https://www.faz.net/-gpf-9l8v5

Stuttgart 21 : Stillstand auf der Baustelle

Eine Gegnerin des umstrittenen Bahnprojekts Stuttgart 21 hält einen Aufkleber gegen das Projekt in der Hand (Archiv). Bild: dpa

Es tut sich wenig beim Großprojekt Stuttgart 21. Der Fernbahnhof an der Messe könnte später als geplant eröffnen – und die Kosten abermals deutlich steigen.

          Für die Stuttgarter Bürger und die Durchreisenden ist die Baugrube für den neuen Tiefbahnhof in der Mitte der Stadt ein Zeugnis des rasenden Stillstands. Veränderungen spüren sie nur, wenn die Straßenführung verändert wird. Aus den Medien erfuhren sie kürzlich, dass in Obertürkheim in einem Tunnel schon seit vergangenem Herbst nicht mehr gebaut werden kann, weil dort pro Sekunde 30 Liter Grundwasser in das Bauwerk fließen und abgepumpt werden müssen.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Von den 28 Beton-Kelchstützen, die der Architekt Christoph Ingenhoven geplant hat und die das neue Bahnhofsdach des künftigen Stuttgarter Hauptbahnhofs einmal tragen sollen, sind bislang nur drei gegossen worden. Für den zusätzlichen ICE-Bahnhof an der Messe und dem Flughafen fehlt noch immer ein Planfeststellungsbeschluss. Wenn sich die Bürger Stuttgarts mindestens bis Ende 2025 gedulden müssen, bis sie im neuen Bahnhof in die ICEs einsteigen können, dürfte der in 26 Meter Tiefe gebaute ICE-Halt auf den Fildern südlich von Stuttgart mindestens drei weitere Jahre Bauzeit benötigen. Ende 2018 verließ dann auch noch Peter Sturm, der erfahrenste Manager, die Geschäftsführung der für den Bau zuständigen Bahn-Projektgesellschaft in Stuttgart.

          Kosten von 50 Millionen: Anhebung der denkmalgeschützten Bahndirektion.

          Die Liste der aktuellen Probleme des 1994 erstmals öffentlich vorgestellten und 2010 begonnenen Projekts ließe sich mühelos verlängern. Und auch die Frage, ob der neue Bahnknoten tatsächlich, wie der Aufsichtsrat der Bahn AG beschlossen hat, für 8,2 Milliarden Euro gebaut werden kann, ist noch längst nicht entschieden. Seit Herbst vergangenen Jahres wird in den Ministerien der grün-schwarzen Landesregierung in Stuttgart über eine abermalige Kostensteigerung spekuliert. Zur Erinnerung: Erst Anfang 2018 hatte der Aufsichtsrat der Bahn AG den Kostenrahmen nach langen Spekulationen und Debatten von 6,5 Milliarden Euro auf 8,2 Milliarden Euro erhöht. Dass durch die boomende Bauwirtschaft eine Kostensteigerung von sieben Prozent realistisch ist, dürfte auch für Stuttgart 21 nicht ohne Wirkung bleiben.

          Bahnhof könnte zwei Milliarden Euro teurer werden

          An diesem Mittwoch wird im Aufsichtsrat der Bahn auch wieder über den Baufortschritt auf der Stuttgarter Baustelle berichtet. Nach Informationen der „Stuttgarter Zeitung“ könnte es dann auch um Kostensteigerungen gehen: Der Bahnhof könnte statt acht Milliarden Euro zehn Milliarden Euro kosten. Das Gesamtprojekt, zu dem die ICE-Strecke Wendlingen–Ulm gehört, dann 15 Milliarden Euro. Die Zeitung bezieht sich auf Unterlagen, die angeblich für die Aufsichtsräte vorbereitet worden sein sollen.

