnte davor, dass die Demokratie in der Kirche die Hierarchie nicht „auffressen“ dürfe. Er sprach sich für ein Konsensmodell aus, wie es in seinem Bistum praktiziert werde: Ein Beschluss kann demnach nur dann gefasst werden, wenn weder der Bischof noch die Laiengremien Widerspruch erheben.

          Der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx sagte hingegen, die Kirche dürfe nicht „unter dem Niveau dessen bleiben, was sie von der Gesellschaft in ihrer Soziallehre fordert“. Er nannte den Weg der Selbstverpflichtung „realistisch“, weil damit nicht alles umgehend auf weltkirchlicher Ebene einheitlich verändert werden müsse.

          Aber sind die Bischöfe in Deutschland wirklich dazu bereit, freiwillig auf Macht zu verzichten? Oder endet das Ganze schließlich doch in einem „Wolkenkuckucksheim“, wie ein Mitglied der Synodalversammlung fragte? Zum Offenbarungseid kam es während der bis Samstagnachmittag dauernden Beratungen nicht. Die Forderung, die Bischöfe über einzelne Anträge getrennt abstimmen zu lassen, um ein Stimmungsbild zu erhalten, wurde mit Verweis auf die Geschäftsordnung für die erste Lesung abgelehnt. Die Bischöfe haben eine Sperrminorität: Stimmt auch nur ein Drittel von ihnen gegen die Beschlüsse des „Synodalen Weges“, sind sie abgelehnt.

          Eine sedierende Mischung der (Selbst-) Zufriedenheit 

          Tatsächlich wurde bis zum Ende der Beratungen nicht deutlich, ob sich innerhalb der Bischofskonferenz eine Sperrminorität würde formieren können, die den Synodalen Weg am Ende als Sackgasse erscheinen lassen könnte. Von den fast vierzig Weihbischöfen, die weit mehr als die Hälfte der Mitglieder der Bischofskonferenz ausmachen, beteiligten sich nur wenige an den Debatten, ganz gleich ob es sich um Themen wie die Sicht auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften in der katholischen Sexualmoral handelte, die von weltweiter Sprengkraft sind, oder um nur für Deutschland relevante Vorschläge wie die Einrichtung eines Synodalen Rates, in dem Bischöfe und Laien nach dem Ende des Synodalen Wegs gemeinsam Entscheidungen über das Leben der Kirche treffen sollten. Unter den Ortsbischöfen, die nach dem Kirchenrecht ohnehin die einzigen Gesetzgeber sind, meldeten sich mehrheitlich diejenigen zu Wort, die mit der Reformagenda im Grundsatz einverstanden sind.

          Wer auf ein Scheitern des Weges spekuliert, wäre schlecht beraten, sich schon jetzt in die Karten schauen zu lassen. Denn die meisten Kirchenträume wie ein Synodaler Rat oder die Mitwirkung von Gläubigen bei der Auswahl von Bischofskandidaten sind derart wolkig, dass die Versammlungsleiter leichtes Spiel hatten, um Kritik in der Sache mit dem Argument abzumoderieren, dass es sich ja „nur“ um eine erste Lesung handele. Fragen wie die nach den finanziellen Auswirkungen von Beschlüssen, neue Gremien zu schaffen, und nach der Besetzung von immer mehr Gremien in Zeiten, in denen sich die Katholiken in Scharen von ihrer Kirche abwenden, wurden entweder gar nicht gestellt oder in Hinweisen wie die verpackt, was es denn wohl mit der Legitimität von Beratungs- und Entscheidungsgremien auf der Ebene der Pfarrgemeinden auf sich habe, wenn diese von weit weniger als einem Zehntel der Wahlberechtigten gewählt worden seien.

          Über diese und andere Symptome jener fundamentalen „Disruption“ von Kirche, von der Bischof Bätzing zu Beginn der vergangenen Woche vor dem politischen Berlin gesprochen hatte, war am Wochenende im Kreis derer, die von diesen Entwicklungen am stärksten betroffen sind, am wenigsten die Rede. Stattdessen eine sedierende Mischung aus der üblichen Selbstzufriedenheit des Gremienkatholizismus und der Zufriedenheit mit allen Beschlüssen, die im Kern auf die Verbesserung der Stellung von einzelnen Berufs- oder Statusgruppen innerhalb der verfassten Kirche hinausliefen. Dass auf diesem Feld vieles im Argen liegt, allen voran die Stellung von Frauen, ist weitgehend unbestritten. Wenn aber künftig nur die Frauen predigen dürften, die auch „theologisch qualifiziert“ sind, so würden nicht nur alte Diskriminierungen überwunden, sondern durch den impliziten Verweis auf eine akademische Ausbildung auch neue geschaffen.

          Doch an Feinheiten wie diesen entzündeten sich ebenso wenig Debatten wie daran, dass kirchliche Handlungsfelder wie Caritas und Bildung auf dem Synodalen Weg nicht einmal im Ansatz vorkommen. Ein Schelm auch, der Böses dabei dachte, dass vor den Beratungen diejenigen über schriftliche Änderungsanträge befanden, die die strittigen Texte verfasst hatten – und entsprechend viel unter den Tisch fallen ließen. Nach den Abstimmungen haben nun dieselben Verfasser freie Hand, die im Plenum geäußerte Kritik „zu würdigen“. Dass Wortbeiträge am zweiten und dritten Tag auf sechzig Sekunden begrenzt wurden, tat zusammen mit den coronabedingten Sitzabständen zwischen Teilnehmern ein Übriges, dass das Für und Wider jeweils nur angerissen wurde und informelle Kommunikation gar nicht erst möglich war.

          So wurden mit Ausnahme eines offenkundig missratenen „Grundtextes“ über Priesterliche Lebensform alle Orientierungs- und Handlungstexte in erster Lesung mit satten Mehrheiten gutgeheißen – wenn sie überhaupt behandelt werden konnten. Weil aber die vollkommen überfrachtete Tagesordnung schon im Laufe des Freitagvormittags aus dem Takt geriet, musste die Befassung mit mehreren Dokumenten auf die nächste Vollversammlung zu Beginn des kommenden Jahres verschoben werden. Doch selbst die übrig gebliebene Tagesordnung konnte nicht mehr ordnungsgemäß behandelt werden. Am frühen Samstagnachmittag hatten so viele Synodale die Versammlung verlassen, dass Bätzing mehr als eine Stunde vor dem Ende der Synodalversammlung die Beschlussfähigkeit feststellen lassen musste. Als dann von den 214 Teilnehmern nicht einmal mehr 150 übriggeblieben waren, endete die zweite Etappe des Synodalen Wegs mit einem Eklat. Der Träume aber sind noch so viele und der Texte immer noch mehr, so dass der im Winter 2020 begonnene Synodale Weg schon lange vor dem abrupten Ende der Beratungen bis in den Winter des Jahres 2023 verlängert worden war.

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