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Pegida-Studie : Ein Drittel Fremdenfeinde, der Rest „besorgt und empört“

  • -Aktualisiert am

Der Politologe Werner Patzelt stellt seine Studie vor Bild: dpa

Wer sind die Pegida-Demonstranten? Was treibt sie an? Eine Studie kombiniert langfristige Beobachtung mit mehrfacher Befragung von Teilnehmern. Die Mehrheit will sich von Rechtsextremen abgrenzen.

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          Die Pegida-Abspaltung „Für direkte Demokratie in Europa“ könnte einer Studie der Technischen Universität Dresden zufolge bis zu zwei Drittel der bisherigen Pegida-Teilnehmer hinter sich vereinen. Dazu zählten vor allem die zwei Gruppen der sogenannten „besorgten und empörten gutwilligen Bürger“, die eine Mehrheit unter den bisherigen Demonstranten stellten. Ein Drittel allerdings seien auch „rechtsnationale Xenophobe“, die sich dem radikalen Pegida/Legida-Lager anschließen oder bei diesem verbleiben könnten.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Eine Mehrheit der bisherigen Demonstranten habe das Bedürfnis, sich gegenüber Rechtsextremen, Hooligans und Ausländerfeinden in den „eigenen Reihen“ abzugrenzen, erklärte ein Team um den Politikwissenschaftler Werner Patzelt, das seit November die Pegida-Demonstrationen in Dresden beobachtet, die Kommunikation der Anhänger im Internet sowie Medienberichte ausgewertet und bei drei Veranstaltungen selbst mit Teilnehmern gesprochen hat. Die Studie vereint erstmals sowohl die langfristige Beobachtung als auch eine mehrfache Befragung der Teilnehmer. Sie ist aber nicht repräsentativ.

          Ein Drittel vertraut der AfD am meisten

          Die Befunde bestätigen bisherige Ergebnisse, wonach bei Pegida vor allem mittelalte Männer demonstrieren, die zwar weit rechts von der politischen Mitte stehen, aber in ihrer Mehrheit keine Rechtsextremisten, Faschisten oder Neonationalsozialisten sind. Die Islamophobie, die der Bewegung den Namen gab, ist den Forschern zufolge allenfalls Kristallisationspunkt einer kollektiven Empörung, deren zentrales Motiv jedoch eine immense Unzufriedenheit mit Politik, Politikern, Parteien und Medien ist.

          „Gemeinsame Ziele“ : AfD sieht Schnittmenge mit Pegida-Bewegung

          Insgesamt befragten die Forscher knapp 500 Personen, von denen die Hälfte zu antworten bereit war. Drei Viertel der Befragten gaben an, sich durch Parteien und Politiker nicht vertreten zu fühlen. Rund zwei Drittel verorteten sich selbst politisch „in der Mitte“, rund ein Drittel gab an, der „Alternative für Deutschland“ mehr zu vertrauen als anderen Parteien. 58 Prozent würden die AfD auch wählen; CDU und Linke kommen jeweils auf gut fünf Prozent. Ein Fünftel gab an, überhaupt nicht zu wählen.

          Mehr als zwei Drittel der Teilnehmer sind grundsätzlich dafür, politisch Verfolgte sowie Bürgerkriegsflüchtlinge aufzunehmen. Dennoch ist die Mehrheit der Meinung, dass Deutschland zu viele nicht verfolgte Asylbewerber aufnimmt. Besonders jene Demonstranten, die sich von Parteien und Politik nicht vertreten fühlen, zeigten sich auch am wenigsten offen für Asylbewerber und Flüchtlinge.

          Nur ein Fünftel stimmte der moderat formulierten Aussage zu: „Ein Islam, der so friedlich ist wie das heutige Christentum, gehört zu Deutschland.“ 45 Prozent lehnten selbst das ab. Gerade hier zeigt sich laut Patzelt der Kristallisationspunkt der Proteste: Die Unzufriedenheit mit einer gefühlt ungesteuerten Einwanderung, vor allem aus einem anderen Kulturkreis.

          Sachsen will weiter mit Pegida-Anhängern reden

          Etwa 40 Prozent der Befragten gaben an, auch bei den Montagdemonstrationen 1989 dabei gewesen zu sein. Allerdings ist eine Mehrheit dieser Demonstranten im Gegensatz zu zahlreichen der bisherigen Redner nicht der Meinung, dass heute Zustände wie in der DDR herrschten.

          Im weiteren Umgang mit dem Protest schlägt Patzelt deshalb vor, „verbal, emotional und symbolisch abzurüsten“, um eine weitere Solidarisierung mit den Protesten zu vermeiden. Dass Pegida nach langem Zögern mit dem Sechs-Punkte-Programm überhaupt politische Ziele formuliert hat, habe auch zur Spaltung zwischen radikalen und moderaten Vertretern der Bewegung beigetragen. Mit Letzteren ließe sich laut Patzelt durchaus eine sachliche, öffentliche Diskussion über Einwanderung und Integration führen. Beides könne man laut Patzelt „nicht als Elitenprojekt“ begreifen. „Man muss auch jene gewinnen, die dem Ganzen skeptisch bis ablehnend gegenüber stehen.“

          Sachsens Regierung will ihren Dialog mit den Anhängern der Pegida-Bewegung auch nach deren Spaltung fortsetzen. Für den 10. März und den 21. April sind zwei weitere Runden des sogenannten Dialogforums geplant, teilte Staatskanzleichef Fritz Jaeckel (CDU) am Dienstag mit. Bürger wendeten sich weiter mit Anfragen an die Staatskanzlei: „Es sind nicht nur Beschwerden, es sind Anliegen an die Politik.“ Er appellierte an die Menschen, für den Dialog auch vorhandene politische Institutionen zu nutzen und auch mal in eine Bürgersprechstunde zu gehen. Mit Blick auf die Spaltung von Pegida sagte Jaeckel, die Regierung warte ab, wie sich die Dinge entwickeln.

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