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Streit über Strauß-Zitat : Wie rechts darf die Union sein?

  • -Aktualisiert am

Im Oktober 1986: Franz Josef Strauß war damals bayerischer Ministerpräsident, Helmut Kohl Bundeskanzler. Bild: dpa

Rechts von der Union darf es keine demokratisch legitimierte Partei geben, sagte einst CSU-Chef Strauß. Der Satz ist für die Kanzlerin kein Dogma, Horst Seehofer sieht ihn als Vermächtnis. Der neue Streit in der Union hat eine lange Vorgeschichte.

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          Horst Seehofer ist getroffen, nach eigenen Angaben sogar leicht schwer, nämlich „ein bisschen ins Mark“. Warum? Die Kanzlerin hat im Interview mit der F.A.S. vor einer Woche einen Satz von Franz Josef Strauß präzisiert. Der hatte einst gesagt, rechts von der Union dürfe es keine demokratisch legitimierte Partei geben. Angela Merkel schloss sich diesem Wunsch an, fügte aber hinzu, er sei nicht um jeden Preis zu erfüllen. Zu hoch sei der Preis dann, wenn Prinzipien aufgegeben werden müssten, „die den Kern unserer Überzeugungen ausmachen“.

          Wer dafür ein Beispiel brauchte, bekam es diese Woche vom stellvertretenden Vorsitzenden der AfD, Alexander Gauland, geliefert. Er sagte im Interview mit der „Zeit“-Beilage „Christ&Welt“: „Wir sind keine christliche Partei.“ Aber CDU und CSU sind christlich, das C steht ja nicht für Christopherstreetday. Soll die Union das C streichen und die Kirchen bekämpfen, wie Gauland es tut, damit die Gauland-Wähler Beifall klatschen? Franz Josef Strauß kann man nicht mehr fragen, aber zu den Sätzen, die von ihm überliefert sind, zählt auch dieser: „Wer everybody’s Darling sein möchte, ist zuletzt everybody’s Depp.“

          Das weiß Seehofer. Dass er Merkels Aussage mit „blankem Unverständnis“ begegnete und „völlig unnötig“ nennt, hat einen einfachen Grund. Sein Problem ist nicht, dass die Kanzlerin der AfD gegenüber standhaft bleibt, sondern dass sie es auch ihm gegenüber tut. Im F.A.S.-Interview spielte Merkel auf die Tradition an, in der Seehofers ständige Attacken gegen sie stehen – und auf die Tradition, diese abzuwehren. Der Satz darüber, dass es rechts von der Union keine Partei geben dürfe, kündete in Wirklichkeit nicht von Strauß’ Willen zur Integration, sondern von seiner Bereitschaft zur Spaltung. Strauß hatte damit Helmut Kohl gedroht.

          Dann kam Kohl the Kid

          1973 war Kohl zum Bundesvorsitzenden der CDU gewählt worden. Was das bedeutete, war ihm gleich klar; in seinen Lebenserinnerungen notierte er später lakonisch: „Von Anfang an bemühte ich mich um ein einvernehmliches Verhältnis zwischen CDU und CSU. Das gestaltete sich allerdings über viele Jahre als besonders schwierig und galt als die eigentliche Herausforderung für den CDU-Bundesvorsitzenden. Keiner meiner Vorgänger musste so viel Energie in das geschwisterliche Verhältnis investieren wie ich.“ Das lag auch daran, dass es Franz Josef Strauß war, der das geschwisterliche Verhältnis mitbestimmte und eigentlich am liebsten allein bestimmt hätte.

          Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf seinen Silberrücken: Strauß war fünfzehn Jahre älter als Kohl und schon seit zwölf Jahren Vorsitzender der CSU. Er war, während Kohl sich zum Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz hochgekämpft hatte, Bundesminister für Atomfragen gewesen und Bundesverteidigungsminister, er hatte die „Spiegel“-Affäre überlebt und als Bundesminister für Finanzen weitergemacht. Als er 1969 in die Opposition musste, bekämpfte er die Ostpolitik von Bundeskanzler Willy Brandt. Strauß sammelte Schlachtfelder wie andere Briefmarken. Und nun kam Kohl the Kid.

          Der ließ sich allerdings nicht so einfach schlachten, genau genommen gar nicht. Schlecht für Strauß, denn er wollte Kanzlerkandidat der Union werden. Die entschied sich 1975 aber für Kohl. Strauß war empört, hielt er doch sich selbst für den „geeigneten Kandidaten“. So stand es in einer Erklärung der CSU, an der diese auch festhielt, als es schon zu spät war. Strauß machte Kohl das Leben schwer, wann er nur konnte. So berichtete der „Spiegel“ im Oktober 1975: „Am Montag vergangener Woche versuchte der Mainzer dringend den bayrischen Vorsitzenden über Telephon zu erreichen, doch sowohl privat als auch in der CSU-Parteizentrale an Münchens Lazarettstraße bedauerte man: Strauß sei nicht zu sprechen. Am Dienstag ließ Kohl neuerlich bei Strauß anklingeln – wieder vergebens. Strauß hatte Besseres zu tun als mit Kohl zu reden. Er war auf Gams und Bock im Österreichischen.“

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