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Streit um Astra-Zeneca-Vakzin : Stiko-Chef Mertens kritisiert europäische Arzneimittelagentur

Thomas Mertens im November in Berlin Bild: dpa

Die europäische Arzneimittelbehörde empfiehlt den Impfstoff des Herstellers Astra-Zeneca für alle Erwachsenen. Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission reagiert mit Unverständnis. Auch Frankreichs Staatspräsident hat Bedenken.

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          Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut, Thomas Mertens, hat die Entscheidung der Europäischen Arzneimittelagentur (Ema) kritisiert, den Corona-Impfstoff des Herstellers Astra-Zeneca für alle Erwachsenen zu empfehlen. „Ich bin über das Vorgehen der Ema nicht wirklich glücklich“, sagte Mertens am Freitag während einer virtuellen Pressekonferenz.

          Kim Björn Becker
          Redakteur in der Politik.
          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die Stiko hatte zuvor eine abweichende Empfehlung abgegeben, die eine wesentliche Einschränkung umfasst. Weil der Impfstoff aus ihrer Sicht an zu wenigen Personen getestet wurde, die 65 Jahre und älter sind, empfiehlt sie, damit lediglich Erwachsene bis zu einem Alter von 64 Jahren zu impfen. Mertens kritisierte, dass die Ema mit den Daten anders umgehe und keine solche Einschränkung vornehme. Das Ergebnis der beiden abweichenden Einschätzungen hinsichtlich des nunmehr dritten Corona-Impfstoffs sei „verwirrend“. Die Rolle der Stiko, die von der Ema unabhängig ist, beschrieb Mertens offensiv: „Wir sind aufgerufen, für Deutschland für Klarheit zu sorgen“, sagte er auf der vom „Science Media Center“ ausgerichteten Pressekonferenz

          Muss die deutsche Verordnung geändert werden?

          Auch die Ema hatte in ihrer Empfehlung an die EU-Kommission darauf hingewiesen, dass die Datengrundlage bei älteren Personen dünn ist. Allerdings empfahl sie den Wirkstoff des britisch-schwedischen Herstellers Astra-Zeneca für alle Personen von 18 Jahren an. Nach Auffassung von Mertens ist die Ema damit „nicht wirklich zu einem anderen Urteil gekommen“ als die Stiko. Für diese komme es jedoch nicht in Frage, eine Empfehlung abzugeben und diese dann an anderer Stelle mit einer Warnung zu versehen.

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          Mertens sagte, dass die Einschränkung hinsichtlich der zu impfenden Altersgruppen „kein negatives Votum“ über den Impfstoff sei. „Die Daten sind aus unserer Sicht in der Gruppe der älteren Menschen nicht ausreichend, um wirklich etwas über die Wirksamkeit aussagen zu können.“ Die Ema vertritt die Auffassung, dass trotz dieser Mängel viel dafür spreche, dass der Impfstoff von Astra-Zeneca auch bei Älteren wirke. Sie führte die Wirksamkeit in anderen Altersgruppen und Erfahrungen mit weiteren Impfstoffen an.

          Mertens hob hervor, dass sich die Einschätzung der Stiko jederzeit ändern könne, sofern der Pharmakonzern neue Daten vorlegt. Die Evidenz sei in dieser Frage „im Fluss befindlich“, sagte er.

          Frankreich teilt die deutschen Bedenken über die Wirksamkeit des Impfstoffs bei älteren Menschen. Präsident Emmanuel Macron teilte am Freitagabend mit, dass „die ersten Ergebnisse“ bei Älteren „nicht ermutigend“ seien. Der Präsident wolle jetzt eine Stellungnahme der Ema sowie des französischen Beratungsgremiums Haute Autorité de la Santé abwarten. „Ich habe kein wissenschaftliches Team, das eigenständig die Zahlen bewertet“, teilte Macron mit. Macron hat am Freitagabend einen Verteidigungsrat im Elysée-Palast einberufen, um über eine mögliche Verschärfung der Corona-Beschränkungen zu entscheiden.

          Nach den zwei mRNA-Impfstpffen von Biontech/Pfizer und Moderna hat die EU am Freitagabend den Vektor-Impfstoff von Astra-Zeneca auf der Grundlage der Ema-Empfehlung zugelassen, also ohne Altersbeschränkung nach oben. Die Frage, welcher Impfstoff für welche Personengruppen geeignet ist, hat für den Ablauf der Impfkampagne in Deutschland erhebliche Folgen. Die derzeitige Verordnung sieht vor, dass neben ausgewähltem medizinischem Personal vor allem Pflegebedürftige und Personen, die älter sind als 80 Jahre, zuerst geimpft werden. Sollte der Impfstoff von Astra-Zeneca nicht für Ältere zur Verfügung stehen, müsste vermutlich die Verordnung geändert werden.

          Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums stehen Deutschland aus den EU-Bestellungen etwa 56 Millionen Dosen des Astra-Zeneca-Impfstoffs zu. Weitere knapp 51 Millionen Dosen werden von Moderna erwartet und mindestens 60 Millionen von Biontech/Pfizer.

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