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Frühkindliche Bildung : Zu wenig Personal, zu wenig Qualität

Bewegungsspiel in einer Magdeburger Kita (Archivbild von 2019) Bild: dpa

Eine Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass für drei Viertel der Kita-Kinder nicht genügend Fachpersonal zur Verfügung steht. Auch der Einsatz fachfremder Aushilfen behindert die frühkindliche Bildung.

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          Gute Kindergärten und Kindertagesstätten können Entwicklungschancen und Bildungsmöglichkeiten für Kinder fördern. Doch von einer angemessenen Personalausstattung mit Fachkräften sind die Kindergärten und Kindertagesstätten vielerorts weit entfernt. Sie können ihren Bildungsauftrag nicht oder nur eingeschränkt einlösen. Das geht aus dem Ländermonitoring „Frühkindliche Bildungssysteme“ und einer gleichzeitig veröffentlichten qualitativen Studie der Fernuniversität Hagen im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hervor. Die Kriterien für eine gelingende Bildungsarbeit sind die Personalschlüssel, die Gruppengröße sowie das Qualifikationsniveau des Personals.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Bundesweit war der Personalschlüssel am 1. März 2019 nach Einschätzung der Bertelsmann Stiftung für rund 1,7 Millionen Kita-Kinder nicht kindgerecht. Für 74 Prozent der Kinder in amtlich erfassten Kita-Gruppen stand somit nicht genügend Fachpersonal zur Verfügung. In Ostdeutschland betraf das 93 Prozent der Kinder, in Westdeutschland 69 Prozent. Im bundesweiten Durchschnitt bedeutet dies, dass 2019 rein rechnerisch in Krippengruppen eine Fachkraft auf 4,2 Kinder kam, in Kindergartengruppen waren es 8,8 Kinder.

          Im Vergleich zu 2013 ist das jedoch eine Verbesserung der Personalsituation. Damals lag in Krippengruppen der Personalschlüssel noch bei 1 zu 4,6 und in Kindergartengruppen bei 1 zu 9,6. Nach Empfehlungen der Bertelsmann Stiftung sollten in Krippengruppen rechnerisch 3 Kinder auf eine Fachkraft kommen und in Kindergartengruppen maximal 7,5. Die reale Personalsituation ist häufig noch angespannter, da Arbeitszeiten für Aufgaben ohne Kinder, Urlaubszeiten, unbesetzte Stellen oder fort- und weiterbildungsbedingte Abwesenheiten der Fachkräfte den Kita-Alltag noch erschweren. Hinzu kommt während der Corona-Pandemie eine Risikogruppe von Erzieherinnen, die nicht eingesetzt werden können. Stattdessen werden häufig fachfremde Aushilfen eingesetzt, die eine professionelle frühkindliche Bildungsarbeit aufgrund fehlender Voraussetzungen nicht leisten können.

          Auch die Gruppengröße entspricht in vielen Kitas nicht den wissenschaftlichen Empfehlungen. Gruppen für jüngere Kinder sollten nicht mehr als zwölf Kinder umfassen, für die Älteren nicht mehr als 18. Zu große Gruppen bedeuten für die Kinder und das Fachpersonal übermäßigen Stress, etwa durch Lautstärke, und können dazu führen, dass entwicklungsangemessene Aktivitäten nicht ausreichend durchgeführt werden. So sind bundesweit gut 54 Prozent aller amtlich erfassten Kita-Gruppen zu groß.

          Darüber hinaus ist die Qualifikation des Kita-Personals bundesweit sehr unterschiedlich. In den ostdeutschen Bundesländern ist der Anteil des als Erzieher ausgebildeten Personals mit 82 Prozent um 16 Prozentpunkte höher als in den westdeutschen Bundesländern (66 Prozent). In den westdeutschen Bundesländern arbeitet hingegen deutlich mehr Personal auf Assistenzniveau, beispielsweise als Kinderpflegerin oder Sozialassistentin.

          Wie sich der im Ländermonitoring aufgezeigte Personalmangel und die unzureichenden Kompetenzen des Personals auf die pädagogische Praxis auswirken, zeigt aktuell eine qualitative Studie der Fernuniversität in Hagen im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Die bundesweit befragten Kita-Teams beschreiben, dass sie bei Personalmangel weniger auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen können und deren individuelle Förderung in den Hintergrund treten muss. Die Erzieher beschreiben das Spannungsverhältnis zwischen Professionalitätsansprüchen und knappen Ressourcen (personelle, zeitliche, räumliche Ressourcen) als ständigen Spagat und das Gefühl, den Kindern eigentlich nicht gerecht werden zu können. Die Bildung wird reduziert, um Betreuung zu sichern, das einzelne Kind gerät aus dem Blick. Das, was für kleine Kinder in der Kita extrem wichtig ist, eine sekundäre Bindung aufzubauen, kommt permanent zu kurz. Darunter leiden die Erzieher selbst auch, die Kinder ohnehin. „Der Aufbau von tragfähigen, verlässlichen, kontinuierlichen und vertrauensvollen Beziehungskonstellationen ist dementsprechend insbesondere bei einem multifaktoriellen Personalmangel gefährdet“, heißt es in der Studie.

          Die Lage in den Ländern ist unterschiedlich: So war 2019 in Bremen (1 zu 3,0) eine Fachkraft im Schnitt für drei Krippenkinder weniger verantwortlich als in Mecklenburg-Vorpommern (1 zu 6,0). 2013 lag die größte bundesweite Differenz noch bei rechnerisch 3,5 Kindern im Vergleich von Bremen und Sachsen-Anhalt. Bei den älteren Kindern in Kindergartengruppen zeigt sich zwischen Baden-Württemberg (1 zu 6,9) und Mecklenburg-Vorpommern (1 zu 12,9) die größte Kluft. Aber auch diese hat sich zwischen den Bundesländern seit 2013 um rechnerisch mehr als ein Kind verringert. Damals lag die größte Differenz zwischen Bremen und Mecklenburg-Vorpommern. Allein in Brandenburg sind 91 Prozent der Kinder in Gruppen mit nicht kindgerechten Personalschlüsseln, in Berlin sind es 84 Prozent.

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