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Streit um Tonbandaufnahmen Helmut Kohls : Oggersheimer Kanzlerquellen

  • -Aktualisiert am

Komplizierte Biographensuche: Maike Kohl-Richter und Bundeskanzler Helmut Kohl in einer Aufnahme aus dem Jahr 2011 Bild: dpa

Mehr als 200 Tonbänder hat der Historiker Heribert Schwan mit Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl für eine Biographie aufgenommen. Dann zog Kohl seine Zusage zurück. Wem die Bänder nun zustehen, entscheidet an diesem Freitag das Oberlandesgericht Köln.

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          Es war eine denkwürdige Feier zum 60. Geburtstag in der „Bastei“ in Köln. Freunde, Kollegen und Weggefährten ließen den WDR-Journalisten und Bestseller-Autor Heribert Schwan am 3. Dezember 2004 hochleben. Ein Gast hatte sich mehr oder weniger „selbst eingeladen“, hieß es. Seine Anwesenheit am Tisch des Jubilars sorgte für Aufsehen. Schließlich erhob sich Helmut Kohl und ergriff das Wort zu einer staatsmännischen Würdigung, die in dem Satz gipfelte: „Heribert Schwan ist ein deutscher Patriot!“

          Spätestens von da an war jedem Anwesenden klar, welche Bedeutung der Kanzler der Jahre 1982 bis 1998 dem Geburtstagskind beimaß, das ein Jahr nach Kohls Abwahl auf Empfehlung von Hannelore Kohl in Oggersheim den Kontakt aufnahm und einen eigenen Haustürschlüssel besaß. „Ich habe als Ghostwriter mit dem Mann Tag und Nacht gelebt, ich war in ihm drin“, sagte Schwan rückblickend. „Du bist ja schon wie der Kohl“, soll Schwans Frau Roswitha zu ihrem Mann gesagt haben. Herausgekommen sind drei monumentale Bände „Erinnerungen“ über die Jahre 1930 bis 1994, erschienen zwischen 2004 und 2007.

          Erinnerungspolitische Männerfreundschaft

          In den Jahren 2001 und 2002 beantwortete der Altkanzler an 105 Tagen die Fragen Schwans, der sich durch Aktenstudium intensiv vorbereitet hatte und durch frühere Publikationen über Politiker wie Hans-Dietrich Genscher, Oskar Lafontaine, Johannes Rau, Wolfgang Schäuble und Richard von Weizsäcker beste Voraussetzungen mitbrachte. Ein „Tonband-Schatz“ von 630 Stunden entstand, auf 200 Kassetten. Kohl soll besonders auskunftsfreudig gewesen sein, weil er über den Verlust seiner Frau Hannelore hinwegkommen wollte, die am 5. Juli 2001 freiwillig aus dem Leben geschieden war.

          Die erinnerungspolitische Männerfreundschaft zwischen Kohl und Schwan bekam erst einen Knacks, als sich Maike Richter – die 1964 geborene promovierte Volkswirtin und frühere Mitarbeiterin des Kanzleramtes während des letzten Kabinetts Kohl – als zusätzliche Memoirenberaterin in Oggersheim einführte. Sie rückte nach Kohls Feier zum 75. Geburtstag im Berliner Zeughaus im April 2005 allmählich ins Rampenlicht. Durch Kohls schwere Erkrankung, Maike Richters „aufopferungsvolle Pflege“ und die Trauung am 8. Mai 2008 in einer Heidelberger Reha-Klinik „im engsten Freundeskreis“ sank Schwans Stern. Er wehrte sich dagegen, dass ihm „die junge Altkanzlergattin“ ins Memoiren-Handwerk hineinredete. Am 24. März 2009 erhielt er einen Brief von Kohls Anwalt mit der Mitteilung, man werde auf seine Dienste verzichten. Zu diesem Zeitpunkt soll Band vier der Memoiren schon halb fertig gewesen sein.

          Der Biograph wehrt sich – mit seinen Mitteln

          Schwan schrieb daraufhin eine stark mitfühlende Biographie über Hannelore Kohl, die zu ihrem zehnten Todestag im Juli 2011 erschien und es auf eine Viertelmillion verkaufter Exemplare brachte. Hier unterstellt der Autor der zweiten Frau Maike die Absicht, die Erinnerung an ihre Vorgängerin Hannelore – „die ungewöhnliche Frau“ – einfach „auslöschen“ zu wollen.

          Schließlich erklärte Schwan als Reaktion auf die 1000-Seiten-Studie des bekannten Adenauer-Biographen Hans-Peter Schwarz über Helmut Kohl im September 2012 in einem „Spiegel“-Interview, er werde zum 90. Geburtstag von Kohl, also 2020, eine Kohl-Biographie vorlegen, die sich daran orientiert, „was bislang unbekannt ist. Es geht mir auch um ein bisschen Deutungshoheit.“ Er habe doch „alle Akten einsehen dürfen“, die „für andere 30 Jahre verschlossen“ seien.

          In diesem Zusammenhang kam die Frage nach den „630 Stunden Gespräche auf Tonband“ auf. Schwan erwiderte, er habe „sehr viele Exzerpte“ gemacht und „einiges kopiert“, ja er habe nach den Befragungen Kohls noch einmal Aufzeichnungen für sich privat gemacht, „zusätzlich zu den 105 Tagen, an denen wir zusammensaßen und an denen die ganze Zeit das Band lief. Zehn Prozent dieses Materials ist in die Memoiren eingeflossen, 90 Prozent sind bislang unveröffentlicht.“

          Übergabe an den Gerichtsvollzieher

          Schwan sprach von seiner „geistigen Leistung“, die zwar die Anwälte des Altkanzlers einforderten, er aber nicht herausgeben werde: „Die kann man mir einfach nicht nehmen, schon gar nicht auf juristischem Wege.“ Eine andere Zeitung berichtete, Schwan fürchte einen Rechtsstreit mit dem Kohl nicht, „da er nie eine Verschwiegenheits-Vereinbarung unterschrieben habe“. Das Kölner Landgericht sah das anders und verurteilte Schwan dazu, die 200 Kassetten herauszugeben; ein Gerichtsvollzieher holte den Quellenschatz in Köln ab.

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