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Streit um Stasi-Akten : Puzzlestücke einer Diktatur

  • -Aktualisiert am

Sichtung der Aktenlage: Säcke mit Papierschnipseln in Leipzig Bild: Picture-Alliance

Die Papiere des SED-Spitzelapparates verblassen: Um geeignete Aufbewahrungsstandorte wird deshalb viel diskutiert. Warum der Streit über die Zukunft der Stasi-Akten anhält.

          Papier ist geduldig, heißt es, doch nicht nur im Fall der Stasi-Akten stimmt die Volksweisheit nur bedingt. Denn fast 30 Jahre nach Auflösung des SED-Spitzelapparates beginnt selbiges auch mit vielen der von ihm hinterlassenen Papiere. „Manche Akten sind inzwischen kaum noch lesbar“, sagt etwa Lutz Rathenow, Sachsens Landesbeauftragter für die Aufarbeitung der SED-Diktatur. Jetzt sei „schnelles Handeln“ geboten, um sowohl Betroffenen weiter Zugang zu gewähren als auch nachfolgenden Generationen die Funktionsweise einer Diktatur anschaulich zu erklären.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Für Roland Jahn, den Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, ist Letzteres ohnehin ein Hauptanliegen. „Je besser wir die Diktatur begreifen, umso besser können wir Demokratie gestalten“ lautet eines seiner Leitmotive, das er unter anderem auf dem geplanten „Campus der Demokratie“ in Berlin mit Leben füllen will, wo Demonstranten im Januar 1990 den Hauptsitz des Ministeriums für Staatssicherheit besetzten.

          Die seitdem zugänglichen Akten sollen künftig in das Bundesarchiv überführt werden, wobei die Akten in den Außenstellen der ostdeutschen Bundesländer grundsätzlich dort verbleiben, beschloss eine Kommission zur Zukunft der Akten bereits 2016. Zudem soll jedes Ost-Bundesland mindestens eine Außenstelle zur Einsichtnahme behalten. In Sachsen, wo es aufgrund der Einwohnerzahl die mit Abstand größten Bestände gibt, führt dieser Plan jedoch zu Kontroversen.

          Mehr als 20 Kilometer Akten

          Bisher gibt es hier mit Chemnitz, Dresden und Leipzig drei Außenstellen mit insgesamt mehr als 20 Kilometern Akten nebst Sonderbeständen und Säcken voller hastig zerrissener Dokumente. Zwar ist die Nachfrage nach Akteneinsicht nicht mehr so groß wie in den vergangenen Jahren, allerdings ist das Interesse, auch nachfolgender Generationen, an der Vergangenheit hoch, was nach wie vor lange Wartezeiten in den Außenstellen mit sich bringt.

          Die Art der Aufbewahrung der Akten jedoch ist an allen drei Außenstellen alles andere als konservatorisch, kritisieren die Grünen im Sächsischen Landtag. So sind die Akten in Leipzig auf fünf Etagen inklusive Keller verteilt, was angesichts der Jahreszeiten zu schädlichen Klima-Einflüssen führe, in Dresden lagern die Akten in einem angemieteten Industriegebäude, und in Chemnitz sei die Aufbewahrung schlichtweg „ein Desaster“.

          Dort befinden sich die Akten in einer Leichtbauhalle, in der sich Temperatur und Luftfeuchtigkeit nicht regeln ließen. Nicht zuletzt deshalb schlug Sachsens Justizminister Sebastian Gemkow Ende vergangenen Jahres vor, alle in Sachsen befindlichen Stasi-Akten in Leipzig zu konzentrieren. „Für mich steht außer Frage, dass der Standort für ein neues Akten-Archiv die Stadt der Friedlichen Revolution sein sollte“, sagte der aus Leipzig stammende CDU-Politiker. Auch Roland Jahn befürwortet diese Idee.

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          Diese allerdings stößt im Freistaat gleich mehrfach auf Widerspruch. So lehnt Lutz Rathenow ein Zentralarchiv in Leipzig ab und fordert stattdessen, alle Außenstellen zu erhalten. Leipzig habe bereits mehrere Einrichtungen, die sich mit der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit beschäftigten, sagte der Landesbeauftragte. Sollten die Akten an einem Standort konzentriert werden, seien Dresden und noch mehr Chemnitz besser geeignete Orte.

          Gerade Chemnitz sei mit seiner zentralen Lage in Südwestsachsen ein guter Standort, nicht zuletzt auch, weil im nahe gelegenen Plauen im Herbst 1989 die Friedliche Revolution begann. Darüber hinaus verfüge die Stadt mit dem einstigen Kaßberg-Gefängnis, über das in den Jahren der deutschen Teilung der sogenannte Freikauf politisch Inhaftierter in die Bundesrepublik abgewickelt wurde, über einen authentischen Ort, an dem sich die Folgen der Diktatur anschaulich zeigen ließen.

          Auch die Grünen plädieren dafür, alle Außenstellen zu erhalten. „Es ist wichtig, die Akten dort zu bewahren, sie zugänglich zu halten und den Bürgern mindestens an diesen drei Außenstellen Beratung anzubieten“, sagte die demokratiepolitische Sprecherin der Fraktion, Katja Meier. Sie plädiert zudem dafür, die Beratung mit den zahlreichen Gedenkstätten zu vernetzen sowie die mobile Akteneinsicht auch in Kleinstädten auszubauen. Beides ist auch Rathenows Anliegen, der „authentische Orte“ stärken und zugleich „Bildung in jeglicher Form fördern“ will.

          Unterdessen ist man in Leipzig dabei, Fakten zu schaffen. Der Stadtrat beschloss bereits im Oktober, auf einem anderthalb Hektar großen Innenstadt-Areal einen Demokratie-Campus inklusive Zentralarchiv zu entwickeln. Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) sieht in diesem Ort „eine Riesenchance“, Demokratie und Freiheit erlebbar zu machen und „daran zu erinnern, was 1989 in Leipzig und im Osten Deutschlands möglich war“.

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