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Suizid eines Flüchtlings : Ramelow entsetzt über „Spring“-Aufrufe

  • Aktualisiert am

In dieser Flüchtlingsunterkunft in Schmölln soll der Flüchtling gelebt haben. Bild: dpa

Der thüringische Ministerpräsident Ramelow zeigt sich nach dem Suizid eines Flüchtlings entsetzt über Aufforderungen von Schaulustigen, der Migrant solle aus dem Fenster springen. Er beklagt einen Verlust der Humanität.

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          Der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow hat mit Entsetzen auf Berichte über den Selbstmord eines minderjährigen Flüchtlings in Schmölln reagiert. „Diese Gier nach spektakulärem Geschehen lässt die Humanität auf der Strecke“, schrieb der Linkspartei-Politiker am Sonntag auf Twitter. „Es lässt einen fassungslos zurück!“

          Nach dem tödlichen Sprung aus dem fünften Stock eines Hauses ermittelt die Polizei weiter, ob ihn Anwohner zum Suizid ermuntert haben. Bislang gibt es dafür aber keine konkreten Beweise. „Wir haben dort keine Person brüllen hören oder ähnliches“, sagte ein Sprecher der Landespolizei am Sonntag. Eine vom Schmöllner Bürgermeister als Quelle für die Aussage, es sei zu „Spring doch“-Rufen gekommen, genutzte Frau habe auf Nachfrage der Polizei sehr zurückhaltend und im Konjunktiv geantwortet.

          Äußerungen von Schmöllns Bürgermeisters Sven Schrade (SPD) deuten darauf hin, dass solche Worte gefallen sein könnten. „Uns liegen auch Informationen vor, dass einige, ich nenne sie mal Schaulustige, diesem Vorfall lange beigewohnt haben, und wohl auch Rufe gefallen sein sollen wie „Spring doch““, sagte Schrade am Samstag dem MDR. „So etwas kann man nur verurteilen.“

          Der Geschäftsführer der Betreuungseinrichtung, David Hirsch, sagte ebenfalls, dass eine Mitarbeiterin entsprechende Rufe gehört habe. Der Polizeisprecher sagte hingegen, die Polizei und Feuerwehrleute vor Ort hätten während ihres mehrstündigen Einsatzes keine Rufe gehört und es sei auch kein besonderer Auflauf an Schaulustigen gewesen. Allerdings seien in dem Tatort, einem Plattenbau, sehr viele Balkone und natürlich immer Menschen, die irgendetwas rufen könnten.

          Die vom Bürgermeister genutzte Quelle habe auf Polizeinachfrage gesagt, sie wisse von jemandem, der sinngemäß gehört haben wolle, dann soll er doch springen. Der Polizeisprecher sagte, schon wegen der vielen Konjunktive der Frau wisse er nicht, was tatsächlich gehört wurde. Er könne aber nicht definitiv ausschließen, dass tatsächlich so etwas gefallen sei.

          Laut Polizei hatte sich der Flüchtling am Freitag aus dem Fenster seiner Unterkunft gestürzt. Die Beamten gehen von Suizid aus. Sie gaben das Alter des Flüchtlings mit 17 an. Allerdings kursieren unterschiedliche Angaben. „Es gibt verschiedene Datensätze“, erklärte ein Polizeisprecher. Das sei nicht ungewöhnlich bei minderjährigen Flüchtlingen, wenn sie etwa ohne Pass nach Deutschland kommen.

          Den Angaben zufolge war der Jugendliche zuvor wegen psychischer Probleme in Behandlung. Kurz vor der Tat habe er in der Unterkunft randaliert, weshalb die Polizei gerufen wurde. Die Beamten konnten ihn aber nicht mehr vom Sprung aus dem fünften Stock abhalten. Einem Sprecher zufolge sprang der Flüchtling neben ein von der Feuerwehr aufgespanntes Sprungtuch. Er starb in einem Krankenhaus.

          „Es ist verachtenswert, ja unmenschlich“

          Polizei und Feuerwehr bestätigten, dass sich Schaulustige vor der Unterkunft aufhielten. Nach Polizeiangaben filmte ein Passant die Szenen mit einem Handy. Er sei noch vor Ort aufgefordert worden, das Video zu löschen, was er vor den Augen der Beamten auch getan habe.

          Bürgermeister Schrade sagte auf Anfrage, zunächst müssten die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abgewartet werden. Sie werde bei solchen Fällen automatisch eingeschaltet. Von einem Fremdverschulden werde nicht ausgegangen. Wie gut der junge Mann Deutsch konnte und angebliche Suizid-Aufrufe überhaupt verstehen konnte, ist unklar. Die Polizei hatte eigenen Angaben zufolge einen Dolmetscher angefordert, um ihn vom Sprung aus dem Fenster abzuhalten.

          Sollte es „Spring doch“-Rufe wirklich gegeben haben, sei das nicht tolerierbar, schrieb der Bürgermeister auf Facebook. „Es ist verachtenswert, ja unmenschlich. Ob Geflüchtete oder hier Lebende: Wir alle sind Menschen.“ Zudem schrieb er: „Leider erreichten mich heute auch Bildaufnahmen, die den Jungen auf dem Fensterbrett sitzend zeigten, versehen mit unbegreiflichen Kommentaren.“

          Auch die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, zeigte sich entsetzt: „Ich finde es unfassbar, wie Verzweifelten und Schutzsuchenden in diesen Zeiten Hass und Verachtung entgegenschlägt“, erklärte sie am Sonntag.

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