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Gastbeitrag : Multikulti oder Wahnwitz der Gleichförmigkeit?

  • -Aktualisiert am

Wie kann Integration gelingen? Bild: Picture-Alliance

„Multikulti“ heißt nicht Beliebigkeit, sondern braucht einen gemeinsamen, verbindlichen Wertekanon. Wir müssen die Balance zwischen größtmöglicher Vielfalt und notwendiger Einheit finden. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Europa droht sich zu verlieren, wenn es nicht mehr weiß, was es im Kern ausmacht. Die Erosionsprozesse machen sich nur oberflächlich am Streit in der Flüchtlingsfrage fest. Kontrovers debattiert wird ja nicht nur, ob, wem und in welchem Umfang Europa Zuflucht bieten soll. Hinter den Auseinandersetzungen über Dublin-Regime, Verteilungsschlüssel und Obergrenzen verbirgt sich vielmehr eine grundsätzliche Debatte über das europäische Gesellschaftskonzept.

          Wofür steht Europa? Was macht den Kern einer europäischen Gesellschaft aus? Welche gemeinsamen Werte halten uns zusammen? Die EU-Verträge sind hier eindeutig: Toleranz, Pluralismus und Nichtdiskriminierung - auf diese Werte haben wir uns verständigt. Genau diese Grundregeln werden derzeit aber von einigen offen in Frage gestellt - auch von Regierungen: Flüchtlinge seien nicht erwünscht, weil sie Muslime seien, aus fremden Kulturkreisen kämen und die Sprache des Gastlandes nicht beherrschten.

          Mit berechnender Kaltblütigkeit gehen diese Kritiker daran, den Integrationskern Europas umzudeuten. Sie beziehen sich zwar auf den eigenen souveränen Nationalstaat, treffen aber ganz Europa. Die EU ist nun einmal mehr als nur die Summe von 28 Mitgliedstaaten. Sie ist ein Wert an sich, sie bindet Länder und deren Völker. Die EU gibt niemandem vor, welche Religion, Hautfarbe oder Kultur im Einzelfall erwünscht ist. Gesellschaften, die sich auf einem homogenen Verständnis gründen, sind dagegen nicht nur vorgestrig, sie widersprechen auch dem Geist der Verträge.

          Dieser Konflikt um unser europäisches Gesellschaftsmodell steht unausgesprochen im Raum. Es wäre fatal zu glauben, es gäbe diesen Konflikt nicht, nur weil in den Verträgen etwas anderes steht. Er ist real, und gründet auf ganz konkreten Ängsten und Sorgen in der Bevölkerung. Diese werden von nationalistischen und populistischen Bewegungen angeheizt, ja missbraucht.

          „Multikulti“ braucht einen gemeinsamen Wertekanon

          „Multikulti“ steht derzeit nicht hoch im Kurs in Europa. Vielleicht haben wir nicht deutlich genug gemacht, dass es eben nicht um Beliebigkeit, sondern um wertegebundene Verlässlichkeit geht. Multikulturalität, -ethnizität und -religiosität brauchen einen gemeinsamen, verbindlichen Wertekanon. Zuwanderer, die dauerhaft bleiben wollen, müssen unsere Grundwerte respektieren - ohne Wenn und Aber. Doch diese Werte fallen nicht einfach so vom Himmel, sie müssen vermittelt und erlernt werden - in Kindergärten und Schulen, in Jugendgruppen und Sportvereinen.

          Der generelle Vorwurf lautet, das europäische Gesellschaftskonzept habe den Praxistest nicht bestanden. Das sehe man an Gettoisierung, Segregation und gescheiterter Integration in einigen Einwanderungsländern. Doch nicht das Konzept des Multikulturalismus ist gescheitert, sondern dessen bisherige Umsetzung. Keine Frage, bei der Integration müssen wir noch viel besser werden. Aber wir sollten auch nicht alles schlechtreden. Einiges mag in den vergangenen Jahrzehnten falsch gelaufen sein - aber vieles ist auch geglückt.

          Vielleicht können gerade wir in Deutschland mit unseren Erfahrungen denjenigen Mut machen, die noch zweifeln. Unsere Partner können aus unseren Fehlern, aber auch aus unseren Erfolgsgeschichten lernen. Wer nur das Misslingen betont, der hat Europa nicht verstanden. Schließlich ist unser Kontinent historisch schon immer ein Ort der Ein- und Zuwanderung gewesen.

          Identitätskrise als Chance für Europa

          Ja, Gesellschaften, die sich offen zeigen für unterschiedliche Kulturen, Religionen und Ethnien, sind anstrengend. Aber sie sind eben auch bunt und bereichernd. Die Balance zwischen größtmöglicher Vielfalt und notwendiger Einheit muss dabei immer wieder neu austariert werden. Und solche Prozesse brauchen Zeit und Geduld. Doch es lohnt sich, denn Europa wird dadurch stärker, kreativer und friedlicher. In einer globalisierten Welt sind offene und inklusive Gesellschaften in der Lage, neue Trends viel schneller zu begreifen, aufzunehmen und in spürbaren Fortschritt umzuwandeln.

          Wenn wir diese Debatte jetzt nicht offensiv führen, dann überlassen wir Europa zunehmend dem Wahnwitz der ethnischen, kulturellen und religiösen Gleichförmigkeit. Noch ist es nicht zu spät, die derzeitige Identitätskrise als Chance für Europa zu verstehen. Wir haben dabei nichts zu befürchten – außer unserer Angst vor dem Unbekannten.

          Der Autor ist Mitglied der SPD und Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt.

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