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Stuttgart 21 : Aus dem Bahnhof kein Entrinnen

Bild: Ivan Steiger

Am Sonntag wird über Stuttgart 21 abgestimmt. Was den gordischen Knoten zerschlagen soll, könnte ihn noch unauflösbarer machen.

          Deutschlands „größte Kleinstadt“, wie der schwäbische Mundartdichter Thaddäus Troll Stuttgart einmal nannte, wird auch nach der Volksabstimmung am 27. November im Bann des Bahnhofs stehen. Gerhard Heimerl, der Verkehrsplaner und Schöpfer von Stuttgart21 hat einmal gesagt, das Vorhaben sei mitnichten trivial. Das dürfte sich bestätigen, falls es am Sonntag einen Wählerauftrag für die Kündigung der Finanzierungsverträge geben sollte. 7,6 Millionen Baden-Württemberger sind abstimmungsberechtigt. Das Kündigungsgesetz tritt nur in Kraft, wenn 2,5 Millionen Stimmen mit Ja abgegeben werden, dann ist das Quorum erfüllt. Welche politische Dynamik entsteht, wenn es eine Mehrheit für den Ausstieg geben sollte, das Quorum aber verfehlt wird, lässt sich schwer voraussagen.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Angenommen, das Gesetz zur Kündigung der Finanzierungsverträge scheitert: Dann stehen den Grünen schwere Monate ins Haus, sie müssen der Bahn helfen, die Bautätigkeit fortzusetzen. Im Schlossgarten gibt es noch immer ein Zeltlager. Bisher duldet das Finanzministerium die Dauercamper, um die Lage zu deeskalieren. Im Frühjahr will die Bahn mit dem Abriss des Südflügels beginnen. Es könnte dann heftige Auseinandersetzungen zwischen Polizei und der Antibahnhofsbewegung geben. Die Polizei bereitet sich bereits mit Containergefängnissen auf den Großeinsatz vor.

          Unnötige Erweiterungen

          Schon jetzt ist am Hauptportal des Bahnhofs eine blaue Leitung zum Abpumpen des Grundwassers zu sehen. Diese überirdisch verlegten Rohre werden das Stuttgarter Stadtbild lange beherrschen. Historisch betrachtet ist die Bebauung des jetzigen Gleisvorfelds für die Landeshauptstadt die größte städtebauliche Veränderung seit hundert Jahren. Christoph Ingenhooven, der Architekt des geplanten Durchgangsbahnhofs, gewann den städtebaulichen Wettbewerb auch deshalb, weil der neue Bahnhof die Stadt nicht mehr zerteilen soll. Die Idee, in Stuttgart einen Durchgangsbahnhof zu bauen, ist dabei älter als die Planungen für das 1994 erstmals vorgestellte Projekt Stuttgart21. Entsprechende Pläne gab es schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

          Der Schlichter Heiner Geißler hat im Herbst 2010 in seinem Schlichterspruch empfohlen, ein Projekt „Stuttgart 21 plus“ zu bauen

          Der geplante Einschnitt soll zwar eine Stadtwunde heilen, für mindestens zehn Jahre würde aber eine zunächst noch größere Wunde in der Stadtlandschaft entstehen. Trotz Schlichtung und Stresstest wird Stuttgart21 wie jedes Großprojekt weiterhin auch Schwächen haben. Eine davon werden die Finanzen sein: Trotz des Risikopuffers von 390 Millionen Euro wird der Tag kommen, an dem die Bahn für das Milliardenprojekt zusätzliches Geld braucht. Sogar aus Sicht entschiedener S-21-Befürworter gibt es bei der Planung des neuen Bahnknotens im Stuttgarter Talkessel Schwächen: Die Wendlinger Kurve - bisher die zentrale Schienenkreuzung für die Züge nach Tübingen und München - wird auch künftig nicht kreuzungsfrei sein. Ihr Ausbau würde etwa 40 Millionen Euro kosten. Für wünschenswert halten viele Befürworter auch den Bau eines S-Bahngleises, das Cannstatt mit dem Nordbahnhof direkt verbindet. Diese Verbindung könnte den Durchgangsbahnhof entlasten und würde vier bis fünf Millionen Euro kosten. Die Bahn hält solche Erweiterungen derzeit für unnötig; die Leistungssteigerung um dreißig Prozent könne auch ohne diese Erweiterungen erreicht werden.

          Der Schlichter Heiner Geißler hat im Herbst 2010 in seinem Schlichterspruch empfohlen, ein Projekt „Stuttgart 21 plus“ zu bauen. Diese von Geißler befürworteten Verbesserungen umfassen ein zweites Gleis am künftigen ICE-Flughafenbahnhof, die Ausstattung der Tunnel mit konventioneller Signaltechnik, die Verbreiterung der Bahnsteige im neuen Hauptbahnhof sowie die Verpflanzung von Bäumen im Schlossgarten. Kosten sollten diese letztlich von der Bürgerbewegung erreichten Nachbesserungen 80 Millionen Euro. Die Landesregierung möchte, dass diese Kosten aus dem Risikopuffer bezahlt werden. Die Bahn lehnte dies ab, könnte aber nach der Volksabstimmung von dieser starren Haltung abrücken.

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