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Stuttgart-21-Sprecher Andriof : Ein Stoiker für das „Himmelfahrtskommando“

Stoisch, emotionslos, faktenverliebt: Udo Andriof Bild: dapd

Seit Wochen demonstrieren Tausende gegen „Stuttgart 21“. Nun soll Udo Andriof die Bürger von den Vorzügen des Bahnprojekts überzeugen. Selbst Wohlmeinende bezeichnen die Aufgabe als „Himmelfahrtskommando“.

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          Vor ein paar Tagen wanderte der 68 Jahre alte Udo Andriof mit befreundeten ehemaligen Behördenleitern noch im Wald. Für solche Ausflüge dürfte der ehemalige Stuttgarter Regierungspräsident künftig kaum noch Zeit haben, denn er soll eine Aufgabe übernehmen, die selbst Wohlmeinende als Himmelfahrtskommando bezeichnen: Andriof soll ehrenamtlich die skeptische Stuttgarter Bürgerschaft von den Vorzügen des Infrastrukturprojekts „Stuttgart 21“ überzeugen. Unterstützt wird er von dem Unternehmensberater Wolfgang Dietrich und einer mit Krisenkommunikation vertrauten Agentur.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Der Charakter Andriofs wird als stoisch, emotionslos und faktenverliebt beschrieben. Aus Sicht der Landesregierung spricht einiges für seine Berufung: Er hat die klassische Laufbahn eines baden-württembergischen Spitzenbeamten absolviert. Die Karriere des Juristen führte über das Staatsministerium, wo er unter Ministerpräsident Späth Leiter der Abteilung I war. Als Regierungspräsident Manfred Bulling wegen des sogenannten Flüssig-Ei-Skandals in den einstweiligen Ruhestand versetzt wurde, ergriff Andriof seine Chance und ließ sich zum Nachfolger ernennen.

          Von 1989 bis 2007 führte er den mit vier Millionen Einwohnern größten Regierungsbezirk Deutschlands. In dieser Funktion hat er viele Erfahrungen mit der Planung und Durchsetzung von Großprojekten gesammelt. So hat er die schwierigen Planfeststellungsverfahren für den Flughafen und den Neubau der Landesmesse auf den Fildern zu verantworten. Auf den Protestplakaten war sein Porträt zu sehen.

          Die richtige Wahl?

          Im Auftrag des Eisenbahnbundesamtes ist das Stuttgarter Regierungspräsidium auch für die geplante ICE-Neubaustrecke nach Ulm und den neuen Durchgangsbahnhof zuständig. Andriof ist ein Mann, der jede Weiche im mittleren Neckarraum kennt und auch zu Hubert Wicker, dem Chef der Staatskanzlei und früheren Regierungspräsidenten Tübingens, einen kurzen Draht hat. Doch ist der Faktenmensch der Richtige, um die emotionalisierten Stuttgarter zu beruhigen, gar zu überzeugen?

          Der Protest der Filderbauern gegen die neue Messe sei mit der Protestbewegung gegen Europas größtes Bauprojekt nicht zu vergleichen, geben diejenigen zu bedenken, die Andriof für eine schlechte Wahl halten. Für die Gegner von Großprojekten und vor allem für die Grünen ist Andriof die fleischgewordene Vierspurigkeit; er ist, wie eine Stuttgarter Zeitung schrieb, Mitglied der „alten Betonriege“ in der Landeshauptstadt. Ein Brückenentwurf südlich von Aldingen im Nordosten Stuttgarts ist nach ihm benannt. Andriof hatte mit Geldern von Wirtschaftsverbänden die Brücke planen lassen, um die katastrophale Verkehrssituation zu verbessern.

          Die Finanzierung war umstritten; ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft wurde eingestellt. Andriof dürfte in der fachlichen Auseinandersetzung eine gute Figur machen. Denn sein Vorgänger Wolfgang Drexler litt auch darunter, dass er in fachlichen Dingen immer vom trägen Apparat der Bahn AG abhängig war. Andriof kennt die Fakten aus der eigenen Arbeit und kann den Argumenten der Gegner sofort Paroli bieten.

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