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Studie zur Integration : Gut integriert, wenig angepasst, abrutschgefährdet

  • -Aktualisiert am

Von der „Mehrheitsgesellschaft” vielfach abgeschnitten: Türkische Frauen in Deutschland Bild: AP

Eine neue Integrationsstudie zeigt große Unterschiede zwischen den Herkunftsländern: Ausländer aus der EU und Aussiedler aus Russland sind gut integriert, die türkische Bevölkerung nur gering. Einwanderer aus dem ehemaligen Jugoslawien gelten als „abrutschgefährdet“.

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          Aus den Daten des Mikrozensus 2005, für den 800.000 Personen befragt wurden, hat die in Berlin ansässige Stiftung „Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung“ ein Bild zum aktuellen Stand der Integration von Ausländern in Deutschland hergestellt. Unter dem Titel „Ungenutzte Potenziale“ fordert sie, die Datenlage weiter zu verbessern, um Stärken und Schwächen der einzelnen Herkunftsgruppen besser kennenzulernen.

          Das deutsche Bildungssystem solle sich stärker der Integration annehmen, Schulen seien die einzigen öffentlichen Einrichtungen, die als „Integrationszentren“ wirken könnten. Die langjährige Berliner Ausländerbeauftragte Barbara John sagte nach der Vorstellung der Studie am Montag in Berlin, es sei ein großes Verdienst der Arbeit, dass sie zum ersten Mal nicht pauschal von „Migranten“ spreche, sondern die Gruppen und ihre jeweils eigenen Integrationsschwierigkeiten klar identifizieren könne.

          Unproblematische Integration aus EU-Ländern

          Weitgehend unproblematisch gestaltet sich demnach die Integration in Deutschland für Bürger aus EU-Ländern (ohne die früheren Gastarbeiter-Anwerbeländern Italien, Spanien, Portugal und Griechenland), und besser, als nach Berichten über ihre Anpassungsschwierigkeiten zu vermuten wäre, ergeht es den Aussiedlern, der größten Gruppe unter den Einwanderern. Die in der Studie verwandte Definition von Integration ist anspruchsvoll: „In jeder Hinsicht den Einheimischen gleich“ ist daher keine Gruppe.

          Unter den 15 Millionen in Deutschland lebenden Menschen mit Einwanderungshintergrund - das entspricht fast einem Fünftel der Bevölkerung - unterscheiden die Autoren Franziska Woellert, Steffen Kröhnert, Lilli Sippel und Reiner Klingholz acht Gruppen mit je eigenen Besonderheiten. Unter den Einwanderern aus dem Fernen Osten gibt es mehr Frauen als Männer, und sie führen mit deutschen Ehemännern mehr „bikulturelle Ehen“ als andere Einwanderergruppen, so dass die Forscher einen starken Anteil von Heiratsmigration vermuten. Unter den Afrikanern sind wiederum die Männer in der Mehrzahl (60 Prozent); besonders viele haben deutsche Frauen geheiratet. Nur 59 Prozent von ihnen besitzen noch eine ausländische Staatsangehörigkeit.

          Türken mit größten Integrationsschwierigkeiten

          Die Türken erscheinen in der Studie als die Gruppe mit den größten Integrationsschwierigkeiten. 2,8 Millionen Menschen, das sind 3,4 Prozent der deutschen Bevölkerung, haben einen türkischen Hintergrund, die Hälfte von ihnen sind hier geboren, 86 Prozent von ihnen leben länger als acht Jahre in Deutschland, mehr als zwei Drittel von ihnen besitzen allein die türkische Staatsangehörigkeit. Von den Einheimischen sind nur zwölf Prozent jünger als 15 Jahre alt, bei den Türken sind es 28 Prozent. Die Türken haben viele Kinder und leben, wie die Einwanderer aus dem Nahen Osten, in den großen Haushalten (mit 3,2 Personen im Durchschnitt).

          Unter den Älteren sind die Männer in der Mehrzahl - die ersten Gastarbeiter kamen allein. Türkische Migranten heiraten, vermutlich aus religiösen Gründen, nur selten deutsche Ehepartner (fünf Prozent), sie sind die Gruppe, in der die meisten Bildungsabbrecher (30 Prozent ohne Abschluss) und die geringste Quote von Hochschulreife (14 Prozent) anzutreffen sind. Ihre Erwerbslosenquote ist hoch (23 Prozent), ihre Jugenderwerbslosenquote liegt noch höher (bei 28 Prozent), verglichen damit ist die Zahl derer, die von öffentlichen Leistungen leben muss, ausgesprochen niedrig (16 Prozent). Bei der kulturell den Türken am ehesten vergleichbaren Gruppe der Migranten aus dem Nahen Osten leben 34 Prozent von öffentlichen Leistungen.

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