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Studentenproteste : Mit Sprechchören für die Nachdenklichkeit

Auch Muhammad Ali wird für die Demonstranten eingenommen
          3 Min.

          Über dem Treppengeländer des Hörsaals 1a der Freien Universität Berlin (FU) hängen die Handtücher zum Trocknen aus, in der Ecke liegen Rucksäcke, Isomatten, Schlafsäcke. Die Luft dürfte hier schon besser gewesen sein. „Wir besetzen diesen Hörsaal, um den Freiraum zu schaffen, der in der Bildungspolitik nicht zugestanden wird“ - so fasst einer der Studenten ihre Absichten zusammen. Vor dem Eingang werden noch die letzten Transparente für die Demonstration vor dem Roten Rathaus fertiggestellt. „[Euro]lite“ steht in roten Lettern auf weißem Leintuch. Ein bleicher, übernächtigter Student betritt den Hörsaal mit großer Müslischüssel und Kaffee.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Es sind nicht viele, die sich hier, zur Pressekonferenz der Bildungsstreik-Aktivisten, eingefunden haben, vor allem kaum Journalisten. Die Studenten sind entschlossen, um 11.00 Uhr vom Dahlemer Campus zur Demonstration zu fahren, und sie üben den Sprechchor: „Bildung für alle, und zwar umsonst“ - das klappt schon beim ersten Mal, dann gleich noch zwei Mal. Alle machen mit, so willig wünscht sich jeder Lehrer seine Schulklasse.

          Augen verdrehen verboten

          Überhaupt geht es hier überaus zivilisiert zu. An der Wand hängen Plakate mit den Forderungen, zu denen die Abschaffung vom Bachelor als Regelabschluss gehört, mehr Wahlfreiheit schon im Bachelorstudium, die Aufhebung der Zugangsbeschränkungen zum Masterstudiengang, aber auch, für jeden sichtbar, Verhaltensregeln für Diskussionen: „Nicht einander ins Wort fallen, keine ausufernden Monologe, kein dozierendes, aggressives, mackerhaftes ... Rede-Verhalten“ und auch keine „leisen Praktiken (Augen verdrehen, Gesicht verziehen, Abwinken, Auslachen)“. Daran hält sich das Auditorium.

          Schön wär's
          Schön wär's : Bild: dpa

          Selbst die Redner bescheiden sich mit zwei Minuten Redezeit. Erst ist Jana von der Gewerkschaft Verdi dran, die sich für bessere Arbeitsbedingungen rund um die Uni ausspricht, dann eine Reinigungskraft aus der Berliner TU, die vor kurzem selbst gestreikt hat. Raphael von der Katholischen Hochschule argumentiert sozialethisch: Europa dürfe nicht nur als Wirtschaftsraum gesehen werden, sondern solle den Menschen dienen. Benni von der TU lobt seine Universitätsleitung, die eine Besetzung des Audimax sofort gestattet habe.

          Das kann eine Studentin der Humboldt-Universität überhaupt nicht bestätigen. Sie klagt über den Präsidenten, der die Universität nach der Besetzung des Audimax von der Polizei umstellen ließ. Die Beamten hätten niemanden mehr hineingelassen. „Wir wollten doch nicht gegen die Uni-Leitung arbeiten, sondern mit ihr“, sagt die Studentin enttäuscht. Die Solidarität mit den Besetzern verweigert habe auch die Universitätsleitung in Potsdam, sagt eine Aktivistin. Dort hatten sich die Besetzer des Audimax bereit erklärt, den Saal für nicht verlegbare Lehrveranstaltungen zu räumen. Daraufhin habe die Universitätsleitung am Wochenende ein Zelt hinter dem Universitätsgebäude aufgebaut, wo nun die Lehrveranstaltungen stattfänden. „Aber das Audimax ist schöner“, tröstet sie sich und berichtet von Workshops für Konfliktmanagement, Öffentlichkeitsarbeit und Moderation, die während der Besetzung stattfinden.

          Für konkrete Verhandlungen mit der Universitätsleitung über Finanzpolitik haben die Potsdamer Besetzer einen Forderungskatalog ausgearbeitet. Am deutlichsten wird dann ein Student der FU, der die direkte Beteiligung der Studenten bei der Umstrukturierung von Bachelor und Master durchsetzen will. Das findet vor dem Auditorium besonders viel Beifall. Von Basisdemokratie und Mitsprache sprechen diejenigen, die Gruppenuniversitäten mit basisdemokratischen Sackgassen nicht mehr erlebt, dafür aber eine präsidiale Verfassung von innen kennengelernt haben.

          „Keinen Bock auf die Tortur, die sich Schule nennt“

          Vieles widerspricht sich auf dem Podium auch, die einen wollen eine Zentralisierung der Bildung, die nächsten widersprechen der Bundesbildungsministerin. Vorstellungen von mehr „Bildungsgerechtigkeit“ werden mit dem Verdacht verbunden, dass Bildung immer noch eine Sache des Geldbeutels der Eltern sei und den kleinen Leuten verwehrt bleibe. Die meisten sind hier ernsthaft an ihrem Studium interessiert, sie wollen auch in andere Fächer hineinhören, sie wehren sich nicht gegen zu viel Arbeit, sondern gegen „sinnlose Arbeit“.

          Zum Roten Rathaus zu kommen ist mittlerweile schwierig geworden, weil auch die Busse Umwege fahren müssen. Polizisten kontrollieren am Eingang Taschen. Einer von ihnen meint, „so 5000 Demonstranten dürften es wohl sein“. Unterbrochen von markerschütternden Rhythmen, ergreifen auf der Straße vor allem die Trittbrettfahrer das Wort: Die Antifa wettert gegen die Ausbeutung durch den Kapitalismus, die junge Linke verteilt Zeitungen, GEW und Verdi sind auch aktiv, am Rand steht ein Obdachloser und grübelt über das Treiben.

          Dann tritt ein Schüler ans Mikrofon und sagt, er habe „keinen Bock auf die Tortur, die sich Schule nennt“, und will kleinere Klassen sowie mehr Lehrer. Außerdem geißelt er den „Leistungsterror und das Konkurrenzdenken“, damit das gelernt werde, was die Bonzen wollten. Zu seinen Füßen halten Schülerinnen Transparente gegen das G8 hoch. Nein, freibekommen hätten sie nicht, sie blieben eben dem Unterricht fern, berichten einige Schülerinnen. „Denk nicht, konsumier', so sieht Bildung heute aus“, steht auf einem Transparent, oder: „Reiche Eltern für alle“. Einer schreibt: „Ich brauch' mehr Ritalin.“ Schließlich setzt sich doch noch der Sprechchor durch: „Bildung für alle, und zwar umsonst.“ Von der klaren Benennung offensichtlicher Missstände bei der Einführung der gestuften Studiengänge und von den nachdenklicheren Forderungen im FU-Hörsaal ist wenig übrig.

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