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Getrenntes Baden : Schwimmen in schwierigen Verhältnissen

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Im Burkini spielt die Berlinerin Abir in einem Freibad mit ihren Kindern. Bild: dpa

Das Freiburger Lorettobad führt seit Ende des 19. Jahrhunderts ein separates Frauenbad. Inzwischen nutzen auch junge Musliminnen das Angebot ausgiebig. Nicht jeder ist damit einverstanden.

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          Das Lorettobad ist eine Freiburger Institution. Ein Traditionsbad, das seit 1886 ein separates Frauenfreibad führt. Direkt dahinter liegt ein großes gemischtes Freibad, nur eine Mauer trennt die beiden Bereiche. Früher wurde das Freibad vor allem von älteren Frauen besucht, viele von ihnen besitzen eine Saisonkarte.

          In der Schlange vor der Kasse des Freiburger Bades stehen an einem heißen Sonntagvormittag allerdings vor allem muslimische Frauen in Niqab oder Hijab. Sie kommen sogar aus dem Elsass oder aus Basel angereist, denn reine Frauenfreibäder gibt es nirgends.

          Einige Schwimmbäder, vor allem Hallenbäder, bieten in Deutschland separate Zeiten für Frauen an, manche einmal die Woche, andere einmal im Monat. Für muslimische Frauen sind diese getrennten Badezeiten besonders wichtig. Muslimische Verbände fordern deswegen, das Angebot auszuweiten.

          Falsch verstandene Toleranz führt zur Spaltung der Gesellschaft

          Das fordert auch die Kommunale Ausländervertretung in Frankfurt, und stellte im Frühjahr dieses Jahres einen Antrag auf ein größeres Angebot an separaten Badezeiten. Der Antrag bezieht sich insbesondere auf Hallenschwimmbäder, denn es geht darum, dass muslimische Frauen das ganze Jahr über schwimmen gehen können sollen.

          Anfragen von muslimischen Verbänden werden vielerorts allerdings schon von Seiten der Bäderbetriebe abgeschmettert. „Kein Geld, zu wenig Personal“, heißt es dann, wie zum Beispiel von den Bäderbetrieben in Dreieich bei Frankfurt oder in Hamburg-Harburg.

          Dahinter steht nicht nur die Frage, ob das finanzierbar ist. Es ist auch eine politische Frage. „Wenn wir falsch verstandener Toleranz nachgeben, werden wir den Keil in der Gesellschaft weiter vorantreiben. Ich halte nichts davon, wenn wir zusätzliche Strukturen schaffen, die Parallelstrukturen festigen“, sagt der hessische CDU-Landtagsabgeordnete Ismail Tipi, der selbst vor vielen Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam.

          Getrennte Badezeiten als Zeichen von Unterdrückung

          Dahinter steht die Ansicht, dass getrennte Badezeiten indirekt ein Zeichen von Unterdrückung sind. Und dass Gleichstellung von Mann und Frau bedeutet, Frauen keine Extrarechte einzuräumen, wie sein Kollege Hartmut Honka es formuliert.

          Dabei gibt es nicht erst seit der Debatte über Niqabs und Burkinis separate Badezeiten und Bereiche für Frauen. Barbara Cárdenas, hessische Landtagsabgeordnete der Linkspartei, versteht die Aufregung nicht, und fügt hinzu, insbesondere ältere deutsche Frauen schätzten es ebenso, beim Schwimmen unter sich zu bleiben. Tatsächlich gibt es Mädchen- und Frauenschwimmen nicht erst seitdem es muslimische Verbände fordern. In vielen Thermen gibt es Frauenbereiche, auch in der Sauna.

          Die muslimischen Frauen, die auf der Wiese im Lorettobad in Freiburg liegen, legen ihre Kopfbedeckung ab, sobald sie die Holztüren, die das gemischte Freibad von dem Frauenbad trennen, passiert haben. Allerdings fällt auf: in jeder Frauengruppe, die neu dazukommt, tragen einige Frauen Niqab, Hijab oder Kopftuch, andere nicht.

          Viele Stammnutzer meiden das Bad mittlerweile

          Das einzige Mädchen, das einen Burkini trägt, ist eine Siebzehnjährige aus Italien. Die junge Frau ist zu Besuch bei ihren Cousinen, die in Colmar wohnen, der französischen Grenzregion. Von den fünf Mädchen tragen drei einen Niqab.

          Sie selbst trage einen Niqab, ihre Schwester aber nicht, erzählt sie. „Das ist unsere Entscheidung, meine Schwester geht auch in gemischte Bäder oder am Strand im Bikini schwimmen, ich hingegen nicht.“ Die Mädchengruppe ist zum ersten Mal hier. Das Lorettobad habe sich schon rumgesprochen, sagen die Mädchen.

          Früher war es eine Oase

          Der Andrang muslimischer Frauen kommt allerdings nicht bei allen gut an. „Es sind schon viele weggeblieben, von meiner Stammcrew“, erzählt eine ältere Frau, die auf einer Bank unter dem überdachten Seitenteil der Mauer sitzt. Ihre Freundin, die neben ihr sitzt, nickt.

          Früher sei das Lorettobad eine Oase gewesen, ruhig und beschaulich, sagt ihre Freundin. Jetzt springen hier viele Kinder umher. Von den Frauen, die dort liegen, sind manche sehr stark gekleidet, andere tragen Bikinis oder Schwimmshorts. Ältere Frauen sitzen mit Kopftuch im Schatten, jüngere Frauen tragen Bikinis und sonnen sich.

          Aus einer Gruppe junger Deutschtürkinnen regt sich eine junge Frau lautstark über eine andere französische Besucherin auf. „Wenn die sich nicht benehmen können, sollen die bitte in Frankreich bleiben“, schimpft sie.

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