https://www.faz.net/-gpf-7kci5

Stuttgart 21 : Der lange Atem des Widerstands

  • -Aktualisiert am

Prozess gegen Demonstranten

Einer von denen, die genau wissen, wie man es besser machen sollte, ist Thilo Böhmer. Böhmer sitzt in einem Café im Bahnhof. Dunkelbraune Haare, kariertes Hemd, silberner Stift in der Brusttasche. Die Gleise im geplanten Tiefbahnhof seien viel zu stark geneigt, sechs Meter auf 400 Metern Länge, da drohten die Züge wegzurollen. Böhmer spricht von „anzeigengeführter Linienzugbeeinflussung“ und „gleisbogenabhängiger Wagenkastensteuerung“. Der Laie könne sich das nicht vorstellen, sagt er. „Kein Vorwurf.“ Aber auch deswegen hätten Politiker nichts in der Planung verloren. Böhmer ist Lokführer und Feuerwehrmann und in dieser „Doppelfunktion“ Mitglied der Gruppe „Ingenieure 22“, einem Verbund von Ingenieuren, Architekten, Technikern und Naturwissenschaftlern, der sich für den Erhalt des Kopfbahnhofes einsetzt. Er habe Freunde dort gefunden, sagt Böhmer. Manchmal komme er sich vor wie auf einem Bildungsseminar, bei all den interessanten Vorträgen.

Am Tag darauf sitzt in einem kleinen Verhandlungssaal des Stuttgarter Landgerichts in der ersten Reihe der Zuschauerbänke ein Mann, der immer wieder versonnen im Strafgesetzbuch blättert. Je nachdem, was vorne gerade behandelt wird. Hinter ihm haben sich andere Stuttgart-21-Gegner versammelt. Verhandelt wird der Prozess gegen einen von ihnen. Gegen Peter M., der sich zu einer Demonstration einen Button an die Jacke geheftet hatte. Darauf das Bild eines glatzköpfigen Polizisten bei den Protesten vom 30. September 2010, drum herum steht, dass „gewaltliebende brutale Schlägercops“ in den „Knast“ sollten. Herr M. wurde wegen Beleidigung und des Verstoßes gegen das Kunsturheberrecht zu einer Geldstrafe verurteilt. Nun wird das Berufungsverfahren verhandelt.

Eine Schlüsselszene

Der Richter schwäbelt, im Zuschauerbereich kennt man sich, eine Frau verteilt Schokolade, eine andere Flugblätter. „Hau rein“, wird dem Angeklagten zugerufen. Dann werden die Bilder des Polizisten noch einmal gezeigt, die damals überall zu sehen waren. Ein riesiger Mann, der immer wieder mit dem Schlagstock nach Demonstranten ausholt. Eine Schlüsselszene der Proteste. Der Polizist wurde später freigesprochen, er habe in Notwehr gehandelt. Die Begründung wird vom Richter noch einmal verlesen. „Ja, ja, Notwehr!“, ruft ein Zuschauer aufgebracht. „Hier sitzen die Opfer“, meint eine Frau.

Der Herr in der letzten Reihe bleibt ruhig, obwohl er auch dabei war. Michael Weithase, Physik- und Mathematiklehrer, seit fünf Jahren in Rente. Hellblaues Hemd, Krawatte und nur am Rucksack ein kleiner „K21“-Button. Sein politisches „Koordinatensystem“ sei „zertrümmert“, sagt Weithase und rutscht auf dem Stuhl ein wenig nach vorne. Von der CDU fühle er sich „enttäuscht“ und von den Grünen „verraten“. Bei den Protesten sei er den Wasserwerfern aus dem Weg gegangen, denn er habe gesehen, „wie die Bande scharf schießt“.

„Drecksprojekt“

Wie an jedem Montag ist abends die dreispurige Straße gegenüber dem Hauptbahnhof gesperrt. „Empört euch, beschwert euch und wehrt euch, es ist nie zu spät“, tönt es aus den Boxen. Weithase geht durch die Reihen, bis er wenige Meter vor einem Lastwagen stehen bleibt, der zu einer Tribüne umfunktioniert wurde. Früher kamen zu den „Montagsdemonstrationen“ Zehntausende Menschen, jüngst, zur 200. Ausgabe, nach Polizeiangaben immerhin noch 3400. Jetzt will die Stadt die Demonstrationen verlegen, um Staus zu vermeiden. Aber die Gegner weigern sich und haben einen Verbleib vorerst vor dem Verwaltungsgericht durchgesetzt.

„Drecksprojekt“ steht auf einem Plakat. „Wir stärken den Widerstand“ auf einem anderen. Darunter wird Kuchen verkauft. Man solle weiter zusammenhalten, sagt ein Redner, „dann ist bei uns auch so etwas wie in Bayern möglich“. Wenn man die Bewerbung für Olympische Winterspiele kippen kann, dann doch auch noch diesen Bahnhof. An der Ampel neben den Demonstranten halten Autos, durch die Fenster werden Wurfzettel gereicht. Später zieht der ganze Trupp noch durch die Innenstadt bis zum Rathaus. Die Stimmung ist weihnachtlich. Menschen mit großen Einkaufstüten in den Händen huschen durch die Reihen, ein paar Polizisten laufen mit, eine Blaskapelle spielt.

Weitere Themen

Schuldig durch Mitmarschieren?

Prozess zu G-20-Krawallen : Schuldig durch Mitmarschieren?

Die Folgen der G-20-Krawalle bewegen Hamburg auch nach drei Jahren noch. Ein neuer Prozess wirft jetzt die Frage auf: Ab wann machen sich Demonstranten des Landfriedensbruchs schuldig?

Topmeldungen

Krawall ohne Ende: Im Hamburger Schanzenvierteil während des G-20-Gipfels im Juli 2017

Prozess zu G-20-Krawallen : Schuldig durch Mitmarschieren?

Die Folgen der G-20-Krawalle bewegen Hamburg auch nach drei Jahren noch. Ein neuer Prozess wirft jetzt die Frage auf: Ab wann machen sich Demonstranten des Landfriedensbruchs schuldig?
Das RKI zählt seit Beginn der Pandemie insgesamt 942.687 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2 in Deutschland.

Robert-Koch-Institut : Mehr als 22.000 Corona-Neuinfektionen in Deutschland

In Deutschland sind innerhalb eines Tages mehr als 22.046 Neuinfektionen mit dem Coronavirus verzeichnet worden. Das sind rund 200 weniger als am Donnerstag vor einer Woche. Die Todesfälle erreichen mit 479 binnen eines Tages den zweithöchsten Stand seit Beginn der Pandemie.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.