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Streiks und Corona-Ausbreitung : Geht’s noch?

Muss das sein? Hochzeitsfeier in Berlin - wenigstens unter freiem Himmel. Bild: dpa

Nicht nur die Warnstreiks von Verdi lassen Corona-Appelle vom Frühjahr wie hohles Pathos erscheinen. Auch das asoziale Verhalten auf Privatfeiern gehört dazu. Der Staat reagiert darauf zu zögerlich.

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          Wenn nicht gerade Corona das Land lahmlegt, kommt Verdi um die Ecke. Die Gewerkschaft für den öffentlichen Dienst ist auf den kuriosen Gedanken gekommen, den öffentlichen Nahverkehr zu bestreiken. Als ob Corona das nicht schon Monate zur Genüge besorgt. Pendler nutzen lieber das Auto oder bleiben im „Home-Office“. Warum Verdi einen der größten Verlierer der Corona-Krise bestreikt, ist ebenso ein Rätsel wie der Ausstand in Kitas und Krankenhäusern.

          Überbieten ließe sich diese Dreistigkeit, so viel Sarkasmus muss sein, nur noch durch Warnstreiks unter Beschäftigen des öffentlichen Dienstes, die wochenlang zuhause Däumchen drehten, während andere sich aufopferten oder noch immer auf Kurzarbeitergeld angewiesen sind. Fehlte nur noch, dass Verdi demnächst die Gesundheitsämter bestreikt.

          Es ist allerdings nicht nur die Gewerkschaft, die Corona-Appelle vom Frühjahr wie hohles Pathos erscheinen lässt. Die neue Ausbreitung des Coronavirus geht zu einem nicht geringen Teil auf ein Verhalten zurück, das man unsolidarisch oder gar asozial nennen muss: Hochzeiten, Familienfeiern oder Partys, für die der Sammelbegriff „Besäufnisse“ zutrifft und deren Gäste keinerlei Anteil daran zu nehmen scheinen, was das Land beschäftigt.

          Sie selbst mögen nur egoistisch Zweifel an der Richtigkeit der Corona-Politik ausleben. Gefährdet wird aber deren Kern, der gerade im Sinne dieser Zweifler sein müsste: dass ein Lockdown mit allen Mitteln zu verhindern ist. Da ist staatliche Autorität gefragt, und die kommt derzeit zu kurz.

          Es ist deshalb richtig, dass die Bundesregierung von ihrem föderalen Kurs in einem Punkt abrückte und für bundesweit strengere Vorschriften für (oft ohnehin überflüssige oder verschiebbare) Privatfeiern plädierte. Auch die Ministerpräsidenten, die zu Recht auf dezentralen Lösungen beharren, müssen ein Interesse daran haben, dass gegen die Haltung „Mich geht das alles nichts an“ ein Zeichen gesetzt wird.

          Das Argument, das lasse sich nicht kontrollieren, ist hergeholt. Es kommt auf die Sanktionen an. Auch da handeln Staat und Kommunen derzeit viel zu lasch.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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