          Der Sprecher der Stuttgarter Projektgesellschaft sagte am Dienstag, er könne Papiere, die ihm nicht vorlägen, nicht kommentieren. „Wir halten weiterhin an einem Gesamtwertumfang von 7,705 Milliarden Euro und einem Finanzierungsrahmen von 8,2 Milliarden Euro fest.“ Auf die Frage, ob der mit 495 Millionen Euro bestückte „Risikopuffer“ angesichts enormer Kostensteigerungen nicht langsam aufgebraucht sein müsse, sagte der Sprecher: „Wir bewegen uns im bekannten Finanzierungsrahmen.“

          Kenner des Projekts in Stuttgart sind skeptischer, der jetzige Bericht passe zu Diskussionen, die in vorausgegangenen Sitzungen des Aufsichtsrats geführt worden seien. „Das könnte durchaus die logische Weiterentwicklung bei diesem Projekt sein. Risiken erhärten sich, Chancen lassen sich nicht realisieren“, heißt es aus der Landesregierung. Einzelne Aufsichtsratsmitglieder fürchten nach Informationen dieser Zeitung in der Tat, dass der Risikopuffer im Sommer aufgebraucht sein könnte.

          Weil der neue Stuttgarter Bahnknoten ein eigenwirtschaftliches Projekt der Bahn AG ist, anders als die im Bundesverkehrswegeplan ausgewiesene ICE-Strecke Stuttgart–Ulm, kann das Unternehmen die zusätzlichen Kosten nicht so einfach an den Bund abwälzen. „Die Bahn ist so knapp bei Kasse, dass sie noch nicht einmal neue Züge kaufen kann. Und jetzt zeigt sich, dass sie das Kostenmanagement nicht im Griff hat“, sagte Matthias Gastel, verkehrspolitischer Sprecher der grünen Bundestagsfraktion. Der Sprecher der Projektgesellschaft verweist hingegen auf die Erfolge auf der Baustelle: Von 59 Kilometern Tunnelstrecke seien 45 Kilometer gebohrt worden. Und von den acht Millionen Tonnen Erdaushub seien sieben Millionen Tonnen abtransportiert worden: „Und 98 Prozent mit dem Güterzug.“ Zahlen, die zur Beschwichtigung der Stuttgarter Bürger dienen sollen.

          Weitere Themen

          Union beendet Europawahlkampf Video-Seite öffnen

          Merkel ist auch da : Union beendet Europawahlkampf

          Beim Abschluss des Europawahlkampfs der konservativen EVP in München ist Bundeskanzlerin Angela Merkel mit von der Partie. Das jähe Ende der Koalition aus ÖVP und FPÖ in Österreich ist auch hier Thema.

          Macron reagiert im Livestream Video-Seite öffnen

          „Angriff“ in Lyon : Macron reagiert im Livestream

          In der Fußgängerzone der französischen Stadt Lyon ist offenbar eine Paketbombe explodiert. In einem Live-Interview auf YouTube und Facebook während einer Wahlveranstaltung der Partei La Republique En March sprach Macron von einem Angriff.

          Topmeldungen

          Amerikas Präsident Donald Trump und sein Außenminister Mike Pompeo

          Saudi-Arabien : Trump umgeht Kongress bei Waffenverkäufen

          Die amerikanische Regierung will Waffen ohne Zustimmung des Kongresses an Saudi-Arabien liefern. Außenminister Mike Pompeo sieht darin eine Abschreckung „iranischer Aggressionen“. Die Demokraten befürchten einen Einsatz der Bomben im Jemen-Krieg.
          Die irische Flagge vor dem Gebäude der EU-Kommission in Brüssel

          EU-Wahl : Pro-europäische Regierungspartei in Irland vorn

          Irlands Regierungschef warnt nach dem Rücktritt von Theresa May vor einer „sehr gefährlichen“ Phase. Bei der Europawahl hat er offenbar Rückenwind bekommen. EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber verspricht, Europa vor Nationalisten zu verteidigen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.