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Kritik an Herfried Münkler : Asymmetrische Kriegsführung im Hörsaal

  • -Aktualisiert am

Studenten in einem Hörsaal der Humbolt-Universität in Berlin Bild: dpa

Studenten unterstellen einem Professor in einem Blog Rassismus und Sexismus. Der ist den Vorwürfen wehrlos ausgesetzt, denn auch wenn die Kritiker reden, wollen sie in der Anonymität bleiben.

          Es ist wieder Dienstag, kurz nach zehn Uhr, und die Studenten wissen nicht, ob sie sich freuen oder fürchten sollen. „Mal schauen, was der Herr Professor sich heute wieder so leistet“, sagt ein junger Mann grinsend und setzt sich in eine der vorderen Reihen, um auch kein Wort zu verpassen. Von ein paar Plätzen hinter ihm kommt Protest einer Kommilitonin: „Manche hier wollen auch einfach nur die Vorlesung hören. Es ist auch mal gut.“

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Ein Mann betritt den Raum. Es ist Herfried Münkler, Professor für politische Theorie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 1992 hat er den Lehrstuhl inne. Sein Gesicht ist oft im Fernsehen zu sehen, kaum ein Politikstudent kommt in seinem Studium an seinen Büchern oder Aufsätzen vorbei. Seine Vorlesungen verliefen bisher immer recht geräuschlos. Das hat sich nun geändert. Münkler hält die meistbeobachtete Vorlesung des Landes. Er muss damit rechnen, dass jeder seiner Sätze aufgezeichnet, seziert, kritisiert wird. Das ist anstrengend. Kurz hebt Münkler den Kopf, blickt einmal quer durch das Auditorium. Dann geht es los.

          Herfried Münkler würde mit seinen Kritikern gerne öffentlich diskutieren.

          Münkler spricht über Republikanismus und Liberalismus, oft liest er vom Blatt ab. Es geht um Kant und Machiavelli. Dann zeigt er an der Leinwand ein Gemälde, das die Legende um Brutus den Älteren aufgreift. Brutus steht etwas abseits, er ist voller Würde und Haltung - mit männlichen Tugenden - gemalt. Die Mutter beklagt die abgebildeten Toten, sie weint, kann sich - typisch weiblich - nicht zusammenreißen. Münkler macht auf diese klischeehafte Darstellung aufmerksam. Dann dreht er sich kurz weg von dem Bild, blickt wieder zu seinem Publikum: „Ich weiß nicht, ob das jetzt meinem Ruf als Sexist gerecht wird.“ Ein paar Studenten lachen über die Ironie, andere nicht. Am nächsten Tag wird in dem Blog „Münkler-Watch“ zu lesen sein, dass der Professor „relativ angemessen“ auf die in dem Bild verewigten sexistischen Stereotypen eingegangen sei, danach aber „leider“ wieder auf sein „altes Niveau“ zurückgefallen sei, als er mit Bezug auf die Brutus-Legende Vergewaltigungen „bagatellisierend“ als „Schweinereien“ bezeichnet habe.

          Kaum jemand weiß, wer hinter diesen Wertungen steht. Die Kritiker stellen ihre Kommentare anonym ins Internet, sie firmieren immer nur unter dem Pseudonym „Caro Meyer“. Sie nennen nicht ihren wahren Namen, bleiben lieber im Schutz der großen Studentenmenge, weil sie nach eigener Aussage befürchten, schlechtere Noten und Empfehlungsschreiben zu bekommen, würden sie ihre Kritik öffentlich vortragen. Nur einer steht auf der Bühne, hat einen Namen und ist damit angreifbar: Herfried Münkler.

          Aggressiv, lehrmeisterlich und überheblich

          In dem Blog „Münkler-Watch“, den es seit November gibt, werden ihm immer wieder rassistische, sexistische und militaristische Annahmen und Aussagen in seiner Vorlesung zur politischen Theorie und Ideengeschichte unterstellt. Belegt werden soll das mit Zitaten. Als er zum Beispiel über die Rechte der Frauen in den siebziger Jahren spricht, als der Ehemann seiner Frau das Arbeiten untersagen konnte, was „eigentlich ungeheuerlich“ sei. Eigentlich - dieses Wort sei verharmlosend, also sexistisch, meinen die Autoren von „Münkler-Watch“.

          Sie attestieren ihrem Professor, dass er ein chauvinistischer „Extremist der Mitte“ sei, der noch einigen „Nachhilfebedarf“ habe. Etwa bei der Literaturauswahl. Er behandle zu wenige weibliche und nichteuropäische Autoren. Als Münkler darauf antwortet, dass er kein Experte für nichteuropäische Autoren sei, wird ihm genau das vorgeworfen.

