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Digitale Gesprächsrunde : Studenten klagen dem Bundespräsidenten ihr Leid

Digitale Sprechstunde: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender Bild: dpa

Der Bundespräsident spricht mit Studenten über ihre Sorgen. Manche merken, dass sich durch die Pandemie ihre Studienzeit verlängert. Andere beklagen einen Überdruss an Digitalem.

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          „Das Studium macht keinen Spaß mehr, und wer hätte gedacht, dass unsere Generation mal einen Computer an die Wand werfen will – also mir geht’s auf jeden Fall so“, sagte ein Potsdamer Student im neunten Semester Interdisziplinäre Russlandstudien. „Weil ich das dritte Digitalsemester nicht mehr studieren wollte, fange ich jetzt mit meiner Dissertation an“, sagt ein Medizinstudent im achten Semester in Berlin beim Gespräch mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Elke Büdenbender. Der Überdruss am Digitalen wächst bei allen Studenten. Denn das Studentenleben fällt völlig aus. „Manchmal hat man das Gefühl, man spricht mit einem schwarzen Loch“, erzählt eine DAAD-Studentin aus Brasilien über ihre eigenen Tutorien. Sie studiert Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität in Berlin.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          „Ich kann verstehen, dass Sie sich die Frage stellen ,Wann hört das endlich auf?‘ und zweitens ,Was wird eigentlich aus meinen Plänen?‘“, sagte Bundespräsident Steinmeier. Er hoffe dennoch, dass sie die Lust am Studieren nicht völlig verloren hätten und dass sie sich nicht zu sehr alleingelassen fühlten. „Wir wollen Ihnen jedenfalls versichern, Sie sind nicht vergessen“, so Steinmeier. Sie würden gebraucht, „gerade in einer Zeit, in der wichtige, wichtige Transformationen vor uns stehen“.

          Längere Studienzeiten als Folge

          Besonders leiden Studenten, die auf Praktika, Auslandssemester oder Laborexpertise angewiesen sind. Dazu gehören nicht nur Medizinstudenten, sondern auch Studenten, die Veranstaltungstechnik und Management studieren, aber auch der erwähnte Student der Interdisziplinären Russlandstudien, der damit leben muss, dass in seinem Werdegang nur zwei Auslandssemester zu finden sein werden statt der eigentlich geforderten vier. Praktika wurden in der Regel verschoben, für viele ist damit eine Verlängerung der Studienzeit verbunden. Die Bafög-Finanzierung ist entsprechend verlängert worden.

          „Sie alle starten unter wirklich sehr schwierigen Umständen ins Leben“, sagte der Bundespräsident. Die Hochschulen seien verwaist, Lehre und Studium gebe es fast nur noch digital, Mensen, Bibliotheken und Labore seien geschlossen. Steinmeier dankte den Studenten für den „Kraftakt“, den sie tagtäglich vollbrächten. Gefragt seien nun „sehr viel Kreativität, Improvisationstalent und starke Nerven“.

          Als positiv hob Steinmeier hervor, dass es Universitäten und Hochschulen gelungen sei, „Lehre und Studium praktisch komplett auf digitale oder hybride Formate umzustellen“. Wie in der Schule gelingt das nach Aussage der Studenten unterschiedlich gut. Während manche Dozenten in allen Fächern sehr viel Aufwand für eine phantasievolle Lehre betreiben, begnügen sich andere damit, Arbeitsblätter und Studienmaterial hochzuladen. Insgesamt haben die Hochschulen die Umstellung auf digitale Lehre sehr viel reibungsloser bewältigt als die Schulen. Das spiegelt sich in der Zufriedenheit der Studenten. Die Hälfte der Studenten ist laut einer repräsentativen Befragung durch das Studentenwerk durchaus zufrieden. Wichtig sei auch, dass man Positives aus der Pandemie mitnehme, fügte einer der Teilnehmer hinzu und nannte digitales Lernen oder den Zusammenhalt in der Gesellschaft.

          Zahl der Bafög-Empfänger sinkt

          Das persönliche Gespräch mit den Hochschullehrern, aber auch untereinander fehlt allen sehr. Die informellen Treffen beim Essen in der Mensa, bei der Gruppenarbeit sind gestrichen. Es scheint so, als hätten es Bewohner von Wohngemeinschaften leichter als diejenigen, die allein oder wieder bei ihren Eltern untergekommen sind. Zu einer verlorenen Generation rechnen sich die Studenten trotzdem nicht, sie wirken weder selbstmitleidig noch hoffnungslos. Eine Berliner Studentin der Bildungswissenschaften berichtete, dass die Schwierigkeiten vor allem diejenigen träfen, die aus ärmeren Familien kämen und oft die Ersten gewesen seien, die studieren. Nicht alle konnten von der Überbrückungshilfe des Bundes profitieren, auch wenn der Anteil derer, die gefördert werden, laut Deutschem Studentenwerk zugenommen hat. Inzwischen werden 81 Prozent der Anträge bewilligt, 19 Prozent abgelehnt.

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          Nur wer nachweisen kann, dass er pandemiebedingt in eine Notlage gekommen ist, weil eine studentische Nebenerwerbsquelle oder die Unterstützung von zu Hause ausgefallen sind, kann von der Hilfe profitieren. Wer schon vor der Pandemie in prekären Verhältnissen lebte, bekommt die Förderung nicht. 37 Prozent seien auf Jobs angewiesen, sagte der Generalsekretär des Studentenwerks, Achim Meyer auf der Heyde, und beklagte, dass nur elf Prozent der Studenten eine durchgängige Bafög-Förderung erhielten und die Anzahl der Bafög-Empfänger ständig zurückgehe.

          Viele ausländische Studenten mussten zu ihren Eltern zurückkehren, weil sie die Mieten in deutschen Städten nicht mehr bezahlen konnten. „Das bedeutet, dass meine brasilianischen Freunde morgens um 3 Uhr aufstehen müssen, um der Online-Lehre an ihrer deutschen Universität zu folgen“, berichtet die DAAD-Studentin, die über ihr Stipendium glücklich ist.

          Sehr viel später als in Deutschland ist die Regierung etwa in Frankreich auf die Lage der Studenten aufmerksam geworden. Es gab dort weniger Ausnahmen für Praktika, die meisten Universitäten waren auch für Hochschullehrer geschlossen, viele Studenten sind aufgrund der hohen Mieten in Paris und anderen teuren Universitätsstädten wie Aix-en-Provence wieder zu ihren Eltern gezogen. Nach Protesten auf der Straße hat Macron inzwischen zwei Mahlzeiten pro Tag für einen Euro in den Mensen versprochen und staatliche Hilfen für psychologische Unterstützung zugesagt. Außerdem soll wenigstens ein Tag pro Woche mit Präsenzlehre möglich sein. Davon sollen vor allem die Studenten des ersten Studienjahrs profitieren.

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