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Stuttgart : In der OB-Wahl ist alles offen

Die Favoriten für das Oberbürgermeisteramt (von links: Bettina Wilhelm, Sebastian Turner und Fritz Kuhn) laufen gemeinsam mit den anderen Konkurrenten Hannes Rockenbauch und Harald Hermann bei der Parade des Christopher Street Days in Stuttgart mit Bild: dpa

Im Stuttgarter Wahlkampf liefern sich die Kandidaten Turner und Kuhn einen heftigen Schlagabtausch um das Amt des Oberbürgermeisters.Von dem Streit profitiert die SPD-Kandidatin Wilhelm.

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          Die Stuttgarter sind ungnädig mit ihrem Oberbürgermeister. Den Amtsinhaber Wolfgang Schuster von der CDU haben sie erst kürzlich wieder ausgepfiffen. Schuster stand im Schlossgarten bei sommerlichen Temperaturen, die Don-Giovanni-Premiere war auf einem Großbildschirm zu sehen, und er wurde von keinem Geringeren interviewt als von Harald Schmidt. Befremdet zuckte Schmidt immer wieder zusammen, wenn Buhrufe zu hören waren.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Dabei muss Schuster den Vergleich mit seinen Vorgängern nicht scheuen. Sein Vorgänger Manfred Rommel hat zwar viele schwäbische Aphorismen hinterlassen, dessen parteiloser Vorgänger Arnulf Klett die Stadt nach dem Krieg wieder aufgebaut. Aber der fleißigste und gestaltungswilligste Oberbürgermeister war sicher Schuster, das sagen sogar seine zahlreichen Gegner.

          Drei Bewerber sind im Rennen

          Die Buhrufe im Schlossgarten waren wohl nur das Amuse-Gueule zum Oberbürgermeisterwahlkampf, der erst richtig beginnt, wenn die Stuttgarter aus dem Urlaub zurück sind, also in den ersten Septemberwochen. Drei Bewerber kommen in die engere Wahl: Der Werbeunternehmer Sebastian Turner, kürzlich zugereist aus Berlin, aufgewachsen in Stuttgart, fürsorglich versorgt, wie er in einem Video einmal mitteilte, von einer gewissen „Tante Gisela“.

          Turner kandidiert mit Unterstützung von CDU, FDP und Freien Wählern. Der 45 Jahre alte Unternehmer streitet nicht ab, Millionär zu sein, möchte nun noch einmal etwas gestalten, ist aber keineswegs so parteifern, wie er gern behauptet - sein Vater war in Berlin Senator unter einem Regierenden Bürgermeister der CDU.

          Turners ärgster Konkurrent ist der grüne Haudegen und manchmal grantige Zuspitzer Fritz Kuhn, 59 Jahre alt, einst Fraktionsvorsitzender im Landtag, später Bundestagsabgeordneter in Berlin.

          Und schließlich ist da noch Bettina Wilhelm, unterstützt von der SPD, angetreten aus eigenem Ehrgeiz. Sie ist Pädagogin und derzeit erste Bürgermeisterin von Schwäbisch Hall. Bettina Wilhelm ist 48 Jahre alt, 42 Jahre hat sie in Stuttgart gewohnt.

          Stimmungstest für den Bundestagswahlkampf

          Bei diesem Wahlkampf, dem manche sogar „bundespolitische Bedeutung“ zusprechen, geht es nicht darum, für die nächsten acht Jahre einen möglichst kompetenten Politiker und erfahrenen Verwalter in das Stuttgarter Rathaus zu schicken.

          Nach anderthalb Jahren grün-roter Herrschaft in der Villa Reitzenstein wird die Wahl um das angeblich zweitwichtigste Amt im Südwesten zu einem Stimmungstest: Kann die CDU wenigstens mit einem parteiunabhängigen Kandidaten noch gewinnen? Oder gelingt es mit Fritz Kuhn erstmals, einen Grünen in das Rathaus der Landeshauptstadt zu schicken? Die Stuttgarter Verwaltung hat mehr als 20000 Mitarbeiter, mit 600000 Einwohnern ist die Landeshauptstadt die sechstgrößte Stadt der Republik.

          Dass in den nächsten Monaten eine ziemlich heftige Wahlkampfschlacht zu erwarten ist, war in dieser Woche zu beobachten: Wie die Kesselflicker stritten sich Turner und Kuhn über eine Plakatfläche. Eine Werbefläche, die nach Preisliste 39500 Euro kosten würde, hatte der parteilose Kandidat der bürgerlichen Parteien für 7500 Euro als Spende von einem Unternehmer bekommen.

          Zwischen Kuhn und Turner gab es einen heftigen Schlagabtausch. Turners Leute erinnerten daran, dass Kuhn eine Einladung der GLS-Bank dankend angenommen habe, der keilte aus dem Mittelmeer-Urlaub sofort zurück, derartige Behauptungen seien eine „Sauerei“, Turner sei ein „Großkotz“, den die Stuttgarter ohnehin nicht wollten.

          Angesichts der Tatsache, dass Turner und Kuhn nur aus dem Urlaub kommentierten, war das ein ziemlich heftiger Schlagabtausch. Schon vor Wochen hatte Turner Kuhn einen „Fairnesspakt“ angeboten, doch Kuhn lehnte dankend ab. Er habe sich überrumpelt gefühlt.

          Turner hat zwar ein bedeutendes Werbeunternehmen aufgebaut, in einem Wahlkampf steht er zum ersten Mal in seinem Leben, eine Verwaltung hat er auch noch nicht geführt. Dafür, dass er von vielen anerkennend „Werbeprofi“ genannt wird, hat er schon eine Reihe von Fehlern gemacht: Bei Diskussionsveranstaltungen weigert er sich, auf manche Zuschauerfragen zu antworten. In der Auseinandersetzung über die Plakatfinanzierung schurigelte sein Sprecher Journalisten: Sie müssten nur ihre Anzeigenverkäufer anrufen, um über Rabatte im Werbegeschäft etwas zu erfahren.

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