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Streit um Kanzler-Interviews : Kohls Schmankerl und die historische Wahrheit

  • -Aktualisiert am

Der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl wollte seine harschen Urteile über Parteifreunde und ehemalige Weggefährten für sich behalten. Bild: dpa

Helmut Kohls einstiger Ghostwriter Heribert Schwan veröffentlicht medienwirksam Zitate aus seinem 630-Stunden-Interview mit dem früheren Bundeskanzler. Gegen dessen Willen - und passend zum Beginn der Frankfurter Buchmesse.

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          Das wollte man schon immer lesen – oder vielleicht doch nicht? „Frau Merkel konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen. Sie lungerte sich bei den Staatsessen herum, so dass ich sie mehrfach zur Ordnung rufen musste.“ So erinnerte sich der Kanzler der Einheit vor dreizehn Jahren bei laufendem Tonband an die Anfänge jenes Nachwuchstalents aus der untergegangenen DDR, das er im Januar 1991 zur Bundesministerin für Frauen und Jugend gemacht hatte.

          In den „Erinnerungen“ Kohls findet sich eine solche Äußerung aus verständlichen Gründen nicht – eben weil er ins Unreine gesprochen hatte, wovon das überflüssige „sich“ zeugt. Dass Kohls Ermahnungen aber nicht nur hinsichtlich der Tischsitten fruchteten, wird niemand bestreiten.

          Abrechnung mit Merkel, Wulff und Schäuble

          Solche und andere teils beleidigende, teils herabsetzende, vor allem abrechnende Schmankerln über das Personal der Union von Norbert Blüm über Wolfgang Schäuble, Lothar Späth, Franz Josef Strauß und Rita Süssmuth bis zu Richard von Weizsäcker und Christian Wulff sollen sich in dem Buch „Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle“ befinden, das der Heyne-Verlag seit Montag ausliefert.

          Parallel dazu wartet „Der Spiegel“ mit einer zehnseitigen Titelgeschichte auf, um der Publikation von Heribert Schwan und Tilman Jens Aufmerksamkeit zu verschaffen. Dazu meldet die Zeitschrift „Focus“, dass Kohls Anwälte angeblich prüfen, ob die Auslieferung des Buchs gestoppt werden könne, weil als Grundlage 200 Tonbänder dienten, deren Nutzung Schwan gerichtlich untersagt worden war.

          Der zur Verlagsgruppe Random House gehörende Heyne-Verlag stellt die Publikation am Dienstag in Berlin vor: der ehemalige WDR-Intendant Fritz Pleitgen wird Schwan und Jens moderieren.

          Kohl- und medienträchtiger kann eine Buchmessen-Woche kaum beginnen, zumal der frühere Bundeskanzler am Mittwoch in Frankfurt sein Buch „Vom Mauerfall zur Wiedervereinigung“ vorstellen möchte. Dabei handelt es sich um die Neuauflage der Veröffentlichung von 2009: Sie „fasst die einschlägigen Kapitel des zweiten und dritten Bandes der Erinnerungen Helmut Kohls zusammen“, teilweise „gekürzt und überarbeitet“. Für den 3. November ist schon die Präsentation des Kohl-Appells „Aus Sorge um Europa“ angekündigt.

          Kohls früherer Ghostwriter und Tonband-Gesprächspartner wird übrigens am 2. Dezember siebzig Jahre alt – Grund genug, um die denkwürdige Feier zum sechzigsten Geburtstag in der Kölner „Bastei“ in Erinnerung zu rufen: Freunde, Kollegen und Weggefährten ließen den damaligen WDR-Journalisten und Bestseller-Autor Schwan hochleben.

          Ein Gast hatte sich mehr oder weniger „selbst eingeladen“. Seine Anwesenheit am Tisch des Jubilars sorgte für großes Aufsehen. Schließlich erhob sich Kohl, ergriff das Wort zu einer staatsmännischen Würdigung, die in dem Satz gipfelte: „Heribert Schwan ist ein deutscher Patriot!“

          Spätestens jetzt war jedem klar, welche Bedeutung der Kanzler der Jahre 1982 bis 1998 dem Geburtstagskind beimaß, das ein Jahr nach Kohls Abwahl auf Empfehlung von Hannelore Kohl in Oggersheim den Kontakt aufnahm und einen eigenen Haustürschlüssel besaß. „Ich habe als Ghostwriter mit dem Mann Tag und Nacht gelebt, ich war in ihm drin“, meinte Schwan rückblickend. Herausgekommen sind dabei drei monumentale Bände „Erinnerungen“ über die Jahre 1930 bis 1994, erschienen 2004, 2005 und 2007.

          Ein Tonbandschatz aus dem Bungalow in Oggersheim

          Zwischen dem 12. März 2001 und dem 27. Oktober 2002 beantwortete der frühere Bundeskanzler an 105 Tagen die Fragen Schwans. Ein „Tonband-Schatz“ von 630 Stunden entstand, auf 200 Kassetten. Kohl soll besonders auskunftsfreudig gewesen sein, weil er über den Verlust seiner Frau Hannelore hinwegkommen wollte, die am 5. Juli 2001 freiwillig aus dem Leben geschieden war.

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