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Terminvergabe bei Fachärzten : Privatpatienten wurden bevorzugt

Sprechstundenhilfe und Patienten in einer Arztpraxis im nordrhein-westfälischen Iserlohn Bild: Picture-Alliance

Privatversicherte warten weniger als zwölf Werktage auf einen Facharzttermin, Kassenpatienten hingegen 25. Ärztevertreter sehen darin kein Problem.

          2 Min.

          Fachärzte in Deutschland geben Privatversicherten vielfach deutlich schneller einen Termin als Kassenpatienten. Das haben Forscher des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen herausgefunden. Die Wissenschaftler stellten in einer Studie „strukturelle Ungleichheiten beim Zugang zum Gesundheitssystem“ fest, nachdem sie bei knapp tausend Arztpraxen in ganz Deutschland unter einem Vorwand Termine angefragt hatten. Wenn sich die Forscher am Telefon als Privatpatienten ausgaben, bekamen sie nicht nur häufiger einen Termin angeboten als die vermeintlichen Kassenpatienten, sie mussten darauf auch nur halb so lange warten.

          Kim Björn Becker
          Redakteur in der Politik.

          Privatversicherte warteten im Mittel weniger als zwölf Werktage, Kassenpatienten etwa 25. Die Forscher stellten eine „systematische Patientenauswahl“ der Ärzte fest. Dies galt für Gastroenterologen, bei denen die Forscher einen Termin für eine Magenspiegelung anfragten, sowie für Allergologen, bei denen sie einen Allergietest machen wollten. Bei Hals-Nasen-Ohren-Ärzten baten sie darüber hinaus um einen Hörtest, dort traten die Unterschiede allerdings nicht so deutlich zutage. Der Versicherungsstatus des Patienten habe für viele Ärzte demnach einen „signifikanten Einfluss auf die Bereitschaft, einen Termin zu vereinbaren“, heißt es in der Studie. Die Forscher halten die unterschiedliche Vergütung für entscheidend. Ärzte können von Privatversicherten für dieselbe Leistung meist mehr Geld verlangen. Eine einheitliche Honorierung würde die Ungleichheiten verringern, folgern sie.

          „Objektiv betrachtet haben wir keine generelle Wartezeitproblematik“

          Ärztevertreter weisen die Kritik zurück. Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, sieht in den unterschiedlichen Wartezeiten kein Problem. „Objektiv betrachtet haben wir keine generelle Wartezeitproblematik“, sagt Gassen. „International betrachtet stehen wir spitzenmäßig da.“ Zudem stellt er die Aussagekraft der Studie in Frage. Die Daten wurden vor einer Gesetzesreform erhoben, die niedergelassene Ärzte verpflichtet, mehr Sprechstunden anzubieten. Das Gesetz aus der Feder von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ist vor gut einem Jahr in Kraft getreten und soll zu kürzeren Wartezeiten führen.

          Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach ist hingegen überzeugt, dass die Reform das Problem, das die Studie rückblickend belegt, noch nicht gelöst hat. „Es bleibt dabei, dass gleiche Leistung unterschiedlich vergütet wird“, sagt Lauterbach. Für ihn sei es „unsinnig“, dass es zwei konkurrierende Versicherungssysteme gebe und die Wartezeiten für Kassenpatienten höher seien als nötig. Lauterbach setzt sich dafür ein, die Privatversicherten in die gesetzliche Krankenversicherung einzubeziehen. Auch die Grünen fordern im Entwurf ihres neuen Grundsatzprogramms, eine sogenannte Bürgerversicherung einzuführen. Damit „können wir die Belastungen fair und für alle tragfähig ausgestalten“, heißt es im Entwurf des Programms. „Gesundheit und Pflege muss allen Menschen gleich zur Verfügung stehen. Es darf keinen Unterschied beim Zugang nach Einkommen oder Versicherungsstatus geben.“

          Wartezimmer einer Arztpraxis im brandenburgischen Briesen
          Wartezimmer einer Arztpraxis im brandenburgischen Briesen : Bild: dpa

          In der CDU hält man von solchen Plänen nichts. „Wir müssen von der Neiddebatte wegkommen“, sagt Erwin Rüddel (CDU), der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bundestag. Würden die Fachärzte die Privatpatienten nicht mehr vorziehen, würde die Mehrheit der gesetzlich Versicherten rechnerisch nur einen Tag Wartezeit sparen und dafür höhere Beiträge zahlen müssen, sagte Rüddel.

          Nach Auffassung von Lars Lindemann, dem Geschäftsführer des Spitzenverbands der Fachärzte, zeigen sich Unterschiede bei der Terminvergabe nur bei Untersuchungen, die nicht dringlich sind. Ausschließlich solche Untersuchungen hatte auch die Studie aus Essen in den Blick genommen. „Da erleidet niemand einen Nachteil, der unzumutbar ist“, sagt Lindemann. Viele Facharztpraxen könnten ihre Leistungen ohne die zusätzliche Vergütung durch Privatpatienten kaum aufrechterhalten. „In Notfällen und bei akutem Behandlungsbedarf gibt es überhaupt keine Unterschiede zwischen Kassen- und Privatversicherten“, sagt ein Sprecher des Verbands der Privaten Krankenversicherung. Mitte der Woche gab der Verband bekannt, dass im vergangenen Jahr etwa 17000 Menschen mehr in die privaten Versicherungen wechselten als sie diese in Richtung der gesetzlichen verließen.

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