          Oft fällt es „Münkler-Watch“ schwer, zwischen akademischer Lehre und der eigenen Meinung des Dozenten zu unterscheiden. Wenn Münkler über Carl Schmitt referiert, bedeutet das schließlich nicht, dass er dessen Einstellung teilt. Der Ton der Studenten ist mal aggressiv, mal lehrmeisterlich und überheblich. Die Autoren von „Münkler-Watch“ freut es offenbar, dass sie jetzt einmal die Noten vergeben dürfen und nicht mehr nur der Professor. Sie sind eine kleine Minderheit, bekommen aber viel Aufmerksamkeit. „Es hat sich etwas verändert“, sagen sie.

          Kritik an der Kritik

          Denn dann treten sie plötzlich doch etwas aus ihrer Anonymität heraus. Drei von ihnen sind zu einem Treffen bereit, aber nach ihren Spielregeln: keine äußeren Merkmale beschreiben, keine Namen. Die drei sagen, sie seien im zweiten Semester. Insgesamt bestehe „Münkler-Watch“ aus etwa zehn Leuten, Männern und Frauen, die nichts mit Parteipolitik am Hut hätten. Was war der Anlass für den Blog? „Es muss mehr Kritik an der Lehre geübt werden“, sagt ein Student. Man hört aber auch persönliche Enttäuschung eines Studienanfängers heraus, wenn er sagt: „Nach der Schule dachte ich: Jetzt kannst du endlich lernen, was du willst. Und dann komme ich an die Universität und bekomme wieder alles vorgesetzt.“

          Wenn sie über Herfried Münkler sprechen, schwanken sie zwischen Anerkennung und Abscheu. Der Mann sei rhetorisch sehr versiert, da wären sie in einer direkten Konfrontation sofort unterlegen. Auch deswegen blieben sie anonym, geben sie selbst zu. Münkler würde nach eigener Aussage gerne mit seinen Kritikern sprechen. Solange sie aber nicht aus ihrer Anonymität heraustreten, bezeichnet er sie als „erbärmliche Feiglinge“. Aber sie sind unsichtbar. Das wollen sie auch bleiben, weil Münkler außerdem gute Kontakte zu Medien und in die Politik habe, er gehe oft in Talkshows und könne dort seine Meinung vertreten - die Meinung eines „Extremisten der Mitte“. Wäre es in Ordnung, wenn er im Fernsehen ihre Ansichten vertreten würde, sich stärker für Flüchtlinge und Frauenrechte einsetzen würde? „Er würde doch mit solchen Forderungen gar nicht gehört werden.“ Eine Antwort auf die Frage ist das nicht. Auch konkrete Forderungen stellen sie nicht. Den Grund liefern sie mit erstaunlicher Offenheit selbst: „Wir sind uns nicht einig.“

          Nur in einem sind sich die Autoren von „Münkler-Watch“ sicher: Sie hätten einen Nerv getroffen, auch anderen Studenten gehe es wie ihnen, glauben sie. Aber ist das so? Am Anfang bekamen die Initiatoren des Blogs viel Unterstützung. Sogar der „Spiegel“ schrieb, dass „der Professor, der so gern im schnarrenden Ton der Einschüchterung“ spreche, sich nun damit arrangieren müsse, „dass seine Rolle infrage gestellt wird“. Inzwischen mehrt sich die Kritik. Aus „Münkler-Watch“ auf einem Aufkleber, der auf einem der Tische im Vorlesungssaal klebt, hat ein Student „Münkler-Quatch“ gemacht. Darunter steht in „gegenderter“ Form: „Naja, die Kritik hat auf jeden Fall Legitimation über Form, kann mensch streiten.“ Im Blog selbst gibt es in der Kommentarspalte inzwischen viel Kritik an der Kritik.

          Münkler spitzt oft zu

          Münkler aber sieht sich trotzdem weiter unter Beschuss. Von offizieller Seite gibt es wenig Unterstützung: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung will zu „Münkler-Watch“ nicht Stellung nehmen, die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft reagiert auf die Anfrage nicht. Münkler fühlt sich laut eines Interviews in der „Zeit“ auch von der Universitätsleitung im Stich gelassen. Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Humboldt-Universität, sagte daraufhin, dass Angriffe auf die Integrität von Hochschullehrern, die noch dazu anonym über das Internet verbreitet werden, völlig inakzeptabel und feige seien. Die Universität sieht einen ihrer profiliertesten Mitarbeiter unter Beschuss.

