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Streit um Asylbewerberheim : Mitten im Kulturkampf

  • -Aktualisiert am

Auch an Laternenpfählen haben die Gegner des Asylbewerberheims ihre Parolen hinterlassen. Bild: dpa

Im sächsischen Freital sorgt ein Asylbewerberheim für heftigen Streit. Gegner protestieren wöchentlich. Befürworter versuchen, ankommende Flüchtlinge vor dem Hass zu schützen.

          Die rund 30 Menschen, die am Dienstagabend vor dem einstigen Hotel in Freital aus dem Reisebus steigen, sehen müde und abgekämpft aus. Es sind Mütter, Kinder, Familien und einzelne junge Männer, sie kommen aus Syrien, Albanien, dem Libanon, Afghanistan und dem Kosovo. Einige haben Reisetaschen und Rollkoffer dabei, andere tragen Plastiktüten mit ein paar Habseligkeiten, manche sind ganz ohne Gepäck angekommen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Auf ihrem kurzen Fußweg werden sie von jungen Leuten begrüßt, die seit dem Nachmittag hier ausharren. „Herzlich willkommen!“, rufen sie; einige springen in bunten Kostümen herum, sie reichen den Neuankömmlingen die Hand sowie Kekse und Bonbons, und sie hängen ihnen Papier-Luftschlangen um. Die meisten der Flüchtlinge gucken irritiert und verschwinden dann schnell im Eingang des dreistöckigen Gebäudes.

          „Wir wollen zeigen, dass Freital nicht ganz so braun ist“, sagt Steffi Brachtel von der „Organisation für Weltoffenheit und Toleranz Freital und Umgebung“. Sie und ihre Mitstreiter wollen die Flüchtlingsunterkunft beschützen vor Initiativen wie „Freital wehrt sich. Nein zum Heim!“ und „Frigida – unsere Stadt bleibt sauber“, von denen rund hundert Anhänger am Montagabend vor das Hotel gezogen und Berichten zufolge lautstark, aggressiv und mit ausländerfeindlichen Parolen gegen Flüchtlinge protestiert hatten. Aufgerufen dazu hatte auch Pegida-Gründer Lutz Bachmann, der via Facebook „Das muss ein Ende haben! Auf die Straße Leute! Wehrt Euch!“ gefordert und einen Teil der Demonstranten offenbar gleich von der Pegida-Demonstration in Dresden mitgebracht hatte.

          Etwa 200 Menschen empfangen am Dienstagabend ankommende Flüchtlinge.

          Zu ernsten Auseinandersetzungen oder Übergriffen kam es laut Polizei aber nicht. Die Geflüchteten allerdings befinden sich in Freital, ohne es zu ahnen, in einer Art Kulturkampf, der in der Kleinstadt bei Dresden seit Jahresanfang zwischen Asylgegnern und –befürwortern ausgetragen wird und der nun auch direkt vor dem ehemaligen Hotel stattfindet. Das hat schon bessere Zeiten gesehen: Die Fassade ist verwaschen, Putz und Farbe blättern. Bereits seit März leben in dem Gebäude hundert Flüchtlinge. Anlass für den neuerlich aufgeflammten Protest war die Entscheidung des Freistaats vom Montag, hier weitere 280 Plätze anzumieten, um die überfüllte Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Chemnitz zu entlasten.

          Dort waren am Wochenende mehr als 150 neue Asylbewerber angekommen, die zunächst in Zelten untergebracht wurden. Freital sei eine Interimslösung, teilt die für die Unterbringung zuständige Landesdirektion mit. „Die Leute haben hier ein festes Dach über dem Kopf und sollen erstmal zur Ruhe kommen“, sagt Sprecher Holm Felber. „Es gibt im Augenblick keine andere Lösung.“ Auch wenn es nirgendwo anders in Sachsen so große Probleme wie in Freital gebe, sei die Sicherheit der Flüchtlinge gewährleistet, Sicherheitsdienst und die Polizei kooperierten eng miteinander.

          Zentrum des Streits: das ehemalige Hotel Leonardo, in dem nun Asylbewerber untergebracht sind

          Am Dienstagabend hält sich die Polizei zunächst zurück; rund 200 Unterstützer für die Asylbewerber sind da, überwiegend junge Leute, viele von ihnen aus Dresden. „Es geht nicht, dass hier Flüchtlinge ankommen und von einem pöbelnden Mob empfangen werden“, sagt Steffi Brachtel, deren Sohn über Handy die Entwicklungen auf der anderen Seite verfolgt. Die Gegner rufen auf, sich abermals vor dem Heim zu versammeln, doch so lange es hell ist, tauchen sie nur vereinzelt und in weitem Abstand auf.

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