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Streit ums Gedenken : Immer Ärger um die Mauer

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Der Streit um das Konzept zum richtigen Gedenken an die Mauer dauert an Bild: AFP

Längst ist alles ist beschlossen, der Siegerentwurf für die Gedenkstätte in der Bernauer Straße steht fest - die fehlenden Mauerteile sollen durch Metallstreben komplettiert werden. Doch es wird wieder über das richtige Gedenken gestritten: Länge oder Lücke?

          Während überall im Land Feiern zum Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 1989 vorbereitet werden, herrscht in Berlin abermals Streit über die Mauer. Ausgerechnet dort, wo die eindrucksvollsten Bilder des Mauerbaus am 13. August 1961 aufgenommen wurden, wo damals alte Frauen verzweifelt in die Sprungtücher der West-Berliner Feuerwehr sprangen, um in die Freiheit zu gelangen, an der Bernauer Straße, wird gerade über alle Pläne des Berliner Senats, alle Vereinbarungen zwischen Berlin und der Bundesregierung, alle hochgelobten Entwürfe neu diskutiert. Die Frage ist dieselbe wie immer an der Bernauer Straße, die 29 Jahre lang Ost und West trennte und die seit 1989 die Stadtteile Wedding und Mitte teilt: Soll die Mauer fallen oder stehen?

          Lücken als Symbole des Leidensdrucks

          Während im Stadtteil Friedrichshain 1,3 Kilometer Mauer an der Spree aufwendig so restauriert werden, wie sie Künstler unmittelbar nach dem Mauerfall bemalten, dort, wo zu DDR-Zeiten kein Zivilist sie auch nur hätte berühren können, soll die Mauer an der Bernauer Straße komplettiert werden.1997 riss die Sophiengemeinde, auf deren Friedhof die SED die Grenzanlagen baute, zwei Lücken in die Mauer. Die Gemeinde fand es unerträglich, dass sie Jahre nach dem Fall der Mauer immer noch mit ihr konfrontiert wurde, als sei nichts geschehen.

          Eine möglichst durchgängige Mauer oder Lücken als Symbole des Leidensdrucks?

          Während die Sophiengemeinde noch heute dafür kämpfen muss, dass auch die Lücken als Symbole des Leidensdrucks akzeptiert werden, stellen einzelne CDU- und Grünen-Politiker die bisherige Planung in Frage, um der Nachwelt in der Innenstadt ein möglichst langes Stück Mauer zeigen zu können.

          Die Positionen liegen weit auseinander

          Dieser Tage bat die Gemeinde zum Ortstermin: Aus der Behörde von Kulturminister Bernd Neumann kam Ingeborg Berggreen-Merkel, es kamen die Berliner Bundestagsabgeordneten Monika Grütters (CDU) und Wolfgang Thierse (SPD). Der Grünen-Europaabgeordnete Michael Cramer hatte sich vorher schon dafür ausgesprochen, die Mauer an der Bernauer Straße zu komplettieren. Der Berliner Staatssekretär André Schmitz legte dar, die Entscheidung über Mauerrekonstruktion oder Lückenschließung durch Metallstäbe wie beim Wettbewerbssieger vertrage keinen weiteren Aufschub. Sonst geriete der Ausbauplan der Bernauer Straße zur Gedenkstätte für die Mauer „ins Trudeln“.

          Am 27. Februar berät der wissenschaftliche Beirat der Stiftung Berliner Mauer über die Lage, am 3. März entscheidet der Stiftungsrat, in dem vertreten sind: das Land, der Bund, die Fördervereine der Mauergedenkstätte und der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, die evangelische Kirche und der Beirat. Nach dem Rundgang und dem anschließenden Austausch von Positionen bedankten sich alle artig. Doch die Positionen liegen weit auseinander.

          Über einen Friedhof gebaut

          An einem Abend des 13. August in den neunziger Jahren berichtete der damalige Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) mit spürbarer Sympathie von einer Begegnung mit den Diakonissinnen aus dem Lazarus-Stift an der Bernauer Straße: Sie fänden es grässlich, das Bauwerk direkt vor ihren Fenstern immer noch unversehrt zu sehen.

          Kurz darauf ließ die Sophiengemeinde 32 Mauerteile (jeweils 1,20 Meter breit) entfernen. An einer Stelle rekonstruierte sie aus Backsteinen ein Tor, um zu zeigen, dass die Mauer 1961 über einen Friedhof gebaut worden war - und auch, wie sich herausstellte, über Gräbern von zivilen Opfern der letzten Kriegstage 1945. An einer anderen Stelle verschaffte sie den Diakonissinnen einen freien Blick auf den Sophienfriedhof. Die entfernten Mauerteile stehen seither dort, wo in der ausgebauten Gedenkstätte der Mauer- und der Kriegstoten gedacht werden soll.

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