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„Synodaler Weg“ : Der Geist der Freimut

Auftakt des Experiments: Eucharistiefeier der Versammlung am Donnerstag Bild: Wonge Bergmann

Die Versammlung des „Synodalen Wegs“ in Frankfurt demonstriert ein anderes Verständnis von Kirche – und wie rasch sich eine Institution verändern kann.

          3 Min.

          Es ist ein Experiment für die katholische Kirche in Deutschland. Was die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) innerhalb von nicht einmal einem Jahr Wirklichkeit haben werden lassen, hat schon jetzt allen Geburtswehen zum Trotz die Kirche hierzulande verändert – und vielleicht nicht nur sie.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Mochte es bei der Besetzung der vorbereitenden Foren für die Beratungen des „Synodalen Wegs“ oft holterdiepolter zugegangen sein, mochte es auch am Freitag während der ersten Vollversammlung des Plenums des „Synodalen Wegs“ an Freitagvormittag noch deutliche Kritik an intransparentem Vorgehen und vorab gefällten Beschlüssen gegeben haben, ja mochte der Begriff „Synodaler Weg“ noch immer die Hilflosigkeit spiegeln, wie endlich angemessen auf die Krise der Kirchenverfassung reagiert werden könne, die sich auch in sexueller Gewalt in der Kirche niedergeschlagen hat. Zum Auftakt brach sich ein anderer Geist Bahn – der Geist des Freimuts.

          Bischof Franz-Josef Bode von Osnabrück, der als der dienstälteste Bischof als einer der ersten das Wort ergriff, sprach von einem „geistlichen“ Experiment. Zwei „geistliche Begleiter“, Bernd Hagenkord und Maria Boxberg, deuteten diese Formulierung aus: Hören auf sich selbst, hören aufeinander, hören auf Gott, dann unterscheiden, dann antworten. Dann hatte Thomas Söding das Wort, Professor für Neues Testament und einst Mitglied der Internationalen Theologenkommission. Er hielt den 217 Mitgliedern des „Synodalen Wegs“ den Spiegel der Geschichte der ersten Christen vor. Der erste Christ Europas sei eine Christin gewesen, die Händlerin Lydia aus Philippi. Die erste Tat der Missionare war die Befreiung einer Sklavin. Die erste Rede, die der Apostel Paulus in Europa gehalten hatte, sei ein Plädoyer für das Recht und für die Religionsfreiheit gewesen. Stille im Saal. „Alle drei Erinnerungen sind programmatisch. Wenn wir die Impulse aufnehmen, sind wir nicht so weit von unseren Auftaktthemen entfernt.“

          Auf die Kritik reagierte man fair

          Sind das die Katholiken, die dem Papst und den Kirchen in anderen Ländern zeigen wollen, wo es langgeht? Die es auf eine Spaltung der Kirche ankommen lassen, weil sie sich mit der Sexualmoral der Kirche, der Rolle der Frau, der Lebensform der Priester und der Begründung und den Formen von Macht in Kirche beschäftigen wollen – ja müssen? Wer auch immer diese Gefahr sieht, er beschwor sie während der einleitenden, gut eineinhalbstündigen Debatte nicht. Doch spannungsfrei verlief sie mitnichten. Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer verlas als Antwort auf Söding ein vorbereitetes Statement, in dem er die Ergebnisse der MHG-Studie über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland abermals als unwissenschaftlich zeiht – und damit die Grundannahmen des „Synodalen Wegs“ als „haltlos“.

          Das Echo konnte fairer nicht sein. Widerspruch in der Sache, Einladung zu einer wissenschaftlichen Konferenz, die sich im Herbst mit der historisch-politischen Grammatik des Themas Missbrauch in Kirche und Gesellschaft beschäftigen wird, und der Essener Bischof Overbeck sprach von der MHG-Studie als Anlass, aber nicht die Ursache eines Weges, der ein weiterer, notwendiger Schritt sei für die Kirche in einer postmodernen Welt, und der Kölner Kardinal Woelki trat mit guten Gründen dem Eindruck entgegen, es sei seit 2010 in Sachen Prävention und Aufarbeitung nichts geschehen. Das Thema Missbrauch brodelt – aber der Synodale Weg hat sich längst aus seinem Entstehungskontext gelöst und eine eigene Dynamik entwickelt.

          Denn im Frankfurter Dominikanerkloster zeigte sich schon in der Sitzordnung ein neues Verständnis von Kirche. Dem Alphabet nach geordnet saßen Bischöfe neben Vertretern der Jugendverbände, nach einem Bundeswehroffizier sprach eine Ordensfrau über ihre Erfahrungen. Eine junge Frau rief den Bischöfen zu, wenn sie relevant bleiben wollten, dann sei der Synodale Weg ihre letzte Chance (was viele von ihnen längst spüren), und die Eibinger Benediktinerin Philippa Rath, die am Vorabend im Frankfurter Dom eine Lanze für die Frauen in der Kirche gebrochen hatte, sprach von einem „ungeheuren Angstpotential in der Kirche“, das viel mit dem Thema Macht zu tun habe.

          Der Glaube an Gott und das Bild unserer Kirche – sie fallen auseinander, so hatte Söding die Ausgangslage umrissen. „Aber sie müssen zusammenpassen. Das ist unsere Verantwortung.“ Niemand widersprach. Aber auf welchen Wegen sich eine solche Kongruenz einstellen kann, ist auch nach diesem Auftakt noch nicht zu sehen. Zu dicht ist der Nebel, der über den kommenden Etappen liegt, zu wenig ist bisher bedacht, wie sich neue Formen der Beteiligung und des Dialoges nicht nur für einen Kreis von 230 Repräsentanten aller Facetten der katholischen Kirche in Deutschland organisieren ließe, sondern für die Repräsentierten selbst.

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