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Stutthof-Prozess : Einstiger SS-Wachmann zu Bewährungsstrafe verurteilt

Der frühere SS-Mann Bruno Dey im Landgericht Hamburg Bild: AP

Der 93 Jahre alte Bruno Dey wurde wegen der Beihilfe zum Mord in 5232 Fällen und dem versuchten Mord in einem Fall schuldig gesprochen. Er sah bei sich keine Schuld. Die Opfer, die durch die „Hölle des Wahnsinns“ gegangen seien, bat er um Entschuldigung.

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          Der frühere SS-Wachmann Bruno Dey ist der Beihilfe des Mordes in 5232 Fällen und dem versuchten Mord in einem Fall schuldig. Das sagte die Vorsitzende Richterin Anne Meier-Göring bei ihrer Urteilsverkündung am Donnerstag im Hamburger Landgericht. Er wurde zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Der 1927 geborene Dey war von August 1944 bis April 1945 im deutschen Konzentrationslager Stutthof nahe Danzig Wachmann. Das hatte er nie bestritten, jedoch gesagt, dass er bei sich keine Schuld sehe. Er habe persönlich keinem Menschen Leid zugefügt.

          Matthias Wyssuwa
          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          „Wie konnten Sie sich bloß an das Grauen gewöhnen?“, fragte die Richterin bei der Urteilsbegründung. Dabei waren sie Gehilfe dieser menschengemachten Hölle“, sagte Meier-Göring. „Sie hätten nicht einem verbrecherischen Befehl befolgen und sich schon gar nicht auf diesen berufen dürfen.“ Dey war im Alter von 17 Jahren zur Wehrmacht eingezogen und dann an die SS überstellt worden.

          Das Verfahren sei rechtlich und menschlich schwierig gewesen und habe Einblicke in eine „unvorstellbar dunkle Zeit“ gegeben, sagte die Richterin. Es habe gezeigt, „zu welchen Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ Menschen fähig seien. Die eigentliche Botschaft dieses Verfahren sei: „Achtet die Würde des Menschen um jeden Preis – ja auch, wenn der Preis die eigene Sicherheit ist“, sagte Meier-Göring.

          Weiterer früherer Wachmann des KZ Stutthof angeklagt

          Dey musste sich seit Oktober vergangenen Jahres vor dem Hamburger Landgericht verantworten. Die Anklage hatte ihm Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen vorgeworfen, „die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge“ mit seinem Dienst unterstützt zu haben. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Jugendstrafe von drei Jahren gefordert, die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert.

          In dem Konzentrationslager Stutthof waren insgesamt etwa 110.000 Menschen eingesperrt, 65.000 starben. Von den 5230 Morden, zu denen Dey Beihilfe geleistet haben soll, zählen 30 durch eine Genickschussanlage, 200 durch Vergasung und 5000 durch die Aufrechterhaltung von lebensfeindlichen Umständen: Viele Gefangene starben im Herbst/Winter 1944 bei einer Typhus-Epidemie. 

          Das Urteil in Hamburg dürfte eines der letzten zu den Verbrechen der Nationalsozialisten sein, schon wegen der langen Zeit, die seitdem vergangen ist. Vor Kurzem wurde in Wuppertal ein weiterer früherer Wachmann aus dem KZ Stutthof angeklagt, jedoch ist noch unklar, ob er verhandlungsfähig ist.

          Wachmänner wie Dey sind erst in den vergangenen Jahren, vor allem nach den Urteilen gegen John Demjanjuk und Oskar Gröning, in den Fokus der Strafverfolgung gekommen. Nun war es nicht mehr zwingend notwendig, ihnen konkrete Taten und Beiträge zu Morden nachweisen zu müssen. Es reicht, dass sie mit ihrem Dienst das System der Ermordungen aufrecht erhalten haben.

          Staatsanwalt: Das ist Beihilfe zum Mord

          In seinem Plädoyer äußerte der Staatsanwalt, Bruno Dey sei der Beihilfe zum Mord an 5230 Menschen überführt. Daran bestehe kein Zweifel. Er habe als Wachmann wissen müssen, dass Menschen vergast oder im Krematorium durch Genickschuss hingerichtet wurden. Er habe das Unrecht erkannt – und er habe einen anderen Weg wählen können. Dey habe sich auch nicht in einem Befehlsnotstand befunden, es fehle jeder Hinweis auf einen inneren Konflikt. Es habe die Möglichkeit gegeben, sich versetzen zu lassen. Er habe aber für sich beschlossen, den beobachteten Morden durch Weggucken, Wegducken und Weitermachen zu begegnen. „Das ist Beihilfe zum Mord“, sagte der Staatsanwalt.

          Deys Verteidiger hatte hingegen argumentiert, dass die Zugehörigkeit zur Wachmannschaft allein nicht als Beihilfe zum Mord gelten könne und dass der Angeklagte seinen Dienst damals nicht als Teilnahme an dem Verbrechen erkannt habe. Aus damaliger Sicht sei der Dienst in einem Konzentrationslager kein Verbrechen gewesen. Nach seinem moralischen Verständnis habe er sich mit seinem Wachdienst nicht an den Grausamkeiten im Lager beteiligt.

          Dey hatte in seinen letzten Worten gesagt, ihm sei erst durch den Prozess das ganze Ausmaß der Grausamkeiten und des Leids bewusst geworden. Er wolle sich bei den Opfern, die durch diese „Hölle des Wahnsinns“ gegangen seien, und ihren Angehörigen und Hinterbliebenen entschuldigen. „So etwas darf nie wieder passieren.“

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