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Studie : Jugendgewalt rückläufig, Mobbing weit verbreitet

  • -Aktualisiert am

Eine Jugendstudie zeigt, dass mittlerweile mehr fünfzehnjährige Jungen in rechtsextremen Gruppen und Kameradschaften organisiert sind als in sozialen Organisationen. Insgesamt geht die Gewalt zurück; immer öfter werden Taten gefilmt. Jeder siebte Fünfzehnjährige gilt als „in hohem Maße ausländerfeindlich“.

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          Jugendgewalt ist in Deutschland leicht rückläufig. Mobbing an Schulen hingegen ist ein weit verbreitetes Phänomen. Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Rechtsextremismus prägen das Weltbild einer Minderheit der Fünfzehnjährigen. Doch in rechtsextremen Gruppierungen und Kameradschaften sind mittlerweile mehr Jugendliche organisiert als in politischen Parteien.

          Das sind die Ergebnisse einer vom Bundesinnenministerium finanzierten Befragung von 44.610 Fünfzehnjährigen in den Jahren 2007 und 2008, die Innenminister Schäuble am Dienstag in Berlin vorgestellt hat.

          In keiner der acht Städte, in denen das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen schon neun Jahre zuvor Schüler befragt hatte, ist die Quote jener Jugendlichen gestiegen, die im Jahr zuvor nach eigener Aussage eine Gewalttat begangen hatten. Aktuell liegt sie bei 13,5 Prozent. Auch Daten der Unfallversicherungen an Schulen belegen einen Rückgang der Gewalt unter Jugendlichen. Dass die Polizeiliche Kriminalstatistik einen Anstieg verzeichnet, hängt laut der Studie damit zusammen, dass auch kleinere Taten häufiger angezeigt werden.

          Kriminologe Pfeiffer und Innenminister Schäuble stellen die Studie vor

          Deutsche zeigen öfter an als Ausländer

          In der Polizeistatistik sind Jungen fünfmal häufiger als Tatverdächtige von Gewalttaten registriert als Mädchen; nichtdeutsche Staatsangehörige dreimal häufiger als deutsche. Die Staatsangehörigkeit von Täter und Opfer hat allerdings auch einen gewissen Einfluss auf die Anzeigewahrscheinlichkeit: Sie ist dann am höchsten, wenn ein deutsches Opfer einen ausländischen Täter anzeigt, und dann am niedrigsten, wenn die Verhältnisse umgekehrt sind.

          Drei Viertel der Fünfzehnjährigen erlebten in den zwölf Monaten vor der aktuellen Befragung keine Gewalt. 16,8 Prozent wurden mindestens einmal Opfer einer Gewalttat, 3,9 Prozent fünfmal oder öfter. Am häufigsten erlitten sie leichte Körperverletzungen (11 Prozent). 4,8 Prozent der Jugendlichen gaben an, einen Raub oder eine Erpressung erlebt zu haben. 3,2 Prozent erlitten schwere Körperverletzungen.

          Relativ oft erleben Jugendliche familiäre Gewalt: Jeder fünfte erhielt von seinen Eltern Ohrfeigen, jeder zwanzigste erlitt zu Hause schwere Gewalt wie zum Beispiel Fußtritte. Dabei ist Gewalt in Familien mit ausländischen Wurzeln deutlich weiter verbreitet als in deutschen. Etwa sieben Prozent der deutschen Jugendlichen berichten von Misshandlungen in der Kindheit, aber 18 Prozent der Jugendlichen mit türkischen und 19 Prozent derjenigen mit afrikanischen Wurzeln. Kinder und Jugendliche, die elterliche Gewalt erleben, haben ein deutlich höheres Risiko, selbst später Gewalt gegen andere anzuwenden.

          Immer öfter ist die Kamera dabei

          Konflikte innerhalb von Ethnien sind ebenfalls verbreitet: So werden russlanddeutsche Jugendliche häufiger Opfer russlanddeutscher Täter, türkische Jugendliche häufiger Opfer türkischer Täter.

          Oftmals haben sich bei Gewalt unter Jugendlichen Täter und Opfer zuvor gekannt. Immer öfter werden Taten gefilmt - nach Opferangaben in neun Prozent der Fälle sexueller Gewalt und in ebenso vielen Fällen schwerer Körperverletzungen. Täter brüsten sich noch weit häufiger damit, ihre Opfer gefilmt zu haben. Die auseinanderklaffenden Zahlen können auch darin begründet liegen, dass dafür mehrere Täter gleichzeitig nötig sind.

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