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Studie : Mehrheit der Dresdner lehnt Pegida ab

  • -Aktualisiert am

Die Mehrheit der Dresdner steht Asylbewerbern offen gegenüber. Bild: dpa

Pegida behauptet für das Volk zu sprechen. Doch die meisten Dresdner fühlen sich den Islamfeinden nicht verbunden. Beim Thema Asyl gehen die Einstellungen auseinander.

          Eine repräsentative Studie der Technischen Universität der sächsischen Landeshauptstadt kommt zu dem für manche überraschenden Ergebnis, dass der größte Teil der Einwohner Dresdens (40,6 Prozent) Sympathie für Flüchtlinge und Asylbewerber hat. Allerdings äußerten 20,4 Prozent der Befragten auch Abwertungen und Feindlichkeit gegen Asylsuchende; 39 Prozent gaben sich in ihrer Haltung unentschlossen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          „Wenn sich die Asylgegner in Dresden in der Mehrheit sehen, so ist das ganz klar eine Fehleinschätzung“, sagte Studienleiter Stefan Fehser vom Institut für Soziologie der Universität mit Blick auf die fremden- und islamfeindliche Pegida-Bewegung, die montags stets behauptet, „für das Volk“ zu sprechen. „Die Inhalte von Pegida finden bei der Dresdner Bevölkerung wenig Zuspruch, die Mehrheit positioniert sich eindeutig dagegen.“ Lediglich zwölf Prozent der Befragten teilten die Pegida-Positionen, davon nur 2,3 Prozent vollständig. Mehr als 60 Prozent dagegen lehnen die Inhalte der Bewegung ab. Damit habe Pegida wesentlich weniger Rückhalt als erwartet, sagte Fehser bei der Vorstellung der Studie am Mittwoch in Dresden. Die Bewegung stehe auch für keine schweigende Mehrheit in der Dresdner Bevölkerung.

          Fehser und seine Studenten hatten im Juni 421 Einwohner Dresdens telefonisch befragt, darunter 219 zu ihren Einstellungen gegenüber Asylsuchenden. Der Soziologe betonte, dass es für die Repräsentativität der Studie nicht auf die Anzahl, sondern auf die Auswahl der Teilnehmer ankomme. „Wir haben zufällig Menschen ausgewählt, deren Aussagen eine repräsentative Stichprobe der Einstellungen aller 534 000 Dresdner zeichnen.“

          Demnach halten mehr als 56 Prozent der Dresdner Asylsuchende für keine Bedrohung der hiesigen Kultur, 20 Prozent äußerten allerdings auch das Gegenteil. Mehr als die Hälfte der Befragten zeigte sich im Übrigen einverstanden, wenn Flüchtlinge in ihre unmittelbare Nachbarschaft ziehen würden, knapp 25 Prozent lehnten das ab. Die Umfrage ergab zudem, dass etwa die Hälfte der Dresdner für strengere Regeln bei der Aufnahme von Asylbewerbern plädiert. Etwa genau so viele lehnten die Aussage ab, dass Asylsuchende nur nach Deutschland kämen, um den Sozialstaat ausnutzen.

          Asylgegner sind mit Demokratie unzufrieden

          Laut Fehser seien sowohl asylfreundliche als auch asylfeindliche Einstellungen in allen Teilen der Bevölkerung zu finden, signifikante Unterschiede gebe es im Falle Dresdens lediglich in Bezug auf das Alter und den Bildungsabschluss der Befragten. So zeigte eine Mehrheit der Jüngeren (bis 35 Jahre) Sympathie für Asylsuchende, aber nur 29 Prozent der Menschen, die älter als 60 Jahre sind. Gerade bei den Älteren zählt die Mehrheit zur sogenannten „unentschlossenen Mitte“. Die größte Ablehnung gegenüber Flüchtlingen fanden die Forscher in der Gruppe der 35- bis 60-Jährigen: Hier sind fast 30 Prozent gegen eine Willkommenskultur. Die geringste Ablehnung (12,9 Prozent) zeigte sich zudem unter den Befragten mit Hochschulabschluss; 30 Prozent der Teilnehmer ohne Hochschulabschluss wiederum sprachen sich gegen Asylsuchende aus.

          Darüber hinaus spricht sich die Dresdner Bevölkerung klar für Zuwanderung aus; mehr als zwei Drittel der Befragten sind dagegen, dass Muslimen der Weg nach Deutschland versagt wird, mehr als die Hälfte gab an, dass Zuwanderung das Zusammenleben bereichere und es auch nicht zu viele Zuwanderer gebe. Auch zum Thema Politikverdrossenheit fanden die Forscher Überraschendes: So zeigte sich ein großer Teil der Befragten bereit, aktiv die Gesellschaft mitzugestalten, mehr als die Hälfte halten es für sinnvoll, sich politisch zu engagieren. Allerdings zeigte sich auch, dass die Mehrzahl der Asylgegner mit der Demokratie unzufrieden sind, keine Einflussmöglichkeiten auf die Regierung sehen und eigenes Engagement für sinnlos halten.

          „Es gibt viele Leute in Dresden mit einer sehr klaren Haltung zum Thema Asyl“, erklärte Grit Hanneforth, die Geschäftsführerin des Kulturbüros Sachsen, das sich gegen Rechtsextremismus und für eine Willkommenskultur in Dresden und Sachsen engagiert, in einer ersten Einschätzung. „Wenn alle, die sich in Dresden für Flüchtlinge engagieren, auf die Straße gehen würden, wäre für Pegida kein Platz mehr.“ Ein Problem bleibe freilich das asylfeindliche Fünftel der Bevölkerung, dass sich seit vergangenem Herbst sehr laut auf Straßen und Plätzen bemerkbar macht. Hanneforth forderte zudem Politik, Vereine und Arbeitgeber auf, sich um die „unentschlossene Mitte“ der Dresdner zu bemühen. Fremdenfeindliche Einstellungen dürften weder im Fußballverein, noch am Arbeitsplatz, daheim oder in der Öffentlichkeit toleriert werden.

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