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Stuttgart 21 : Wo sich die Eidechsen paaren

„Hohe Ingenieurskunst gefragt“: Die Ostseite des alten Stuttgarter Bahnhofs mit dem Bahnhofsturm Bild: Jonas Wresch

Es ist ruhig geworden um Deutschlands bekannteste Baustelle. Dabei ist noch lange nicht alles gut beim Infrastrukturprojekt Stuttgart 21. Und das liegt nicht nur am Juchtenkäfer.

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          Lange nichts gehört vom Juchtenkäfer. Es ist ruhiger geworden um Deutschlands prominenteste Baustelle. Die Montagsdemonstranten treffen sich nach einigem Hin und Her vor dem Rathaus und nicht mehr vor dem Bahnhof. Die Grünen sind aus dem alten Aktionsbündnis der Bahnhofsgegner ausgestiegen und fürchten, bei der Kommunalwahl im Mai die Quittung zu bekommen. Der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann gab kürzlich ein Gutachten zur Leistungsfähigkeit des neuen Bahnhofs in Auftrag, veröffentlichte es dann aber nicht, weil dem Projekt – anders als von Hermann und den Bahnhofsgegnern seit Jahren behauptet – eine hohe Leistungsfähigkeit bescheinigt wurde. Wäre das Ergebnis für die Bahn negativ gewesen, hätte es wohl im Kommunalwahlkampf eine Rolle gespielt. 2021 soll das größte Infrastrukturprojekt Deutschlands fertig sein; das dürfte aber nur gelingen, wenn Anfang 2015 für den ICE-Flughafenbahnhof im Stuttgarter Süden ein Planfeststellungsbeschluss vorliegt.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          „Das größte Sicherheitsrisiko des Landes – S21“ steht an einem Bauzaun im Schlossgarten. Wie auch immer. Stadtsoziologen beobachten eine nachhaltige Veränderung der Schlossgartengesellschaft. Die Baustelle zwingt Menschen zusammen, die sonst in Stuttgart wenig miteinander zu tun haben, gerade im Frühjahr und Sommer. Die Punker aus den Stuttgarter Vororten lagern nun manchmal mit ihren Hunden und Bierflaschen vor dem Staatstheater. Und die festlich gekleideten Gattinnen mittelständischer Unternehmer rümpfen schon einmal die Nase, wenn sie die Treppen zur Oper heraufschreiten. Die Stricherszene, die viele Jahre nachts das Planetarium belagerte, zieht sich häufig in die Bahnhofspassage zurück. An manchen Tagen ist der Rasen im Schlossgarten übersät von Müll.

          Ein kleines Problem spult sich schnell zu einem großen auf

          Gebaut wird nicht nur hinter dem alten Bonatz-Bau, sondern an vielen kleineren Baustellen in der Stadt. „Zwischenangriff“ nennen die Ingenieure diese Teilbaustellen, von denen aus man sich in Richtung Hauptbahnhof vorgräbt. Sie finden sich in Feuerbach oder Untertürkheim. Die Planer ärgern sich schon mal, dass sie Bäume, auf denen der Juchtenkäfer siedelt, nicht einfach fällen können. Kann ein Baum auf der Baustelle während der vegetationsfreien Zeit nicht pünktlich gefällt werden, kann sich ein Teilabschnitt ein Jahr verzögern. Mittlerweile hat sich auch herausgestellt, dass der Juchtenkäfer gar nicht so selten ist und er auch jenseits des Schlossgartens Bäume besiedelt und zermulcht. Größere Sorgen macht mittlerweile aber ein Tier, das sich in alten Gleiskörpern besonders wohl fühlt – die Mauereidechse.

          Ekkehard Lay ist Leiter des Teilprojektes 1.5. Er hat schon Express-Eisenbahnen in Korea und China gebaut, der deutsche ICE ist ja ein Exportartikel. Jetzt steht er auf dem zugigen Feuerbacher Bahnhof, unweit des Porsche-Betriebsgeländes, und erklärt, wie die bestehenden Gleise und Kabeltunnel Meter für Meter verlegt werden müssen, damit der Tunnel zum neuen Hauptbahnhof gebaut werden kann. 2,7 Kilometer sind es bis dorthin. „In Korea konnten wir einmal nicht bauen, weil dort ein tausend Jahre alter Baum stand. In China wird die Planfeststellung mit der Planierraupe gemacht, da war es im Grunde nur eine technische Planung“, sagt Lay. China soll natürlich kein Vorbild sein, aber in Deutschland machen die umfänglichen Vorschriften zum Artenschutz Projekte wie Stuttgart 21 fast unmöglich.

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