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Studentenproteste : Vereint im Feind

  • -Aktualisiert am
Seit Mittwochabend halten Studenten der Ludwig-Maximilians-Universität in München das Audimax besetzt
          3 Min.

          Wäre die Plakatierung nicht und die Uhrzeit eine andere, könnte man die Besetzung des Hörsaals auf den ersten Blick für eine gut besuchte Vorlesung halten. Etwa vierhundert Studenten sitzen am Freitag um halb ein Uhr in der Nacht im Audimax der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität und lauschen interessiert dem Redner, der über die „Ökonomisierung der Bildung“ schimpft. Der neunte Tag der Münchner Universitätsbesetzung ist gerade angebrochen - die erste Protestwoche hatte noch in der Akademie der Bildenden Künste stattgefunden, bevor die Studenten in die größere LMU umgezogen sind -, und es wird wohl nicht der letzte sein. Gehen wolle man erst, sagt Fabian Bennewitz, ein Sprecher der Besetzer, wenn die Forderungen erfüllt seien: „Ein Ende der Lippenbekenntnisse und eine konstruktive Auseinandersetzung der Politik mit den Positionen der Studierenden“.

          Neben den Münchnern sorgen Studenten an etwa 20 deutschen Universitäten, in Berlin, Hamburg, Würzburg, Marburg, Potsdam, Heidelberg, Münster oder Darmstadt, für einen bundesweiten Hochschulprotest. Die Münchner Besetzung sei von den Studentenprotesten in Österreich inspiriert, habe aber ohne Aufruf einer einzelnen Organisation, vielmehr spontan nach einer Kundgebung begonnen, sagt Bennewitz. Die zahlreichen Aktionsgruppen, die sich davor und seither an den Universitäten gebildet haben, mögen unterschiedliche Ziele verfolgen, gemein sind ihnen aber ihre schlimmsten Feinde: der Bologna-Prozess und die Studiengebühren.

          Zu viele Prüfungen, zu voll gestopfter Stundenplan

          An der vor zehn Jahren in Bologna beschlossenen Bildungsreform, die ein einheitliches europäisches Hochschulwesen schaffen soll, kritisieren die protestierenden Studenten vor allem die Reduzierung der Hochschullaufbahnen auf Bachelor- und Master-Studiengänge und damit die „Verkürzung der Ausbildungszeit, um die Lernenden schneller für den Arbeitsmarkt verfügbar zu machen“. So steht es in dem Positionspapier der Münchner Besetzer, das eines Nachts nach einem sechsstündigen Plenum demokratisch gebilligt wurde. „Bildung wird nicht als Baustein eines selbstbestimmten Lebens gesehen, sondern lediglich als eine Investition in die berufliche Zukunft“, heißt es in dem Papier. Die Vielzahl an Prüfungen, die die Abschlussnote beeinflussten, und zu voll gestopfte Studienpläne setzten die Studenten unnötig unter Druck und erschwerten nachhaltiges Lernen. Das hemme sogar den Protest, sagt Bennewitz, „denn viele der gestressten Studenten haben Angst, wegen der Besetzung der Uni in ihren Vorlesungen zu fehlen und deswegen aus den Kursen zu fliegen“.

          Kontroverser noch als in anderen Städten würden unter den Münchner Studenten die Studiengebühren diskutiert, sagt Bennewitz. „In einer reichen Stadt wie München hören die Besetzer viel Kritik von Kommilitonen, die gerade in den Studiengebühren ein Instrument gegen die mangelhaften Lernbedingungen erkennen wollen.“ Seit dem Sommer 2007 sind an Bayerns Hochschulen für jedes Semester bis zu 500 Euro zu zahlen. Damit, so heißt es in dem Positionspapier, „werden soziale Selektion und Spaltung gefördert. Außerdem rückt die Existenz von Studiengebühren Bildung weiter in die Nähe der Wirtschaft als Bildungsfinancier“. Die Besetzer fordern nicht bloß eine Abschaffung der Studiengebühren, sondern zudem ein Lernendengehalt.

          Keine „Bierzeltstimmung“ trotz Bierkonsum

          Hinter dem Pult im Münchner Audimax sind die Tagesordnungspunkte an die Wand projiziert. Die Überschrift, in riesigen Buchstaben, lautet : „Ruhe! Bitte!“ Applaus und Buhrufe für die Redner, die sich in einer Schlange hinter dem Mikrofon einreihen, sind unerwünscht. Zustimmung wird stattdessen mit einer hochgereckten, sich hin und her drehenden Hand signalisiert, Ablehnung mit gekreuzten Armen. Klage darüber, dass ein Redner ein schon ausdiskutiertes Thema noch einmal auf die Tagesordnung setzen möchte, wird mit der Geste vermittelt, wie man sie aus dem Fußball kennt, wenn ein Spieler eine Auswechslung anregt. Das erste Ziel, nämlich keine „Bierzeltstimmung“ aufkommen zu lassen, wie es eine Rednerin nennt, wird damit trotz des verbreiteten Bierkonsums erreicht. Bis auf ein etwas grobes Hinausbitten eines Querulanten ist in dieser Nacht keine Gewalt unter den Besetzern zu registrieren, und da auch kein Anzeichen von Vandalismus zu sehen ist, sind die beiden Bedingungen der Universität für diesen Protest erfüllt. LMU-Präsident Bernd Huber sagte, solange sich die Studenten weiterhin vernünftig verhielten, bleibe er gelassen. Nicht alle Universitäten sehen das so: In Tübingen etwa wurde der besetzte Hörsaal schon geräumt, in Bielefeld verließen ihn die Studenten nach einer Räumungsandrohung.

          Breite Zustimmung erfahren die Studenten in Bayern zudem von der Politik. Bayerns Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) hat Verständnis für die Proteste in Bayern und ganz Deutschland geäußert. Zwar kam er der Einladung in den Audimax am Freitag nicht nach, will aber am Nachmittag drei Vertreter der Studenten im Wissenschaftsministerium treffen. Der Vorsitzende des Hochschulausschusses im Bayerischen Landtag, Bernd Sibler (CSU) sagte, eine Verlängerung der Regelstudienzeit insbesondere in Bachelor-Studiengängen sollte geprüft werden. Auch die SPD solidarisiert sich mit den Studenten, ebenso die Linke und die Freien Wähler.

          Nachdem am Freitagmorgen um zehn Uhr alle Schlafsäcke wieder eingerollt sind und sich der Moderator im Audimax für seine eventuell auftretende Unkonzentriertheit entschuldigt hat („Ich bin seit 28 Stunden wach“), wird vom Pult aus erst einmal um Mitarbeit geworben. Wer ein Auto habe, könnte doch mit dem gespendeten Geld Lebensmittel einkaufen. Schließlich stehe das Wochenende vor der Tür, sagt der Moderator. Mit einer baldigen Aufgabe der Besetzer dürfte demnach nicht zu rechnen sein.

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