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Mutationen auf Vormarsch : Südafrika-Variante des Coronavirus erstmals in Deutschland entdeckt

Eine Pflegerin wird vom Mediziner Frank Ummendorfer vom Zentralen Impfzentrum in Tübingen aufgeklärt. Bild: dpa

In Südafrika sorgt die Corona-Mutante B.1.351 für rasch wachsende Infektionszahlen. Eine Familie aus dem Zollernalbkreis hat sie eingeschleppt. Politiker und Virologen diskutieren über den Umfang der Genom-Sequenzierung.

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          Erstmals ist in Deutschland die zunächst in Südafrika entdeckte Corona-Virusvariante B.1.351 labormedizinisch bestätigt worden. Bei einer Familie aus dem Zollernalbkreis in Baden-Württemberg, die schon am 13. Dezember 2020 von dort eingereist war, wurde diese Mutante nachgewiesen. Die südafrikanische Regierung hatte am 18. Dezember 2020 übe die rasche Zunahme von Infektionen berichtet, die auf diese Mutante zurückgeführt werden können. Sie war erstmals erstmals in einer Probe im August 2020 am Ostkap in Südafrika nachgewiesen worden. Umfang und Geschwindigkeit, mit der sich solche zudem infektiöseren Mutanten ausbreiten, sind eine wichtiges Kriterium für die Bundesregierung, wie lange der Lockdown aufrecht erhalten werden muss.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Die Familie aus dem Zollernalbkreis befand sich nach ihrer Rückkehr zunächst in Quarantäne, alle Familienmitglieder machten einen PCR-Test, der aber in allen Fällen negativ ausfiel. Wahrscheinlich wurde die Infektion mit Sars-Cov-2 nicht festgestellt, weil sich während der frühen Inkubationsphase in Nase und Rachen der Getesteten noch keine großen Virenmengen angesammelt hatten. Nach Auskunft von Virologen müssen die in Deutschland eingesetzten PCR-Tests auch eine Infektion mit dieser Virus-Variante erkennen.

          Nach Darstellung des Landesgesundheitsministeriums sollen in der darauf folgenden Woche die ersten Familienmitglieder dann milde Krankheitssymptome entwickelt haben. Zwischenzeitlich soll es sechs Virus-Nachweise mit der Mutante bei sechs Personen aus drei Haushalten geben. Die Abstrichprobe der zuerst erkrankten Person sei dann zur Virussequenzierung an das „Nationale Konsiliarlabor für Coronaviren“ an die Berliner Charité geschickt worden, teilte ein Sprecher des baden-württembergischen Gesundheitsministeriums mit.

          Politiker und Virologen diskutieren unterdessen heftig über die Frage, warum die Genom-Sequenzierung bei Sars-Cov-2 zur Entdeckung von Mutanten in Deutschland nur in wenigen Laboren gemacht werden kann und warum es keine systematische Überwachung und Datenauswertung für die Corona-Mutanten gibt. Hartmut Hengel, der frühere Präsident der „Gesellschaft für Virologie“ (GfV) und in Freiburg forschende Wissenschaftler, hatte in einem Brief an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) schon im November 2019 und lange vor der jetzigen Pandemie eine bessere Mutanten-Überwachung („molekulare Surveillance“) gefordert.

          Im Gespräch mit der F.A.Z. kritisierte der stellvertretende Präsident GfV, der Ulmer Virologe Thomas Stamminger, das Vorgehen der Bundesregierung: „Die virologische Fachgesellschaft hatte im November 2019 Gesundheitsminister Jens Spahn darauf aufmerksam gemacht und um eine bessere finanzielle Ausstattung der Konsilarlabore gebeten, auch um Mutationen von Viren allgemein besser nachverfolgen zu können. Leider konnten wir damals nichts bewegen und haben, soweit ich weiß, keine Antwort aus Berlin erhalten. Und leider hat sich niemand dieser Frage in den Monaten der Pandemie angenommen.“ Für eine hinreichende Beobachtung des Infektionsgeschehens, so Stamminger, müssten bei täglich 20.000 Neuinfektionen pro Woche 5000 Genom-Sequenzierungen vorgenommen werden, wenn man sich einen Überblick über das Infektionsgeschehen verschaffen wolle. Seit Beginn der Pandemie wurden in Deutschland insgesamt nur 2200 Sequenzierungen des Virus gemacht.

          Aber auch an der Verordnung und Spahns Vorgehen gibt es Kritik: „Jetzt investiert Bundesgesundheitsminister Jens Spahn 200 Millionen Euro, das ist viel Geld. Es bringt uns aber nicht voran, wenn ohne systematische Datenerhebung jetzt an jeder Abstrichstelle in Deutschland Proben zur Genomsequenzierung entnommen werden“, sagte Olaf Rieß der F.A.Z. Der Mediziner leitet das „Institut für Medizinische Genetik und angewandte Genomik“ am Universitätsklinikum Tübingen. Rieß fordert auch, die Genom-Sequenzierungen so breit wie möglich zu machen, um über die Ursachen von schweren Verläufen von Covid-19 mehr Kenntnisse zu bekommen.

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