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Streit um Schulreform : Früher gemeinsam lernen

  • -Aktualisiert am

Ob in Hamburg oder in Nordrhein-Westfalen: über das deutsche Schulsystem wird heftig gestritten Bild: dpa

In der Hamburger Reformdebatte wie auch im wieder rot-grünen Nordrhein-Westfalen wird immer vom längeren gemeinsamen Lernen gesprochen. Dabei liegt die Lösung woanders: Es geht nicht um gemeinsames, sondern um ein früheres Lernen.

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          Alles ist kumulativ, pflegte Jürgen Baumert, der Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, zu sagen. Will sagen: Alles wird unten angerührt. Was Hänschen oder Cemchen nicht gelernt haben, lernen Hans oder Cem sehr viel schwerer oder gar nicht mehr.

          Fast jeder fünfte Berliner Drittklässler, dessen Muttersprache nicht deutsch ist, gehört zur Gruppe, der Studien „Kein hinreichender Nachweis für grundlegende Fähigkeiten im Lesen“ bescheinigt. Bei Schülern mit deutschem Hintergrund ist es fast jeder Zehnte. Und viele Fünfzehnjährige, die in den laut Pisa größten Risikogruppen in Hamburg und Bremen verortet werden, können nicht mit Verstand lesen und bestenfalls auf Grundschulniveau rechnen.

          Lenzen: „Lieber Vorschule mit Grundschule zusammenführen“

          Kompensatorische Maßnahmen für die eingefleischten Schul- und Sprachprobleme der Kinder aus Risikogruppen gibt es zuhauf und sie bringen offenbar nicht viel. Vorbeugende Maßnahmen für diese Kinder gibt es indes viel zu wenig, obwohl ihr Erfolg ganz gut erforscht ist.

          Es geht um die Frage, ob längeres gemeinsames Lernen sinnvoll ist

          Bei uns haben wir gerade die Krippenschlacht hinter uns, in anderen Ländern gibt es längst eine breite Diskussion über Bildung im Vorschulalter. Und sei es nur, weil die Investition in die frühen Jahre der Kinder von vielen Ökonomen als „weise“ bezeichnet wird.

          Von der „Bild“-Zeitung gefragt, was er von der angestrebten sechsjährigen Hamburger Primarschule halte, antwortete der neue Präsident der Universität Hamburg, Dieter Lenzen, ein Erziehungswissenschaftler: „Ein Lösungsansatz wäre gewesen, die Grundschule mit der Vorschule zusammenzuführen. Dann würden Kinder vom vierten bis zum zehnten Lebensjahr gemeinsam lernen. Zugleich bliebe der bisherige Übergang nach der jetzigen fünften Klasse erhalten.“

          Förderung muss früher beginnen

          Lenzen lieferte auch gleich noch die Begründung dazu: Die Intelligenzentwicklung setze massiv mit dem Spracherwerb ein. „Anders gesagt: Ein vierjähriges Kind ist sehr viel aufnahmefähiger als ein zwölfjähriges Kind.“ Deshalb müsse die Förderung früh ansetzen, und zwar nicht nur für Sprache, sondern auch für Mathematik und Naturwissenschaften.

          Nicht nur in der Hamburger Reformdebatte, auch im wieder rot-grünen Nordrhein-Westfalen wird gern vom längeren gemeinsamen Lernen gesprochen und davon, wie förderlich es sei. Doch denken alle dabei nur daran, nach der vierten Klasse zwei weitere gemeinsame Klassen anzuhängen, niemals an deren Vorverlegung. Als die Hamburger Schulsenatorin Christa Goetsch mit dem Vorschlag Lenzens konfrontiert wurde, winkte sie ab: Das würde man nie durchbringen.

          Warum sechs gemeinsame Jahre zwischen sechs und zwölf besser sein sollen als sechs gemeinsame Jahre zwischen vier und zehn, bleibt das Geheimnis der Reformideologen. Berlin etwa ist Ungerechtigkeitssieger bei Pisa und hat eine sechsjährige Grundschule!

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