          Münkler ist einer der prominentesten Politikwissenschaftler hierzulande. Und Münkler genießt diesen Ruhm nicht in seinem Elfenbeinturm, sondern er ist ein Wissenschaftler der Praxis, der klar und deutlich spricht. Der oft zuspitzt. Manche Studenten kommen nur seinetwegen an die Humboldt-Universität. Ein paar andere würden sich bei ihm mehr „Vielleicht“ und weniger „Basta“ wünschen. Das mag alles berechtigte Kritik sein, solange sie offen und nicht anonym verbreitet wird.

          Natürlich findet man auch Orte, an denen die Unterstützung der Münkler-Kritiker groß ist. Zum Beispiel in einer Kneipe, einen Bezirk von der Universität entfernt. An der Wand steht „Revolution“. Für Björn, seinen Nachnamen will auch er nicht verraten, geht es bei der Sache nicht nur um einen Professor, sondern um das große Ganze, ums System. Er sagt, er sei Sympathisant des Blogs, aber kein Autor.

          Studenten beklagen ihre Abhängigkeit

          Er legt ein Buch auf den Tisch und lacht vieldeutig. „Münkler hat uns doch selbst beigebracht, wie man das macht. Hier steht doch alles drin.“ Björn spricht von „Die neuen Kriege“, einem Buch Münklers von 2004. Demnach stehen sich heutzutage keine gleichwertigen Gegner mehr gegenüber, sondern zum Beispiel ein Staat und eine Guerrillaorganisation. Der Staat ist klar überlegen, aber der vermeintlich Schwächere schlägt daraus Kapital, dass dem Stärkeren der lange Atem fehlt. Außerdem sympathisiert das Umfeld meist mit dem Schwächeren. Es ist wie bei David gegen Goliath.

          Münkler hat dem in seinem Buch den Begriff „asymmetrische Kriegsführung“ gegeben - und so hat er in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ jetzt auch das Verhalten der Autoren von „Münkler-Watch“ ihm gegenüber genannt. Und tatsächlich liest sich der Blog genau so: Die Studenten fürchten die Macht ihres Professors und beklagen ihre Abhängigkeit. Weil Münkler seine Studenten benotet, ihre Karriere, wie sie behaupten, negativ beeinflussen könnte, sehen sie sich als die Schwächeren. Sie sind der arme David, Münkler der reiche und starke Goliath. Arm gegen reich, stark gegen schwach - das, so sieht es der Professor selbst, sei ein Muster, das auch antisemitisch eingesetzt worden sei. Münkler fühlt sich an die Vorgänge des Jahres 1933 erinnert.

          Münkler will die Kritiker ignorieren

          Münkler ist das jugendliche Aufbegehren gegen die Mächtigen selbst nicht fremd. Er war bei den Jusos. Zu seiner Studienzeit in Frankfurt stürmten linksradikale Gruppen die Vorlesungen und veranstalteten Teach-ins. Das war eine greifbare Aktion, die man gut oder schlecht finden konnte. Aber was heute passiert, hat eine neue Qualität. Das sagt nicht nur Münkler, sondern auch Günter Stock, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, im Gespräch mit dieser Zeitung. Münkler ist Mitglied der Akademie, und sie ist die einzige, die sich öffentlich an seine Seite stellt. „In dieser Vehemenz und Stärke haben mich die Angriffe schon überrascht.“ Die Debatte um „Münkler-Watch“ sei tiefgreifender, als sie es in der Vergangenheit war, etwa als der Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski, der ebenfalls an der HU lehrt, im Internet angegriffen wurde. Die Universität habe laut Stock die Verantwortung, Studenten und Lehrende zum Dialog einzuladen. Die Diskussion könne im Internet beginnen, müsse dann aber im Seminar fortgeführt werden. Doch noch kommen die Pfeile weiterhin aus dem Dunkeln, die Kritiker behalten ihre Masken auf.

          Münkler folgt seiner eigenen Strategie. Er hat verkündet, sich von nun an nicht mehr mit „Münkler-Watch“ beschäftigen zu wollen. Er hofft vermutlich, dass die Studenten beim Klein-Klein der Agitation irgendwann die Lust verlieren. Aber selbst wenn: Der nächste „Watch“-Blog steht womöglich kurz vor der Gründung. Bei Twitter, wo „Münkler-Watch“ heiß diskutiert wird, gibt es schon Vorschläge, welchen Professor man als Nächstes einer Gesinnungsprüfung unterziehen könnte.

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