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Corona-Pandemie in Deutschland : Zu keiner Zeit fehlten Intensivbetten

Dialysepatienten – hier im April in München – hatten ein höheres Risiko für eine schwere Corona-Erkrankung. Bild: dpa

Deutschland ist bislang relativ glimpflich durch die Pandemie gekommen. Das lag auch daran, dass schwer Erkrankte überall behandelt werden konnten. Eine Studie zeigt deutliche Unterschiede in den Altersgruppen.

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          Warum Deutschland im Vergleich mit anderen europäischen Ländern eine geringe Zahl von Corona-Toten aufwies, haben sich auch Forscher immer wieder gefragt. Die Antwort findet sich nun in einer neuen Studie: Zu keiner Zeit der Pandemie fehlten Intensivbetten in Krankenhäusern. Jeder, der schwer erkrankt war, konnte auch entsprechend behandelt werden. Etwa ein Fünftel der stationär behandelten Covid-19-Patienten, die von Ende Februar bis Mitte April in deutschen Krankenhäusern aufgenommen wurden, sind dennoch gestorben. 

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Das sind die wichtigsten Ergebnisse einer Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und der Technischen Universität Berlin, die Dienstagnacht in Großbritannien im medizinischen Fachmagazin „The Lancet Respiratory Medicine“  veröffentlicht wurde. Ausgewertet wurden die Daten von 10.000 Patienten mit bestätigter Covid-19-Infektion, die vom 26. Februar bis zum 19. April in 920 deutschen Krankenhäusern behandelt worden sind.

          Es ist die erste Studie, die bevölkerungsrepräsentative Ergebnisse zur Behandlung aufgrund von AOK-Abrechnungsdaten liefert, die knapp ein Drittel der deutschen Bevölkerung abbilden. Viele der bislang veröffentlichten Studien mit großer Datenbasis beziehen noch im Krankenhaus liegende Patienten mit ein. So sind die Dauer des Krankenhausaufenthalts und der Beatmung, sowie die Sterblichkeit noch nicht genau zu bestimmen.

          Bei Patienten mit Beatmung lag die Sterblichkeit bei 53 Prozent, bei denen ohne Beatmung bei 16 Prozent. Insgesamt wurden 17 Prozent der Patienten beatmet. Die Sterblichkeit der stationär behandelten Männer lag bei 25 Prozent, die der Frauen bei 29 Prozent. Unabhängig vom Geschlecht starben vor allem ältere Patienten – 27 Prozent gehörten der Altersgruppe der 70 bis 79 Jahre alten Menschen an, 38 Prozent waren über 80. Auch bei den beatmeten Patienten verstarben vor allem die Älteren, bei den Patienten über 80 waren es sogar 72 Prozent. Eine deutlich höhere Sterblichkeit zeigte sich auch bei Patienten, die während eines Nierenversagens zusätzlich dialysepflichtig waren (27 Prozent der beatmeten Patienten). Im Falle einer künstlichen Beatmung gab es keinen Unterschied mehr bei der Sterblichkeit zwischen Männern und Frauen.

          Die hohen Sterblichkeitsraten zeigten, dass in den Kliniken relativ viele Patienten mit einem schweren Krankheitsverlauf behandelt worden seien. Das seien vor allem ältere und gesundheitlich schon beeinträchtigte Menschen gewesen, aber auch jüngere Patienten seien betroffen, sagte der Geschäftsführer des WIdO Jürgen Klauber. „Auch wenn die Infektionszahlen in Deutschland im Moment niedrig sind, sollten weiterhin alle nötigen Vorsichtsmaßnahmen ergriffen werden, um das Infektionsrisiko in der Bevölkerung so gering wie möglich zu halten“. 

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          Insgesamt sind 1727 (17 Prozent) der 10.021 Patienten künstlich beatmet worden, mehr als drei Viertel erhielten eine invasive Beatmung. Das Durchschnittsalter dieser Patienten lag bei 68 Jahren. Je älter die Patienten waren, desto eher mussten sie auch beatmet werden. Bei den 60 bis 69 Jahre alten Covid-Infizierten waren es 24 Prozent, bei den 70 bis 79 Jahre alten Patienten 25 Prozent und in der Gruppe der 18 bis 59 Jahre alten Erkrankten nur 15 Prozent. Der Sprecher der DIVI-Sektion „Lunge – Respiratorisches Versagen“ und Leiter des ECMO-Zentrums der Lungenklinik Köln-Merheim Christian Karagiannidis bestätigte, dass in Deutschland jeder Patient hätte beatmet werden können, bei dem es therapeutisch nötig war. Denn die Kapazität der Intensivstationen war nie voll ausgelastet. Es gebe Anhaltspunkte dafür, dass in anderen Ländern weniger hochaltrige Menschen mit Covid-19 beatmet wurden – vermutlich aus Kapazitätsgründen, sagte Karagiannidis.

          Der Anteil der beatmeten Männer lag bei 22 Prozent und damit fast doppelt so hoch wie bei den Frauen (12 Prozent), die Sterblichkeit dagegen auf einem vergleichbaren Niveau. Patienten mit Begleiterkrankungen mussten eher künstlich beatmet werden als diejenigen ohne Begleiterkrankungen. So fanden sich bei 43 Prozent der beatmeten Patienten Herzrhythmusstörungen und bei 39 Prozent eine Diabetes-Erkrankung. Die Hälfte der beatmeten Patienten wurden länger als 10 Tage beatmet, die durchschnittliche Verweildauer im Krankenhaus betrug 14 Tage. Bei Beatmungspatienten waren es aber häufig 25 Tage, wobei sie zehn bis 14 Tage künstlich beatmet werden mussten. 23 Prozent der Betroffenen mussten sogar länger als 21 Tage beatmet bleiben. „So fallen pro 100 stationäre Patienten durchschnittlich 240 Beatmungstage an. Das sind mit Vorbereitung auf eine zweite Pandemiewelle wichtige Zahlen“, sagte Reinhard Busse, der an der TU-Berlin Management im Gesundheitswesen lehrt.

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